Elfriede Hammerl: Maria Jonas (1940–2018). Ein Nachruf

Elfriede Hammerl: Maria Jonas (1940–2018). Ein Nachruf

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Ihre Schinkenfleckerl waren legendär. Und ihr Reisfleisch. Und ihre gefüllten Paprika. Eines dieser drei Gerichte gab es, wenn sie zum Essen einlud, und war man in der glücklichen Lage, im Mittelpunkt der Einladung zu stehen, zum Beispiel, weil man Geburstag hatte, dann durfte man auswählen, welches. Abendessen bei ihr, in ihrer kleinen, aber feinen Wohnung mit ausgesuchten Möbeln und Kunstgegenständen, an ihrem fein gedeckten Tisch, waren immer ein besonderes Vergnügen. Die Gastgeberin sprühte vor Witz, und die Runde der Eingeladenen war stets interessant und mit Bedacht von ihr zusammengestellt. Sie war, unter anderem, eine begeisterte Vernetzerin.

Am 25. September haben wir uns noch einmal um sie geschart, diesmal um ihr Totenbett. An dem Tag, als Maria Jonas von uns ging, die ihr ganzes Leben dem Bemühen um eine gerechte, vor allem geschlechtergerechte Gesellschaft gewidmet hatte, designierte ihre Partei, die SPÖ, zum ersten Mal in ihrer 130-jährigen Geschichte eine Frau zur Vorsitzenden. Das hat Symbolkraft.

Eine große Politikerin und Pionierin für den Feminismus wird Maria Jonas in den Nachrufen genannt. Das stimmt. Sie war aber auch und nicht zuletzt ein Mensch, dem über großen Zielen der Blick auf die Mitmenschen in unmittelbarer Nähe nicht verloren ging. In unermüdlicher Hilfsbereitschaft setzte sie sich für andere ein, organisierte, half persönlich aus, sorgte dafür, dass Anliegen bei den richtigen Stellen landeten, sammelte Spenden, initiierte Ehrungen für verdienstvolle Leute, deren Verdienste sonst unbeachtet geblieben wären, und fuhr auch schon einmal mit der Schnellbahn über Land, um einer ungeschickten Freundin (mir) beim Zusammenschrauben eines Selbstbaumöbels zu helfen.

Sie tat Gutes und redete nicht darüber. Sie redete, damit Gutes getan wurde.

Sie tat Gutes und redete nicht darüber. Sie redete, damit Gutes getan wurde. Und sie war sich für keinen Einsatz zu gut. In eisiger Kälte stand sie auf der Straße, um Infomaterial für die in ihren Augen gerechte Sache zu verteilen, und wenn es nötig war, dann setzte sich die ehemalige Generalsekretärin der Frauen-Internationale auch einen Nachmittag lang hin und half beim Kuvertieren.

Noch schwer krank arbeitete sie – ehrenamtlich – nicht nur in politischen Funktionen, sondern auch für das AidsHilfe-Haus und im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Maria Jonas tat viel für andere und wenig für sich. Zu wenig, bin ich inzwischen versucht zu sagen. Sie lebte bescheiden, materielle Ansprüche zu stellen, vertrug sich nicht mit ihrer Auffassung von einem anständigen (Politikerinnen-)Leben. Wir FreundInnen sahen ihre strikte, programmatische Selbstlosigkeit mit Hochachtung, aber auch mit Sorge, weil sie gelegentlich an Selbstbeschädigung grenzte, vor allem gegen Ende ihres Lebens, als sich herausstellte, dass sie nicht gelernt hatte, eigene Wünsche zu artikulieren und Selbstkontrollverlust zu akzeptieren, um sich Erleichterung zu verschaffen.

Davor war sie ein durchaus brauchbares Beispiel für die These, dass Selbstlosigkeit nicht Freudlosigkeit heißt. Sie lebte ein offensichtlich erfülltes, spannendes Leben nach ihren Maßstäben, denen zufolge Menschen, Musik, Malerei und Bücher wichtiger waren als Statussymbole und sogenannte Wertanlagen. Und sie war eine begabte, wie man in Wien so sagt, Lachwurzn. Stella Kadmon lud sie einst gern in ihr Theater ein, damit sie das Publikum mit ihrem Lachen anstecke.

Maria Jonas war Jahrgang 1940, ihr lebenslanger Einsatz für weibliche Selbstbestimmung wie auch ihre Tendenz, die Rollenvorgabe weiblicher Fürsorglichkeit (über) zu erfüllen, haben mit der Geschichte ihrer, unserer, Generation zu tun. Ihr leidenschaftliches politisches Engagement gegen autoritäre Systeme jeder Art hatte aber auch noch eine andere Wurzel. Maria Jonas war das Kind eines jüdischen Vaters. Die Nazis haben ihn ermordet, sie hat ihn nie kennengelernt. Nach ihrer Geburt versteckte ihre Mutter sie bei Zieheltern auf dem Land, die sie die ersten fünf Jahre ihres Lebens irgendwie bei sich aufwachsen ließen, ohne Liebe und ohne Zuwendung. Die Mutter starb dann, als sie 14 war.

Sie hatte das Glück einer erstklassigen Schulbildung und machte eine beeindruckende Karriere: Zehn Jahre lang Generalsekretärin der Frauen-Internationale bis 1995, danach Vorstandsmitglied der INSTRAW, einer Frauenforschungs- und Trainingseinrichtung der Vereinten Nationen, bis 1997 Expertin in der Österreichischen Delegation zur Frauen-Status-Kommission der UN, Vorstandsmitglied des Österreichischen Frauenrings. Sie war Mitinitiatorin des österreichischen Frauenvolksbegehrens 1997 und von Anfang an aktiv im Verein österreichischer Frauenhäuser.

Der Schmerz um ihren verlorenen Vater und um ihre verlorene Kindheit hat sie durch alle Stationen ihres Lebens begleitet. An dieser Bürde trägt auch ihr Sohn, der in Kanada lebt. Und der Rechtsruck in fast der gesamten westlichen Welt hat sie zutiefst beunruhigt.

Könnte sie hier mitlesen, würde sie spätestens jetzt sagen: Schreib endlich, dass die Leute das Frauenvolksbegehren unterzeichnen sollen!

Genau. Es liegt vom 1. bis zum 8. Oktober zur Unterschrift auf.