Georg Hoffmann-Ostenhof: "Tattergreis" trifft "Raketenmann"

Georg Hoffmann-Ostenhof: "Tattergreis" trifft "Raketenmann"

Nach der Papierform ist vom Singapur-Gipfel nicht viel zu erwarten. Aber …

Nein, man kann nicht wissen, was diesen Dienstag passiert, wenn US-Präsident Donald Trump und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un in Singapur zusammentreffen. Man kann nichts ausschließen. Aber vieles deutet darauf hin, dass dabei höchstens eine allgemein gefasste Friedenserklärung herausschaut, möglicherweise auch eine vage Zusicherung beider Seiten, die koreanische Halbinsel langfristig zu denuklearisieren. Der große Durchbruch dürfte es aber nicht werden. Und was danach kommt, ist noch ungewisser. Ja, die Situation könnte noch bedrohlicher werden als zuvor.

Was könnte wohl den steinzeitkommunistischen Machthaber in Pjöngjang dazu bringen, sich von seiner atomaren Rüstung, die er seit 30 Jahren als Versicherung gegen einen Regimesturz aufbaut, zu trennen – nicht zuletzt auch angesichts der extremen Hardliner, die Trump in den vergangenen Monaten um sich geschart hat?

Wie vertrauensbildend wirken etwa die jüngsten Worte des Trump-Intimus und Anwalts Rudy Giuliani, dass Kim „auf Händen und Knien“ um den Gipfel „gebettelt“ habe, was „exakt die Position ist, in der man ihn haben will“?

Und beide, der „Tattergreis“ in Washington und der „kleine Raketenmann“ in Pjöngjang – wie sie einander schon mal nannten – sind dafür bekannt, verlässlich Vereinbarungen zu brechen und von Pakttreue nichts zu halten.

Vieles spricht dafür, dass sich das Treffen in Singapur – selbst wenn beide dieses zunächst als großen Erfolg bejubeln sollten – mittelfristig als Flop erweist und sich bruchlos in die desaströse Außenpolitik Trumps einreiht.

Dessen bisherige weltpolitische Bilanz könnte in der Tat katastrophaler nicht sein. Erinnern wir uns: In seiner Wahlkampagne hatte Trump alle jene Elemente attackiert, auf denen die globale Führungsposition der USA in den letzten 70 Jahren basierte. Er verunglimpfte die NATO, den Freihandel, internationale Verträge, die europäische Integration, Unterstützung für Demokratie, die Bündnispartner usw. Und er meinte es ernst. Mit Trump im Weißen Haus zeigte Amerika sein bedrohliches Antlitz.

Die Welt war erschrocken. Anfangs versuchten die verschiedenen Staaten, den neuen US-Präsidenten zu besänftigen und ihm Zugeständnisse zu machen. Bis sie draufkamen, dass dessen Außenpolitik nicht rationaler Logik und strategischem Denken folgt und nicht vom nationalen Interesse der USA ausgeht, sondern letztlich von den unberechenbaren Impulsen einer unreifen narzisstischen Persönlichkeit gesteuert ist. Mit dem Resultat, dass Trump nach 16 Monaten an der Macht ganz allein die Außenpolitik macht – ohne Bündnispartner und auch ohne den US-Kongress. Das mag sein Ego als Gewinn empfinden. Seinem Land (und der Welt) hat das aber sicher nicht gutgetan.


Vielleicht steckt Kim in einer so tiefen Sackgasse, dass er zur Annahme gekommen ist, eine Reform der chinesischen Art könnte ihn und sein Regime eher vor dem Untergang retten, als seine nukleare Abschreckung.

Den Atomdeal mit Teheran hat die US-Regierung gekündigt, ohne sich mit den anderen Ländern abzusprechen. Resultat: Washington hat sein Recht verloren, nukleare Einrichtungen im Iran zu inspizieren. Neue globale Sanktionen sind aber nicht anstelle des Deals getreten. Länder wie Indien und China, die nur wenig amerikanischem Druck ausgesetzt sind, forcieren nun den Iran-Handel. Und der hat ein größeres Volumen als jener aller europäischen Länder zusammen.

Trump startete einen Handelskrieg mit China, ohne einen Plan, wie man auf die unvermeidlichen Gegenmaßnahmen aus Peking antworten würde. Was passierte? Die Chinesen schlugen zurück. Und Trump knickte vor den Augen der internationalen Öffentlichkeit ein.

Quasi als Kompensation für diese Niederlage führte er – ebenso planlos – neue Zölle auf Autos aus Japan, Mexiko und Kanada und auf Stahl und Aluminium aus Europa ein. Ein Protektionismus, der nach Aussagen aller Fachleute mittelfristig die amerikanische Wirtschaft empfindlich in Mitleidenschaft ziehen und weltweit das Wirtschaftswachstum dämpfen wird. Vor allem aber haben die Vereinigten Staaten den Respekt der Welt verloren. Ihr Ansehen ist unter Trump auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt.

Ist angesichts dieser Bedingungen überhaupt denkbar, dass der kommende Koreagipfel doch noch etwas Positives bringt? Für unmöglich sollte man in diesen globalen Umbruchszeiten, in denen alle Gewissheiten wanken und so vieles in Bewegung ist, nichts halten.

Vielleicht steckt Kim in einer so tiefen Sackgasse, dass er zur Annahme gekommen ist, eine Reform der chinesischen Art könnte ihn und sein Regime eher vor dem Untergang retten, als seine nukleare Abschreckung. Vielleicht ist der Drang Trumps, endlich einen außenpolitischen Erfolg einzufahren, so groß, und seine Sehnsucht nach dem Nobelpreis so unwiderstehlich, dass er schließlich doch nun beginnt, auf längerfristige Diplomatie zu setzen.

Oder aber: Hat sich möglicherweise im Schatten der chaotischen Korea-Politik Trumps, und unabhängig von ihr, eine Dynamik im Verhältnis zwischen Südkorea, Nordkorea und China entwickelt, die letztlich zu einer Pazifizierung dieser gefährlichsten Weltregion führt?

Wird wider Erwarten von Singapur aus wirklich der Weg zum koreanischen Frieden beschritten, sollte der Nobelpreis aber nicht an Donald Trump gehen. Sondern an den südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in, der in den vergangenen Monaten unermüdlich Kim und Trump, die gefährlichsten Größenwahnsinnigen der Welt, bekniet und umworben hat und so bei Laune hielt.

georg.ostenhof@profil.at