<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Entsorgte Väter

Der leidende Mann als Liebkind der Medien. Warum die Mütter nicht zu Wort kommen.

Pünktlich zum Vatertag wandten sich die Medien wieder einmal dem Thema der angeblich entsorgten Väter zu, die nach Trennung oder Scheidung von machtbesessenen Müttern am Kontakt zu ihren Kindern gehindert würden. Sie gingen dabei unterschiedlich seriös vor. Während zum Beispiel die „Presse“ vom 14. Juni sich um ein sachliches Bild bemühte und daher auch Männerforscher zitierte, die den behaupteten Opferstatus der entmachteten Väter relativierten (und unter anderem darauf hinwiesen, dass die meisten Väterrechte-Gruppen ein explizit feminismusfeindliches Weltbild vertreten), startete der „Kurier“ vom selben Tag eine Herz-Schmerz-Serie zum Mitweinen.

Unter dem Titel Wenn Männer ihr Kind verlieren: „Die Liebe stirbt nie“ wurde zum Auftakt ein verlassener Vater porträtiert, wie er bedauernswerter nicht denkbar ist. Seine Ex-Frau samt Nachwuchs in die USA übersiedelt. Er, als Vater zunächst der glücklichste Mann der Welt, aus allen Wolken gefallen, als er plötzlich mit dem Vorwurf der ehelichen Untreue konfrontiert wurde. Trotz Schuldlosigkeit geschieden. Heute allein und nur noch mit der Sehnsucht nach den Kindern lebend. Nasse Augen beim Interview. Die 170-Quadratmeter-Traumwohnung ein Museum der Erinnerungsstücke: Kinderspielzeug, Kinderpatscherln, in den Kinderbetten Bettwäsche, die der Vater alle 14 Tage wechselt. Ein Foto zeigt ihn bei dieser Tätigkeit, ein anderes in dekorativer Pose vor ­einer Holzeisenbahn auf dem Bauch liegend.

Die Story liest sich herzzerreißend. Sie hat allerdings ­einen Schönheitsfehler: Die Mutter kommt nicht zu Wort. Wie würde sie die Geschichte erzählen? Wir erfahren es nicht. Stattdessen werden die väterlichen Behauptungen eins zu eins als unumstößliche Wahrheit wiedergegeben.

Das ist das Ärgerliche an den Vaterschicksalen, die uns in schöner Regelmäßigkeit als Folge des angeblich viel zu großen Handlungsspielraums von Müttern aufgetischt werden: Ihre Darstellung ist einseitig und parteiisch. Sie können (halbwegs) stimmen, sie können aber auch erlogen sein.

Natürlich unterliegen die Betroffenen ihrer subjektiven Wahrnehmung. Dass der Mann, dessen ehemalige Frau nichts von ihm wissen will, sich selber als tadellosen Ehemann und Vater in Erinnerung hat, verwundert nicht, entspricht aber halt möglicherweise nicht den Tatsachen. Und wenn seine Ex-Frau ihn als letztklassigen Falotten schildert, dann muss auch das nicht wahr sein.

Verantwortungsvoller Journalismus versucht, zwischen subjektiven Behauptungen und objektiv nachweisbaren Fakten zu unterscheiden. Väter, denen Unrecht geschieht, gibt es. Aber nicht jeder Vater, der sich als Opfer präsentiert, ist auch eins. Deswegen wäre es wichtig, alle Beteiligten zu hören und ihre Aussagen gegeneinander abzuwägen, ehe man zu Schlussfolgerungen kommt.

Dass JournalistInnen gerade im Fall der Väterrechte so oft gläubig auf den Zug der einseitigen väterlichen Selbstdarstellung aufspringen, hat was mit erhoffter Originalität zu tun. Der leidende, verletzte, entrechtete Mann, dessen liebevolle, zärtliche, fürsorgliche Seite nicht zum Tragen kommen darf, weil machoide Frauen und eine vom Genderwahn verbildete Gesellschaft diese seine Qualitäten zurückweisen – der gibt zur Abwechslung eben ein anderes Rollenbild her, als es die immer gleichen Lamentos über männ­liche Egoschweine liefern.

Gibt er? Eigentlich hat er sich inzwischen ebenfalls schon abgenützt, so inflationär, wie er uns begegnet. Aber das muss sich scheint’s erst herumsprechen.

Noch einmal: Dass es leidende Väter gibt, bestreite ich nicht, und auch nicht, dass unsere Gesellschaft das Fürsorgepotenzial von Männern möglicherweise unterschätzt. Letzteres ist allerdings nicht, wie gern behauptet wird, die Schuld böser Emanzen, sondern die logische Folge tradierter Männlichkeitsbilder. Aber die rührseligen Berichte über eine angeblich wachsende Zahl ausgebooteter Väter verzerren die Realität. Im richtigen Leben erlahmen die Kontakte zwischen Scheidungsvätern und Kindern nicht infolge böswilliger Absichten eines Elternteils, sondern weil die Eltern an einem entsprechenden Alltagsmanagement scheitern. Ist ja auch nicht so einfach. Sehr oft hat die Kooperation schon vor der Scheidung nicht geklappt, jetzt kommen erschwerte Bedingungen dazu: neue PartnerInnen, auf die Rücksicht genommen werden muss, eventuell weitere Kinder, der neue Ganztagsjob der geschiedenen Mutter, weit voneinander entfernte Wohnungen. Und sehr oft wird als Bremsen oder Ausbooten vonseiten der Mutter interpretiert, was in Wirklichkeit nur ihre berechtigte Weigerung oder ihr nachvollziehbares Unvermögen ist, die Kontaktpflege zwischen Kind und Ex-Mann als ihre alleinige Aufgabe wahrzunehmen.

Themawechsel: In einem Kommentar zur Krise der Grünen schreibt Gerfried Sperl (im „Standard“ vom 15. Juni): Die bald zweifache Mutter Eva Glawischnig sollte sich auf den Posten einer grünen Klubchefin im Parlament konzentrieren. Diese Kiste kennt sie.
Hoppla aber auch, was hat denn Eva Glawischnigs Mutterschaft mit ihrer Qualifikation oder Nicht-Qualifikation für politische Spitzenposten zu tun? Warum nicht gleich Ehelosigkeit, sexuelle Enthaltsamkeit, ja, Jungfräulichkeit von Politikerinnen verlangen? Können sich ja sonst nicht konzentrieren, die Weiber.n

elfriede.hammerl@profil.at