Elfriede Hammerl

Elfriede Hammerl

© Alexandra Unger

Meinung
03/05/2022

Elfriede Hammerl: Kürzer arbeiten

Vereinbarkeit statt „Wahlfreiheit“ und wie sie gehen könnte.

von Elfriede Hammerl

Zum gefühlt hunderttausendsten Mal: die Wahlfreiheit. Jetzt führt sie Susanne Raab im Munde, die Frauenministerin, die keine Feministin sein will. Sie reiht sich damit in eine lange Reihe konservativer Politiker:innen ein, die zwar (widerwillig) akzeptieren, dass Hausfrauen und Mütter berufstätig sind, ja, sein wollen, aber doch die Option gewahrt sehen möchten, dass Frauen sich auch gegen eine Erwerbstätigkeit entscheiden können, um im Putzen und Polieren des traulichen Heims aufzugehen und durch umfassende Kinderbetreuung eine weitgehende Gattenfreistellung von väterlichen Pflichten zu bewirken.

Darum zum gefühlt hunderttausendsten Mal der Hinweis, dass jeder Mensch frei wählen kann, ob er/sie seine oder ihre Erwerbstätigkeit reduzieren oder gänzlich einstellen möchte. Ist nicht verboten. Die Frage ist nur, wie sich das auf sein oder ihr wirtschaftliches Überleben auswirkt.

Vollzeitarbeit muss – allen – Platz lassen fürs Familienleben.

Tatsache ist nun einmal: Wer mehr unbezahlt und weniger bezahlt arbeitet, kriegt weniger Kohle. Dem Arbeitsmarkt ist die unbezahlte Arbeit, die eine Person leistet, wurscht, er entlohnt Menschen nur dann, wenn sie ihm als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Darin liegt eine gewisse Gerechtigkeit, weil Arbeitnehmer:innen, die mehr Stunden hackeln, vermutlich nicht einsehen würden, dass eine Person, die weniger lang hackelt, genauso viel Geld kriegt wie sie.

Die Wahlfreiheitsverkünder:innen tun daher so, als gebe es staatliche Mechanismen, die die existenzielle Gefährdung abfangen könnten, der eine Frau sich aussetzt, wenn sie ihre Erwerbstätigkeit minimiert. Doch auch dabei stellt sich die Gerechtigkeitsfrage. Trifft die Frau, die Teilzeit wählt, diese Wahl zum allgemeinen Wohl, weshalb Vollzeitarbeitende dafür zur Kasse gebeten werden sollen? Das sieht zumindest die Vollzeitarbeiterin vermutlich nicht so. 

Was also tun? Die Antwort ist nicht so schwer. Sie lautet: generelle Arbeitszeitverkürzung und eine gerechte Aufteilung der häuslichen Pflichten. Wird nicht gern gehört, wäre aber fairer, als Frauen einen Überhang an unbezahlter Arbeit mit dem Schmäh „Wahlfreiheit“ schmackhaft machen zu wollen.

Der zweite Schmäh bei der Wahlfreiheitsargumentation liegt darin, dass es keine freie Entscheidung fürs Erwerbstätigsein gibt, solange Kindergärten in weiten Teilen Österreichs mittags zusperren und die Grundschulen Kinder ebenfalls zu Mittag heimschicken. Zwar wird beim Wahlfreiheitsgeschwätz immer davon gesäuselt, dass eine Kinderbetreuung für alle, die sie brauchen, sichergestellt sein müsse, und anschließend wird so getan, als könne es höchstens noch Minuten dauern, bis das Realität sei, aber tatsächlich passiert fast nix. Auf dem Land können sich Frauen, wenn sie keine kinderbetreuende Großmutter zur Verfügung haben, den Wunsch, Vollzeit zu arbeiten, schlicht abschminken. 

Allein schon die Formulierung, Kinderbetreuung müsse für alle da sein, die sie „brauchen“, signalisiert unterschwellig, der Normalfall sei, sie nicht zu brauchen. Deswegen: schleppende Umsetzung. 

Natürlich wissen wir alle, dass institutionelle Kinderbetreuung keine vollständige Entlastung bedeutet. Kinder können nicht einfach abgegeben werden wie Jacken in der Putzerei und basta. Will ja auch niemand. Selbstverständlich möchten Mütter – und hoffentlich auch Väter – Zeit mit ihren Kindern verbringen und ihr Heranwachsen erleben. Aber wie soll das mit Vollzeit zusammengehen? Ganz einfach: siehe oben. Vollzeit muss – allen – Platz lassen fürs Familienleben.

Aber die Wirtschaft! Ich erinnere mich noch an Plakate mit dem Slogan: Samstags gehört Vati mir! Damit pro-pagierten die Gewerkschaften in den 1950er-Jahren den Umstieg von der 48-Stunden-Woche auf die 40-Stunden-Woche. Manche prophezeiten damals den Weltuntergang. In den 1960er-Jahren wurde die Wochenarbeitszeit dann dennoch auf 40 Stunden verkürzt, und weder Welt noch Wirtschaft sind untergegangen. Im Gegenteil, das Plus an Freizeit schuf neue Konsumbedürfnisse, von Sportartikelherstellern bis zum Handel mit Heim- und Gartenbedarf  profitierten alle möglichen Wirtschaftssparten vom freien Wochenende.
 
Zugegeben, nicht jeder Vati dazumal gehörte weekendlich dann seinen Kindern, und auch heutzutage wird es Menschen geben, deren Vorstellung von einer idealen Work-Life-Balance weniger mit Familienleben als vielmehr mit allen möglichen Hobbys zu tun hat (erfahrungsgemäß finden sich unter diesen Menschen häufiger Männer als Frauen), aber für alle, die die viel zitierte Vereinbarkeit wirklich wollen, würde sie ein bisschen leichter zu bewerkstelligen sein.

Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Es werden, diesmal vielleicht neben einer Transgenderdebatte, die üblichen Lippenbekenntnisse heruntergebetet werden. Ja zur Vereinbarkeit. Ja zum Schließen der Einkommensschere. Nein zur Gewalt und so fort als Rosenkranz im milden Schein des ewigen Lichts. In der Ukraine nähen mittlerweile Mütter Etiketten mit der Blutgruppe ihrer Kinder in deren Kleidung, damit sie im Notfall die richtige Transfusion kriegen. So reduziert sich für Frauen das Leben immer wieder auf die Frage des bloßen Überlebens ihrer Kinder. Sie haben keine Wahl.