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Meinung
06/08/2022

ÖGB antwortet Schellhorn: Endlich gesünder arbeiten!

Der ÖGB antwortet auf Franz Schellhorns Kommentar „Endlich weniger arbeiten!“.

Der ÖGB findet, dass lange Wochenenden nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein sollten“, kritisiert unser Kolumnist Franz Schellhorn in seinem aktuellen Kommentar und meint: „Brilliant idea, but awfully bad timing!“

Das ist die Replik des Österreichische Gewerkschaftsbundes (ÖGB).

Wir haben Franz Schellhorns Meinung gelesen und müssen klarstellen: Das lange Wochenende ist nicht der Punkt. Es geht uns um bessere Gesundheit und Familienfreundlichkeit.

Die Auseinandersetzung mit Arbeitszeit hat seit Beginn der Corona-Pandemie Fahrt aufgenommen. Viele Menschen haben durch die Kurzarbeit erkannt, welche unmittelbaren Effekte kürzere Arbeitszeiten auf ihr Leben haben. Gleichzeitig ist spürbar geworden, dass auch in Österreich endlich eine Auseinandersetzung um eine gerechte Aufteilung von unbezahlter Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen stattfindet. Wir stecken hierzulande noch immer in einem Ein-Einhalb-Verdiener-Modell fest, bei dem Väter in Vollzeit mit Überstunden und Mütter in kurzer Teilzeit arbeiten. Dieses Familienmodell hat nicht nur die bekannten negativen Auswirkungen auf die Pensionshöhe von Frauen, sondern verfestigt auch die Rollenbilder in den Köpfen unserer Kinder. Weiters ergab eine Studie der Leitbetriebe Austria, dass nur vier von zehn Menschen unter 30 noch einen 8-Stunden-Job wollen. Seit Jahren fordern junge ArbeitnehmerInnen eine gute Work-Life-Balance und verzichten mitunter auch auf Geld, um weniger zu arbeiten.

4-Tage-Woche versus Arbeitszeitverkürzung?

Die Zeichen für einen umfassenden Diskurs stehen also gut. Bisher ist der Fokus der öffentlichen Diskussion allerdings vor allem auf die 4-Tage Woche gerichtet – ein nicht ganz glücklicher Umstand. Die 4-Tage Woche gibt es als Möglichkeit zur Verteilung der Arbeitszeit (4x10 Std) in Österreich seit Jahren. In der Praxis ist das resultierende lange Wochenende zwar verführerisch, aber beispielsweise wenig familienfreundlich. Kinder lassen sich nicht blocken, die fehlende Zeit unter der Woche kann man nicht nachholen. Auch ist belegt, dass regelmäßig lange Arbeitszeiten die Gesundheit beeinträchtigen. Neben akuten Reaktionen wie Stress, Schlafstörungen und ungesundem Lebenswandel, nehmen unter anderem auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Infektionen und psychische Erkrankungen bei langen Arbeitszeiten zu. Auch das Risiko von Arbeitsunfällen steigt. Statt sich auf die Diskussion um die 4-Tage-Woche zu versteifen, bei der man erklären muss, dass man 4 mal 8 Stunden meint, sollten wir uns also dem eigentlichen Schlagwort der Stunde widmen: Und das lautet Arbeitszeitverkürzung.

Once upon a time in …Reykjavík

Dass kürzere (Tages-)Arbeitszeiten nicht nur anekdotisch ein Erfolg sind und sich individuell gut anfühlen, lässt sich mit einer viel zitierten Studie aus Island belegen (Haraldsson, Kellam 2021). Durch Initiative der Gewerkschaften wurde dort für die große Mehrheit der Erwerbstätigen (86%) eine kürzere Arbeitszeit von 35 bzw. 36 Stunden pro Woche ohne Lohnkürzungen durchgesetzt. Die Ergebnisse der vorausgegangenen mehrjährigen Studie waren durchwegs positiv: Die Produktivität und das Dienstleistungsangebot blieben gleich oder verbesserten sich an der Mehrheit der Arbeitsplätze. Das Wohlbefinden der Mitarbeiter stieg. Menschen machten mehr Sport. Die Aufteilung der unbezahlten Care-Arbeit wurde gerechter. Alleinerziehende profitierten überdurchschnittlich von den positiven Effekten. Auch anfangs skeptische Führungskräfte konnten eine Entlastung und Verbesserung der Lebensqualität feststellen. Gleichzeitig gab es keine merkbare Zunahme an Überstunden.

Lange Arbeitszeiten in Österreich

Österreich hat im EU-Vergleich eine der höchsten Arbeitszeiten bei Vollzeit-Beschäftigten (40,8 Stunden) und ist weit von einem skandinavischen Verständnis der Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit entfernt. Eine Verkürzung der Tagesarbeitszeit würde viele Probleme entschärfen. Auch das Argument, dass die Kosten zu hoch seien, übersieht, dass für uns alle auch hohe Kosten entstehen, wenn wir Schäden an der psychischen und physischen Gesundheit von ArbeitnehmerInnen in Kauf nehmen. Diese Kosten betreffen nicht nur kurzfristige Ausgaben wie Krankenstände, sondern auch langfristige Kosten durch irreversible Beeinträchtigungen und das vorzeitige Ausscheiden aus dem Erwerbsleben. Gleichzeitig würde man sich mit einer Arbeitszeitverkürzung auch zentralen politischen Zielen, wie der Gleichstellung von Mann und Frau und einer modernen Familienpolitik, klar annähern.

Statt das lange Wochenende der 4-Tage Woche als unrealistischen Luxus zu brandmarken, sollten wir bei der Verkürzung der Tagesarbeitszeit ansetzen. Schon wenige Stunden pro Woche würden eine deutliche Entlastung für Individuen, Familien und die Gesellschaft insgesamt bringen. Für Familien hat der ÖGB zudem gemeinsam mit der AK ein Familienarbeitszeitmodell erarbeitet. Arbeiten Mutter und Vater nach der Karenz jeweils zwischen 28 und 32 Stunden, soll ihr Einkommensverlust damit teilweise ausgeglichen werden.

Wir brauchen einen Fokus auf die Arbeitsbedingungen der Zukunft, damit alle – unabhängig von ihren Arbeitsbedingungen und ihrer privaten Situation – gesund und bis zur Pension in einer Vollzeitbeschäftigung arbeiten können.

Charlotte Reiff ist Expertin für Sozialpolitik im ÖGB