Georg Hoffmann-Ostenhof: Ein Freiherr macht Schule

Georg Hoffmann-Ostenhof: Ein Freiherr macht Schule

Ein Hoch auf die Industriellen­vereinigung und die bürgerliche Gesamtschule.

Es gilt, den Lyriker, Aphoristiker und Arzt Ernst Freiherr von Feuchtersleben zu ehren. Und nicht so sehr, weil sich im September dessen Todestag zum 165. Mal jährte – auch nicht der Leistungen wegen, für die dieser österreichische Biedermeier-Intellektuelle und -Poet bekannt ist: Immerhin stammt der Text zu einem der schönsten Lieder von Felix Mendelssohn-Bartholdy, „Es ist bestimmt in Gottes Rat“, aus seiner Feder; ebenso ein populär-psychologisches Werk, „Zur Diätetik der Seele“, das im 19. Jahrhundert an die 50 Auflagen erreichte; auch wird so mancher seiner geistreichen Aphorismen zuweilen fallengelassen. Aber deswegen ist seiner nicht zu gedenken. Es gibt einen aktuellen Anlass.

Die Österreichische Industriellenvereinigung (IV) hat vergangene Woche dringend eine „Bildungsrevolution“ gefordert und ein Programm vorgestellt, dessen Zentrum die Einführung der Gesamt- und Ganztagsschule ist. Es bedürfe eines „kompletten Neuanfangs“, heißt es. Und genau den hat bereits Ernst von Feuchtersleben dazumal geplant:
Der Freund von Schubert, Grillparzer und Hebbel war nämlich nicht nur Mediziner und Literat, sondern im Revolutionsjahr 1848 auch Unterstaatssekretär im neu geschaffenen Unterrichtsministerium: Feuchtersleben konstatierte, dass es ein Fehler sei, die Kinder schon nach der vierten Schulklasse in unterschiedlichen Schultypen aufzuteilen: „Wir brauchen eine gemeinsame Schule, um allen Klassen und Ständen der Gesellschaft eine gemeinschaftliche höhere Bildung zugänglich zu machen.“

Bekanntlich wurde die 48er-Revolution niedergeschlagen. Das Projekt des Freiherrn, ein „Progymnasium“ für alle Elf- bis 14-Jährigen einzurichten, wurde nicht verwirklicht und geriet in Vergessenheit – bis in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Konzept der Gesamtschule vom „Roten Wien“ wieder aufgegriffen wurde.

Die Idee ist also nicht – was viele ihrer Gegner glauben – Ausfluss linken Klassenkampfgeistes, sondern hat ihren Ursprung in den Kreisen der aufklärerischen Intelligenz des 19. Jahrhunderts. ÖVP-Politikern aber, die jetzt sicherlich der Industrie vorwerfen werden, sie habe vor der „sozialistischen Gleichmacherei“ kapituliert, muss klar gesagt werden: Die IV begeht nicht Klassenverrat, läuft nicht zu den Roten über, sie besinnt sich vielmehr auf das Vernünftige und Fortschrittliche, das einst das bürgerliche Lager im Land verkörperte – das, was über eineinhalb Jahrhunderte hinweg verschüttet war. Zugespitzt gesagt: Die unabgeschlossene bürgerliche Revolution wird fortgesetzt.

Dafür sei der IV gratuliert. Ihr Vorstoß kann sich als wichtiger erweisen als vieles, worüber sich dieser Tage die politische und mediale Klasse echauffiert. Zuversicht ist gerechtfertigt. Als Feinde der gemeinsamen Schule bis zur achten Stufe bleiben nun nur mehr der archäo-konservative Teil der ÖVP, die FPÖ und die Standesvertretung der Gymnasiallehrer übrig. Diese Ablehnungsfront wird immer schwächer. Lang wird sie den vereinten Reformkräften, zu denen sich – sagen wir es altmodisch – das österreichische Kapital nun hinzugesellt hat, wohl nicht standhalten können. Das Zusammenbrechen der reaktionären Blockierer-Koalition ist abzusehen. Endlich bewegt sich da etwas.

Bewegt hat sich die ÖVP schon bei der Ganztagsschule. Jahrzehnte wetterte sie gegen die „Zwangstagsschule“ – jenes vermeintlich bolschewistische Projekt zur Untergrabung der Familie. Davon hört man seit einiger Zeit nichts mehr. In dieser Frage hat die Volkspartei tatsächlich einen Schwenk vollzogen.

Darüber freut sich Sibylle Hamann. In ihrem „Quergeschrieben“-Kommentar in „Die Presse“ stellte sie aber die Frage, warum sich die ÖVP so lange politisch derart erbittert gegen etwas wehrte, was ihre Klientel privat durchaus zu schätzen wusste: „Die bürgerlichen Eliten haben es immer schon gewusst. Wenn sie wollten, dass ihre Sprösslinge gut aufgehoben sind, schickten sie sie in bürgerliche Eliteschulen.“ Und die waren in der Regel Ganz- oder Halbinternate – also Ganztagsschulen.

Ein anderer „Querschreiber“ der „Presse“ will das so nicht stehen lassen: Der Mathematiklehrer Rudolf Taschner unterstellt in seiner Kolumne Sibylle Hamann Voreingenommenheit gegenüber den „bürgerlichen Eliten“. Sie sähe in diesen nur eine Schicht, „die einer konservativen, gar reaktionären Gesinnung folgen“. Und er weist auf die Ursprünge der Halbtagsschule hin: Zur Zeit Maria Theresias wäre eine Ganztagsschule nicht möglich gewesen, da die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung damals Bauern waren, die ihre Kinder nachmittags als Arbeitskräfte auf dem Feld und im Stall benötigten.

Müsste man aus dieser Erkenntnis heraus aber nicht logisch folgern, dass mit der Industrialisierung und Urbanisierung, spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts also, die Halbtagsschule obsolet und die Einführung der Ganztagsschule überfällig sei? Nicht so Taschner. Er winkt ab: Mag ja wünschenswert sein, meint er, aber das kostet. Und sei im Österreich des Jahres 2014 nicht finanzierbar. Taschner gehört offenbar zu jener Retro-Riege mit „reaktionärer Gesinnung“, die doch noch die Schulreform aufhalten will. Und sei es mit dem Todschlagargument der leeren Kassen.
Das Schöne an der Bildungsinitiative der IV besteht aber gerade auch darin, dass diese sich weigert, jetzt bereits über Finanzierung zu sprechen. Das zeigt, dass die Industrie es ernst meint. Die Reform wird kommen. Mit den Worten von Ernst von Feuchtersleben: „Es ist bestimmt in Gottes Rat.“

georg.ostenhof@profil.at

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