Georg Hoffmann-Ostenhof: Drachensteigen

Georg Hoffmann-Ostenhof: Drachensteigen

Warum die Angst vor dem unaufhaltsamen Aufstieg Chinas unbegründet ist.

Langsam wird es dem Westen mulmig. Man hatte sich daran gewöhnt: zunächst, dass Ramsch Made in China den Weltmarkt überschwemmte und dann ganze Produktionszweige nach Fernost abwanderten, weil da die Löhne so niedrig sind. Der massive Export der Arbeitsplätze ins Reich der Mitte war schon schmerzhaft. Aber was konnte man in diesen globalisierten Zeiten schon ernsthaft dagegen tun, ohne sich selbst zu schaden.

Jetzt freilich, wo sich China in Zukunftstechnologien wie IT, künstliche Intelligenz, und Elektro-Mobilität zu einer echten Konkurrenz entwickelt hat; wo es gleichzeitig begann, gezielt weltweit (anfangs vor allem in Afrika) zu investieren; und in der Folge ganze Bataillone von chinesischen Managern zu Einkaufstouren nach Amerika und Europa aufbrachen, ist man im Westen aufgeschreckt.

Streben die Machthaber in Peking die Weltherrschaft an, wird bange gefragt.

Donald Trump schreitet zur Tat. Der amerikanische Präsident verhängt Strafzölle. Er erklärt China den Handelskrieg. Und Mike Pence, sein Vize, raunt: China sei eine unmittelbare Gefahr für die amerikanische Demokratie und die geopolitische Macht der USA. Das klingt schon sehr nach Kaltem Krieg.

Die EU ist weit davon entfernt, sich ähnlich martialisch zu geben. Beim amerikanischen Handelskrieg macht sie nicht mit. Alarmiert ist man in Europa dennoch angesichts des ökonomischen Expansionismus Chinas. Und schon ertönt der Ruf nach Barrieren, wenn sich, wie bereits mehrfach passiert, chinesische Firmen Teile von europäischen Schlüsselindustrien unter den Nagel reißen.

Muss die Welt, muss Europa also Angst vor dem chinesischen Drachen haben? Übernehmen die kapitalstarken chinesischen Unternehmer mit Staatsunterstützung wirklich sukzessive die europäische Wirtschaft? Bedroht uns wieder einmal die „gelbe Gefahr“, wie es schon mehrfach in den vergangenen zwei Jahrhunderten hieß?

Nein, Panik dürfte nicht angebracht sein.

Gewiss ist Pekings „Neue Seidenstraße“ gewaltig. In dieses ambitionierte Infrastrukturprojekt, das China mit Europa und Afrika verbinden soll, steckt Peking ein Vielfaches der Gelder, mit denen der amerikanische Marshall-Plan den Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg finanzierte.


China strebt die Rolle einer Weltmacht an. Die Vorherrschaft will es aber nicht.

Raimund und Kerstin Löw rücken aber in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Weltmacht China“ die Proportionen zurecht: „Das seit 2005 wachsende chinesische Investitionsvolumen in Europa verdeckt, dass die Zunahme auch deshalb so spürbar ist, weil es zuvor so gut wie keine chinesischen Unternehmen in Europa gab.“ Die USA, Kanada und sogar die Schweiz liegen, so belegen die Autoren, weit vor China.

Natürlich verfolge China mit seiner Strategie der Auslandsinvestitionen auch das Ziel, seinen Einfluss in der Welt zu stärken, diagnostizierte kürzlich Yanis Varoufakis, der linke Ökonom und ehemalige Finanzminister Griechenlands, der 2015 mit der chinesischen Staatsfirma COSCO über den Hafen von Pyräus verhandelt hatte. Er war damals aber, so sagte er kürzlich, „freudig überrascht, wie die Chinesen ihr Selbstinteresse mit einer langfristigen Investment-Perspektive verbanden.“ Sie wären offen für Vorschläge gewesen, hätten auch Kollektivverträge mit den Gewerkschaften akzeptiert. Es ging ihnen um „mutual benefit“, schwärmt Varoufakis.

Und er freut sich, dass Piräus heute floriert und unter chinesischer Ägide nicht nur zum größten Passagierhafen Europas, sondern auch zum am schnellsten wachsenden Conainerhafen weltweit wurde.

Was dem Griechen besonders aufgefallen ist: Die Chinesen hätten in einer absolut „nichtkolonialen Art“ verhandelt. Diese Beobachtung von Varoufakis berührt die zentrale Frage: Wird China die neue Kolonialmacht? Ist ein Sino-Imperialismus zu fürchten oder nicht?

Wir befinden uns erst am Anfang von Chinas Wiedererstarken. Aber die Geschichte gibt uns doch einige Anhaltspunkte, wohin die Reise geht. Die Herrscher in Peking entsandten in den vergangenen Jahrhunderten nicht riesige militärische Truppen und Kriegsschiffe, um andere Länder in anderen Kontinenten im Namen des Handels und der Religion zu erobern – wie dies die westlichen Mächte taten. Die Chinesen bauten die Große Mauer; die gewaltige, der westlichen Seefahrt weit überlegene Flotte, die sie einst besaßen, wrackten sie ab.

Sie hätten historisch alle Voraussetzungen gehabt, aus ihrem Reich eine imperialistische Kolonialmacht zu machen. Aber sie wollten einfach nicht.

Keine Frage: China strebt die Rolle einer Weltmacht an. Die Vorherrschaft aber nicht. Es gibt auch keine Hinweise dafür, dass die Machthaber in Peking das Gesellschaftsmodell und die Herrschaftsform Chinas exportieren wollten. Das wäre auch nicht so leicht. Viel Attraktivität besitzt die brutale Entwicklungsdiktatur, die China Anfang des 21. Jahrhunderts ist, ja wahrlich nicht. Und wenn im Westen die Demokratie bedroht ist, so hat dies mit Sicherheit nichts mit der chinesischen Entwicklung zu tun.

Für Europa gilt es, ohne Angst, aber mit Vorsicht, Pragmatismus und fest auf die eigenen Interessen bedacht dem faszinierenden chinesischen Wiederaufstieg zu begegnen. Und wenn es geht, von diesem zu profitieren.

georg.ostenhof@profil.at

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