© Markus Roessle

Meinung
09/12/2020

Franz Schellhorn: Wie ich lernte, Kreisky nicht mehr zu lieben

Als Jugendlicher bekam ich immer öfter das profil in die Hände. Das gab meiner politischen Einstellung eine entscheidende Wende.

Was genau sich am 7. September 1970 zugetragen hat, entzieht sich meiner Erinnerung. Als Oscar Bronner an diesem Tag profil gründete, war ich gerade einmal 15 Monate und ein paar Wochen alt. Zu diesem Zeitpunkt war mir natürlich nicht klar, dass Bronner der herausragende Verleger meiner Generation werden sollte - und schon gar nicht, dass ausgerechnet das profil meiner Politisierung eine entscheidende Wende geben würde. Damals konnte ich auch noch nicht wissen, dass aus mir schon vor meinem ersten Schultag ein großer Bewunderer Bruno Kreiskys werden sollte. Bis in meine Teenagerjahre war ich Sozialist und Fan des österreichischen Alleinherrschers. Ich mochte seine Stimme, sie hatte etwas Beruhigendes.

Dass ich Kreisky schon gut fand, bevor ich lesen und schreiben konnte, war kein Zufall. Es hatte einen Grund, und der hieß Heinrich. Heinrich war ein leidenschaftlicher Trankler und Stammkunde im Gasthaus meiner Eltern. Er war immer besonders nett zu mir und behandelte mich nie wie ein Kleinkind, obwohl ich das ja zweifellos war. Er nahm mich für voll, und das gefiel mir. Sonntags erschien er immer im weißen Anzug. Am späten Nachmittag stieg er gerne in seinem nicht mehr ganz so weißen Anzug auf die Bar, um von dort unter dem Beifall der anderen Gäste runterzuspringen und einen tadellosen Telemark hinzulegen. Das imponierte mir. Heinrich liebte Bruno Kreisky und Wacker Innsbruck. Also liebte auch ich Bruno Kreisky und Wacker Innsbruck.

Wenn wir uns heute begegnen, sprechen wir nicht über Politik, wir reden über Fußball-vor allem deshalb, weil sich meine Faszination für Bruno Kreisky über die Jahre hinweg verflüchtigt hat. Für den ersten Dämpfer sorgte meine Mutter. Sie war eine hart arbeitende Frau, konnte aber mit der Arbeiterpartei nicht viel anfangen. Ich war vielleicht sieben , als sie mich eines Tages zur Seite nahm, um mir in wenigen Sätzen recht anschaulich darzulegen, warum der fortschreitende Sozialismus das Leben unserer Familie nicht sonderlich begünstigte: Kreisky trieb die Kosten für die Unternehmen nach oben; dabei war es für meine Eltern schon schwer genug, den kleinen Betrieb über Wasser zu halten. Die Zinsen waren höher als die Schulden, billige Fernreisen begannen zu boomen, während sich Österreich in ein teures Land verwandelte. Kreisky selbst sagte, dass er sich den Wörthersee nicht mehr leisten könne, weshalb er auf Mallorca urlaube. Wenn noch heute Leute erzählen, sie hätten ohne Kreisky nicht studieren können, so war es bei mir eher umgekehrt: Ich konnte trotz Kreisky studieren.

Ich mochte den Sozialismus aber noch immer. Der Wunsch, dass es allen Menschen ungeachtet ihrer Herkunft gut geht, war stärker als die wirtschaftlichen Sorgen meiner Mutter. Jeder in diesem Land sollte ein würdiges Leben nach seinen Wünschen und Plänen führen können, jeder eine faire Chance bekommen und niemand auf der Straße leben müssen. Weil die Starken die Schwachen mit nach oben zu nehmen haben. Damals glaubte ich noch, dass der einzige Weg zur Erfüllung dieser Ziele nur ein sozialistischer sein könne. So geht es vielen jungen Menschen ja noch heute.

Aber zum Glück gab es das profil, das mir in meiner beginnenden Politisierungsphase immer öfter in die Hände fiel. Erstaunliches war darin Woche für Woche zu lesen. Etwa über die Noricum-Affäre samt rätselhafter Todesfälle involvierter Personen. Oder über die Eskapaden des politisch hervorragend vernetzten Udo Proksch. Den Fall Lucona samt sechs ermordeter Besatzungsmitglieder und falscher Zeugenaussagen eines führenden Politikers vor Gericht. Den AKH-Skandal nicht zu vergessen und schon gar nicht den Zusammenbruch der Verstaatlichten Industrie. Der kreiskyschen Vollbeschäftigungsdoktrin folgend, missbrauchte die Politik die öffentlichen Betriebe als verlängerten Arm der Arbeitsämter. Manager, die sich nicht den Eigentümern verpflichtet sahen (also der Bevölkerung),sondern "der Partei", wirtschafteten die Verstaatlichte in den Abgrund.

Meine Faszination für den Sozialismus war gebrochen. Was nichts daran ändert, dass heute noch viele Menschen den angeblich so goldenen 1970er-Jahren nachtrauern. Das ist beachtlich. Europa wurde vom Terror der Roten Brigaden und der RAF in Atem gehalten (beide ebenfalls 1970 gegründet),die Angst vor dem Atomkrieg war allgegenwärtig. Junge Menschen fanden zwar schnell Arbeit, aber von breitem Wohlstand war noch nicht viel zu sehen. Ein Farbfernseher war ein kaum leistbarer Luxus, von Videokameras und Computern ganz zu schweigen. Heute hat jeder alles davon zu einem Bruchteil des Preises in seinem Handy. Und wenn nicht gerade eine Pandemie tobt, wird um die Welt gejettet, was das Zeug hält.

In welch einer besseren Welt wir doch heute leben! Auch wenn das hin und wieder schwer zu glauben ist. Vor allem für den Heinrich. Er lebt jetzt im Altersheim. Wofür er dem alten Kreisky wohl ewig dankbar sein wird. 

Franz Schellhorn ist seit 2017 profil-Kolumnist.

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