Elfriede Hammerl

Elfriede Hammerl

© Alexandra Unger

Meinung
05/14/2022

Elfriede Hammerl: Das kollektive Wir

Ich holze keine Regenwälder ab. Ich fliege nicht zum Spaß ins Weltall. Man schiebe mir derlei Mist nicht in die Schuhe!

von Elfriede Hammerl

Und übrigens ersuche ich höflich, ausgenommen zu werden vom kollektiven Wir. Ich fühle mich nicht mitgemeint.

Angeblich hinterlassen WIR unseren Kindern eine zerstörte Natur, WIR beuten die Bodenschätze aus, holzen Regenwälder ab, haben die Ozonschicht beschädigt. Des Weiteren vererben WIR unseren Nachkommen marode Krankenkassen, reparaturbedürftige Bildungseinrichtungen, ein kollabierendes Pensionssystem und sonst noch allerhand Schlechtes. Heißt es.

Dagegen möchte ich jetzt einmal einwenden: Ich bin’s nicht. Sie sind es wahrscheinlich auch nicht. Und schon gar nicht ist es die Mindestrentnerin von nebenan.

Ich fühle mich nicht verantwortlich für den großen Raubbau. Ich profitiere nicht vom Sozialabbau. Ich wirke nicht mit am Niedergang von allem, was niedergeht. Jedenfalls nicht in einem Ausmaß, das rechtfertigen würde, dass man mich in einen Topf wirft mit Jair Bolsonaro, dem CEO von Exxon, irgendwelchen Wall-Street-Haien oder auch nur Lokalpolitikern, die Grünland für Shoppingcenter opfern. Ich horte keine Milliarden, ich verwüste keine Landstriche für den Lithiumabbau, ich hinterziehe keine Steuern. Ich fliege nicht zum Spaß ins Weltall, das macht Herr Elon Musk, der mit einem Raketenstart 300 Tonnen  in die obere Atmosphäre katapultiert. Ich glaube nicht, dass es genügt, bei gleichbleibendem Individualverkehr Benzin- durch Elektroautos zu ersetzen, weswegen ich dem Hype um E-Autos skeptisch gegenüberstehe. Aber wie es scheint, hört kein Schwein auf mich, und demnächst werden WIR uns diesbezüglich geirrt haben.

Das kollektive Wir entlastet die Schuldigen und die Verantwortlichen.

Ich informiere mich, so gut es geht, ehe ich zur Wahlurne schreite, und ich wähle keine Partei, die sich die Privatisierung der Daseinsvorsorge auf die Fahnen geschrieben hat.

Ja, ich mache dennoch Fehler, ich begehe alle möglichen kleinen Sünden, aber im Großen und Ganzen bin ich eine redliche Person. So wie Sie. Und wie die Mindestrentnerin von nebenan. Nebenbei gesagt wohnen Mindestrentnerinnen in meiner Nachbarschaft, weil ich weder in einem elitären Villenviertel noch in einem spektakulären Dachterrassenappartement residiere, man kann mir also keinen abgehobenen Lebensstil vorwerfen.

Ich bin auch ein friedlicher Mensch. Ich wüsste nicht, wodurch ich anderen Anlass zu Schießereien, Bombenanschlägen oder zu sonstigen mit Waffengewalt ausgetragenen Konflikten gegeben hätte.

Trotzdem falle ich unter das kollektive Wir, das uns alle gleich verantwortlich macht und gleich schuldig spricht.

Das kollektive Wir entlastet die Schuldigen und die Verantwortlichen. Ich soll mich mit ihnen in eine Reihe stellen. Ich soll mir reumütig an die Brust klopfen, worauf sie einen Schritt zurücktreten und mit Fingern auf mich zeigen oder medial zeigen lassen.

Ich möchte das bitte ablehnen. Ich sage das so höflich, weil ich ein höflicher Mensch bin, aber verarschen kann ich mich selber.

Wir waren zu verschwenderisch. Wir haben zu sorglos in den Tag hineingelebt.

Also ich eigentlich nicht. Verschwenderisch war und bin ich nicht. Und ich habe verdammt noch mal ein Recht darauf, mir nicht ständig Sorgen machen zu müssen.

Vielleicht war vieles von dem, was geschehen ist, grundsätzlich falsch, und vielleicht war es falsch, es für richtig zu halten. Ich bin gern bereit, Ansichten zu revidieren und Gewohnheiten zu ändern. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass ich manches nicht gewusst habe. Sich auf Nichtwissen auszureden, gilt als unehrenhaft, doch ehrlich, ich sehe mich außerstande, alles zu wissen, noch dazu im Voraus. Muss ich mich nicht auf Kompetenzen verlassen und manche Verantwortlichkeiten delegieren dürfen?

WIR müssen angeblich umdenken, aber ich möchte festhalten, dass ich noch nie so gedacht habe wie Elon Musk oder Jeff Bezos oder Gerhard Schröder. Das war vielleicht zu meinem persönlichen Nachteil, der Welt hat es aber nicht geschadet, es ist daher vielleicht nicht nötig, dass ich groß umdenke, damit die Welt gerettet werden kann.

WIR haben angeblich Geschäfte mit Putin gemacht und WIR haben uns abhängig gemacht vom russischen Gas. Hab ich? Ich habe definitiv mit Herrn Putin nie gedealt, und hätte Herr Seele von der OMV – der unsere Gasversorgung der Gazprom mit der Begründung ausgeliefert hat, man solle nur auf einer Hochzeit tanzen –, hätte mich der gefragt, hätte ich womöglich eingewendet, dass ich Abhängigkeit nicht so sexy finde, weder im Zusammenhang mit Hochzeiten noch überhaupt.

Wir sollten uns das nicht mehr gefallen lassen. In diesem Fall kollektives Wir, denn wir sind ja viele. Wir sind wir alle, über deren Köpfe hinweg Regenwälder abgeholzt, Bodenschätze ausgebeutet, Grünflächen zubetoniert und Eheverträge mit der Gazprom ausgehandelt werden.

Ja, wir müssen den Mist ausbaden, aber dass wir auch noch ein flottes „Selber schuld!“ an den Kopf geworfen kriegen, ist zu viel.

Seltsam die Bereitwilligkeit, mit der so viele das kollektive Wir übernehmen und (in Talkshows oder bei privaten Debatten) bekennen, dass WIR schließlich – und so weiter. Warum tun sie das? Schmeichelt es ihrer Eitelkeit? Fühlen sie sich bedeutend, wenn sie behaupten, die Welt an den Rand des Abgrunds geführt zu haben?