Elfriede Hammerl: Auf die Plätze, fertig, los!

Elfriede Hammerl: Auf die Plätze, fertig, los!

Wollen wir ein gleich großes Stück vom Kuchen oder einen anderen Kuchen?

Der Thinktank Agenda Austria hat nachgedacht und ist (in profil 10/2017 war’s zu lesen) zu folgendem Schluss gekommen: Junge Mütter in Österreich sind zu lange in Babykarenz, das schadet ihrem beruflichen Fortkommen und Einkommen, darum sollte die Karenzzeit per Gesetz auf sechs Monate pro Elternteil verkürzt werden.

Hm. Zur Erkenntnis, dass lange Auszeiten der beruflichen Karriere nicht gerade nützen, wäre man ja glatt ohne Thinktank gekommen, aber die daraus resultierende Forderung ist doch einigermaßen originell. Und vergleichbar mit dem Vorschlag, man möge einer Person, die mit einer Fußfessel dahinstolpert, das Hemd anzünden, wenn man sie dazu bringen will, schneller zu rennen.


Zwischenfrage: Darf man Kinder mit Fußfesseln vergleichen?

Zwischenfrage: Darf man Kinder mit Fußfesseln vergleichen? Antwort: Was die berufliche Verfügbarkeit anlangt, schon.
Denn junge Mütter sind ja nicht unbedingt deswegen bis zu drei Jahren in Karenz, weil sie nicht wahrhaben wollen, dass sich ihre Kinder eh schon längst selber versorgen könnten, oder weil sie ihren verzogenen Fratzen nicht rechtzeitig gezeigt haben, wie viel Milchpulver ins Fläschchen gehört, sondern weil die Fratzen ziemlich hilflose Würmer und auf Rund-um-die-Uhr-Versorgung durch liebevolle Erwachsene angewiesen sind.

Ja, eh, Erwachsene, Mehrzahl. Theoretisch. Praktisch bleibt aber eben oft die Mutter als Haupt- oder Alleinverantwortliche übrig. Daran wird auch eine radikale Kürzung der Karenzzeit nichts ändern. Weil: falsche Reihenfolge. Nicht eine kurze Karenzzeit lässt ausreichend Betreuungspersonen aus dem Boden schießen, sondern erst genügend Betreuungspersonen machen es möglich, berufstätig zu sein.

Die Agenda Austria koppelt ihren Vorschlag mit der Idee, Eltern für die Zeit nach der Kurzkarenz Betreuungsschecks zu geben. Dadurch würde sofort ein segensreicher Wettbewerb einsetzen und mehr sowie „qualitativ bessere“ Betreuungsangebote hervorbringen. Oh ja. Und wenn doch nicht, bleiben die Mütter halt mit den Betreuungsschecks daheim statt in Karenz.

Tatsächlich geht es Thinktanks wie der Agenda Austria nicht um die Interessen von Frauen (oder gar von Kindern), sondern darum, immer härtere, konkurrenzorientierte, unsolidarische Arbeitsbedingungen zu etablieren. Die Botschaft hinter dem Vorschlag lautet: Wenn ihr gleichziehen wollt, Frauen, dann müsst ihr eben spuren, Kinder hin oder her! Die Vorgaben der Berufswelt sind klar, eure Schuld, wenn ihr sie nicht erfüllen könnt. Ja, die Bedingungen sind hart, aber ihr wollt doch unbedingt mitmachen – lasst endlich die Kinder aus dem Spiel, hier geht es um Wichtigeres, nämlich um Gewinnspannen, lernt, Prioritäten zu setzen.

Der Begriff Feminismus wird dabei einem perfiden Bedeutungswandel unterzogen, indem Gleichstellungspolitik in den Dienst der Wettbewerbsgesellschaft gestellt wird. Feministisch sein heißt dann, neoliberale Vorgaben auf Biegen oder Brechen zu erfüllen. Und wenn Frauen dabei auf der Strecke bleiben, ruft man ihnen quasi höhnisch zu: Da seht ihr, wohin euch euer Feminismus gebracht hat!

Und so landen wir wieder einmal bei der alten Frage: Genügt es uns, ein – gleich großes – Stück vom Kuchen zu ergattern oder wollen wir einen anderen Kuchen? Also: eine andere Gesellschaft. Zusammenhalt statt Konkurrenz. Miteinander teilen statt einander wegschnappen, was geht. Moderaten Wohlstand für möglichst viele statt schwindelerregend hohe Profite für wenige. Sinnvolle Aufgaben statt Jobs. Und ein Leben, in dem die Erwerbsarbeit nicht im Gegensatz zu Familie, Freundschaften und sozialer Verantwortung steht?

Wenn wir uns damit begnügen, die Kuchenverteilung ändern zu wollen, laufen wir Gefahr, dass der Feminismus turbokapitalistische (Selbst-)Ausbeutungsmechanismen bedient. Wenn wir allerdings die Kuchenverteilung nicht beinspruchen, laufen wir Gefahr, der Utopie einer besseren Welt unser gegenwärtiges Wohlergehen zu opfern. Und eigentlich haben wir die Nase voll davon, gefälligst bessere Menschen sein und die Welt retten zu sollen, statt ordentlich Butter auf unser Brot zu kriegen.

Sie wolle nicht leben wie ein Mann, sagte kürzlich in einer Fernsehdiskussion eine selbst ernannte Antifeministin. Offenbar ging sie davon aus, dass die Männer so leben wollen, wie sie leben, aber das ist durchaus zweifelhaft. Auch Männer leiden unter dem zunehmend brutalen Überlebenskampf auf dem Arbeitsmarkt und im Arbeitsleben. Viele der Jüngeren verweigern daher mittlerweile den geforderten Ehrgeiz und Einsatz zugunsten einer entspannteren Work-Life-Bilanz, allerdings ohne politische Gestaltungsabsichten.

Bei den Frauen geht das Verweigern in Richtung alte Rollenmuster, auch das ein privater Rückzug, der den neoliberalen Zug nicht aufhält. Und natürlich stimmt es, dass sie sich damit gefährden. Die gute alte Versorgungsehe war schon eine verdammt unsichere Angelegenheit, aber immer noch eine Spur besser als das, worauf moderne junge Paare immer häufiger setzen: eine nicht durch gesetzliche Ansprüche eingeschränkte temporäre Quasi-Versorgungspartnerschaft, in der sie beruflich zurücksteckt im Vertrauen auf seinen guten Willen. Seufz.

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 12 vom 20.3.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.