Elfriede Hammerl: Junge Eliten

Elfriede Hammerl: Junge Eliten

Was verbindet eine Gymnasiastin, die Greta Thunberg nacheifert, mit einem Schulabbrecher?

Unsere Kinder engagieren sich für den Klimaschutz. Das erfüllt uns mit Freude und mit Stolz. Sehr her, sie sind gar nicht apolitisch! Sie sind keine Konsumidioten! Sie haben mehr im Kopf und im Sinn als ihr Freizeitvergnügen!

Zwischenfrage: Sind diese unsere Kinder repräsentativ für die Generation der 14- bis 20-Jährigen?

Nein, sagt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. In einem Interview mit profil ordnet er die protestierenden Jugendlichen dem oberen Gesellschaftsdrittel zu. Sie kämen, sagt er, aus den „bildungsnahen Schichten, die immer politikinteressiert waren“.

Die bildungsnahen Schichten. Das sind wir, die stolzen Eltern und Großeltern dieser Jugendlichen. Wir haben unseren Kindern beigebracht, dass man Verantwortung übernehmen soll. Deswegen wollen sie jetzt unseren verantwortungslosen Umgang mit dem Klima nicht länger dulden. Und sie haben recht.

Sie: Schülerinnen und Schüler, die ihren Schulunterricht bestreiken, um auf die Straße zu gehen. Aber wo bleiben die Lehrlinge, die jungen ArbeiterInnen, die jungen Arbeitslosen?

Sind mehrheitlich nicht dabei. Kommen aus bildungsfernen Milieus. Haben null Bock auf Politik, das Klima ist ihnen wurscht. Ja, so ist das leider: Welten zwischen den sozialen Schichten. Tiefe Gräben. War doch schon immer so.

Stimmt, die Gräben sind nicht neu. Und die Jugendproteste der Vergangenheit waren ebenfalls, so Heinzlmaier, „Elitenbewegungen“.

Was wurde aus dem Traum von Chancengleichheit?

Allerdings gab es eine Zeit, in der man gehofft hat, die Gräben zwischen den sozialen Schichten zuschütten – oder zumindest verkleinern – zu können. Inzwischen scheinen sie breiter als zuvor. Was verbindet eine eloquente Gymnasiastin, die sich Greta Thunberg zum Vorbild genommen hat, mit einem Schulabbrecher, der Probleme mit dem sinnerfassenden Lesen hätte, wenn er Lesen nicht eh für überflüssig hielte? Nicht viel. Aber können wir es uns leisten, uns mit dem Stolz auf die Gymnasiastin zu begnügen und den Schulabbrecher als hoffnungslosen Fall abzuschreiben?

Was ist aus dem Traum von einer Gesellschaft geworden, in der Chancen so gerecht wie möglich verteilt werden sollten und Bildung für alle ein erstrebenswertes Ziel sein würde?


Die sozialen Gegensätze haben sich nicht ent-, sondern verschärft.

Na gut, die einen haben ihn nie geträumt. Die wollten seit jeher nur ihren Kindern ein möglichst großes Stück vom Kuchen sichern und die anderen auf Abstand halten. Aber auch Eltern, die bloß deswegen zu den bildungsnahen Schichten gehören, weil sie von den Reformen der 1970er-Jahre – kostenloser Zugang zu höheren Schulen, Schülerfreifahrt, Gratisschulbuch – profitiert haben, schicken ihre Kinder mittlerweile in Privatschulen, wo sie vom Umgang mit der Plebs verschont bleiben. Ihre Beweggründe sind nicht ganz unverständlich. Erstens bieten Privatschulen in der Regel eine halbwegs gute Nachmittagsbetreuung an. Und zweitens ist die öffentliche Alternative nicht immer eine, an der störungsfreies Lernen und ein einigermaßen gewaltloser Umgang unter SchülerInnen garantiert sind. Zwar sind auch Bürgerkinder nicht von Natur aus sanftmütig, aber sie werden darauf trainiert, ihre Aggressionen zu kontrollieren, während die aus den unterprivilegierten
Milieus mehr aufs Faustrecht konditioniert sind.

Zeitgeist rechtfertigt das soziale Ungleichgewicht

Die sozialen Gegensätze haben sich nicht ent-, sondern verschärft. Die einen sind informiert, eloquent und international vernetzt, die anderen pflegen ein (nicht unberechtigtes) Gefühl der Benachteiligung und setzen es in Lernverweigerung und interne Lagerkämpfe um. Der Zeitgeist stoßt sich nicht daran. Er rechtfertigt das soziale Ungleichgewicht, indem er jegliche Lebensumstände zum Produkt der persönlichen Leistung oder des persönlichen Unvermögens erklärt, und er will die Dumpfbacken dumpf, um sie manipulieren zu können.

Ob die jungen Eliten auch einmal gegen diesen Zeitgeist protestieren werden? Es schaut vorläufig nicht danach aus.
Bildung, die zweite: Ab 2020 soll es an den AHS- und BHS-Oberstufen einen verpflichtenden Ethikunterricht geben, verpflichtend allerdings nur für SchülerInnen, die am konfessionellen Religionsunterricht nicht teilnehmen.

Das ist unsinnig. Denn der Unterricht, der die Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft letztlich in eben diesem Glauben bestärken soll, ist kein Äquivalent zu einem Unterrichtsfach, das die Aufgabe hat, neutral über Religionen zu informieren und Fragen der Ethik ohne konfessionelle Anbindung zu behandeln. Man könnte sogar sagen, gerade für religiös indoktrinierte SchülerInnen wäre das Gegengewicht neutraler Informationen wichtig. Falls aber der Religionsunterricht eh nix mit konfessioneller Indoktrinierung zu tun hat – warum muss er dann nach Konfessionen getrennt stattfinden? Und warum kann er dann nicht erst recht durch den Ethikunterricht ersetzt werden?

Keinen Ethikunterricht wird es übrigens an Berufsschulen geben. Siehe oben: Es gibt Jugendliche und Jugendliche. Manche sind wichtig. Manche offenbar nicht.

elfriede.hammerl@profil.at
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