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Meinung
09/26/2020

Elfriede Hammerl: Mittelklassewut

Weit hat es die Freiheit gebracht, wenn sie zum Synonym für schrankenlosen Egoismus wird.

von Elfriede Hammerl

Wutbürger und Wutbürgerinnen demonstrieren. Man darf sie nicht alle mit Rechtsradikalen verwechseln, lese ich, oder mit Verschwörungstheoretikern oder mit Aluhutträgern, nein, ganz viele sind ganz normale Bürgerinnen und Bürger, lese ich, solche wie du und ich (oder, na ja, fast wie du und ich, weil du und ich ja nicht auf der Demo sind), denn die Wut ist jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen, lese ich.


Obwohl die erzürnten Bürger und -innen angeblich nicht in einen Topf geschmissen werden dürfen mit Rechtsradikalen und Spinnern, ist doch unübersehbar, dass sie sich selber in einen Topf, also in gemeinsame Demos mit denen geschmissen haben, aber trotzdem sind sie was anderes, lese ich und sagen sie, ihre Wut ist, nehme ich an, mehr eine Mittelklassewut, nur: worauf?


Sie sind wütend auf die PolitikerInnen, sagen sie, sie sind wütend auf die Politik, die gerade gemacht wird, sie sind wütend auf die Politikerkaste, die Eliten, das System. Und vielleicht haben sie dafür ja gute Gründe, denke ich mir, wenngleich ich nicht weiß, wen oder was sie mit den Eliten oder mit dem System meinen. Auch ich bin ja mit manchem nicht einverstanden, denke ich mir, vielleicht ertragen sie es nicht, dass in Moria kleine Kinder im Dreck verrecken, vielleicht meinen sie, das System ist ein lausiges System, weil es seinen ErhalterInnen nicht mehr zahlt fürs Erhalten, vielleicht empört es sie, dass, wie sich beim Homeschooling gezeigt hat, die Bildungschancen immer noch vom Elternhaus abhängen, vielleicht ist ihnen der Gender Pay Gap ein Dorn im Auge oder ein Stachel im Fleisch.

Aber nein, um so was geht es ihnen gar nicht. Es geht ihnen darum, dass sie keine! Masken! aufsetzen! wollen. Sie wollen keinen Abstand halten! Sie wollen sich nicht einschränken lassen! Sie wollen ihre Freiheit!
 Sie wollen sich die Freiheit nehmen, anderen ihre Nähe aufzuzwingen und anderen ihren eventuell viralen Atem ins Gesicht zu blasen. Ihre Freiheit soll schrankenlos sein. Die Freiheit der anderen endet dort, wo die ihre beginnt, und weil ihre Freiheit praktisch unendlich ist, muss die der anderen verenden. Na und?


Weit hat es die Freiheit gebracht, mehr und mehr wird sie zum Synonym nicht für ein universales Menschenrecht, sondern zum Synonym für das Recht des Einzelnen, seine Bequemlichkeit egoistisch durchzusetzen. Ich! mag keine Maske vorm Gesicht! Ich! hasse es, anderen auszuweichen. Ich! will mir die Hände nicht waschen.
Wie geht’s weiter? Ich! lasse mich nicht hindern, betrunken Auto zu fahren? Ich! habe keine Lust, meinen Müll zur Tonne zu tragen, wenn ich ihn auch vors Haustor kippen kann? Ich! lasse mir das Tragen/Ziehen einer Waffe nicht verbieten?


Sie könnten der Politik ja durchaus einiges vorwerfen, die Wutbürger und -innen, aber was sie ihr vorwerfen, hat die Politik nicht unbedingt zu verantworten: ein neuartiges Virus. Die pandemische Ausbreitung eines neuartigen Virus. Die Tatsache, dass es kein gesichertes Wissen gibt, wie gegen dieses Virus am wirkungsvollsten vorzugehen ist.


Sie könnten einzelnen PolitikerInnen vorwerfen, dass ihr Umgang mit der Pandemie nicht frei von eitler Selbstinszenierung und dem Wunsch nach Machtausweitung ist, aber von Diktatur zu schwafeln, wenn man in der U-Bahn einen Mund-Nasen-Schutz tragen, aufs Händeschütteln verzichten und sich nicht in Bars aneinanderdrängen soll, ist, sagen wir einmal, unverhältnismäßig. Unterdrückung schaut anders aus. Von Freiheitsberaubung ist das schon noch ein gutes Stück entfernt.


Ja, klar, wir dürfen die Corona-Folgen nicht kleinreden, die für alle belastend und für viele sogar existenzbedrohend sind, und möglicherweise sind manche Vorsichtsmaßnahmen übertrieben (was man nie genau wissen wird, weil das sogenannte Präventionsparadox zur Folge hat, dass verhinderte Schäden nicht sichtbar werden), aber die Wut, die sich mittlerweile öffentlich entlädt, tut so, als seien die Vorsichtsmaßnahmen das Virus, mit dem man sich nicht anstecken dürfe. Als wäre nicht Covid-19 gefährlich, sondern als sei es eine Bedrohung, sich davor in Acht nehmen und andere davor schützen zu sollen.


Wer Abstand hält und Maske trägt bzw. von anderen erwartet, dass sie das ebenfalls tun, läuft Gefahr, als autoritätshöriges Schaf gesehen und verachtet zu werden. Dass das Einhalten von Regeln als total unsexy gilt, ist nicht neu. Nie sind es die Vernünftigen und Braven, die den allgemeinen Beifall kriegen, immer punkten die Regelverletzer, die Revoluzzer, die Unvernünftigen, und weil alle möglichst sexy rüberkommen wollen, prahlt jeder Duckmäuserich mit seinem angeblich total unangepassten Naturell. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Auflehnung aus Egoismus (wozu auch die Auflehnung um der Auflehnung willen gehört, die der eigenen Imagepflege dient) und gut begründeter Auflehnung gegen autoritäre Strukturen. Deshalb ist das Maskenverweigern in Pandemiezeiten genauso wenig eine revolutionäre Heldentat, wie dem Nachbarn an die Hausmauer zu pinkeln.

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www.elfriede.hammerl.com

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