Georg Hoffmann-Ostenhof: Washingtoner Scharmützel

Georg Hoffmann-Ostenhof: Washingtoner Scharmützel

Sommertheater: Anthony Scaramucci, sein lustiger Kurzauftritt und andere politische Leichen.

Als US-Präsident Donald Trump am 21. Juli den slicken und umtriebigen New Yorker Hedgefonds-Manager Anthony Scaramucci zu seinem neuen Kommunikationsdirektor ernannte, schien mir, als erinnere mich dessen Namen an jemanden oder etwas. Ich wusste nur nicht, woran. Am 31. Juli hat Trump "The Mooch", wie sich dieser selbst nennt, wieder gefeuert.

Jetzt weiß ich, welche Assoziationen sein Name auslöst. Scaramuz (oder – französisch – Scaramouche) ist eine komische Figur des italienischen Volkstheaters Commedia dell’arte, die in der Folge in unzähligen Romanen und Filmen auftaucht: ein sowohl schlauer wie auch dummer Abenteurer, der das Publikum mit seiner Aufgeblasenheit und Aufschneiderei unterhält, am Ende aber immer wieder verprügelt wird. Der Name hat seinen Ursprung im italienischen "scaramuccia" (Geplänkel), das im Deutschen zu "Scharmützel" mutierte.

Man soll sich ja nicht über Namen lustig machen. In diesem Fall aber passt die lateinische Redewendung "nomen est omen" einfach zu gut. Scaramuccis kurzer Auftritt als Oberkommunikator des Weißen Hauses geriet tatsächlich überaus burlesk.

Bei seiner ersten Pressekonferenz sprach "The Mooch" völlig aufgedreht von seiner großen Liebe zum Präsidenten, diesem "wunderbaren, historisch einmaligen Menschen". Den Reportern, die Trump üblicherweise als Produzenten von "Fake News" schmäht, warf er ein Kusshändchen zu. Im Gespräch mit einem Journalisten des Intellektuellenblatts "The New Yorker" kam er dann schließlich so richtig in Fahrt. Großsprecherisch gab er damit an, wie total und schnell er die "Leaker" und Verräter im Weißen Haus "killen" werde. Die Vulgarität, mit der er über seine Rivalen im Zentrum der Macht herzog, stellte jene des Präsidenten noch in den Schatten – und dazu gehört einiges. Trumps Stabschef Reince Priebus sei ein "verdammter paranoider Schizophrener", wütete er. Und Trumps Chefstratege Steve Bannon "versuche, an seinem eigenen Schwanz zu lutschen".

Priebus musste gehen. Den hat er auf dem Gewissen. Aber lustig ist schon, dass auch Scaramucci selbst nach nur zehn Tagen im Amt gefeuert wurde.

Dabei dürften die verbalen Ausraster nicht der eigentliche Grund für seinen Rausschmiss gewesen sein. Was ausschlaggebend war, weiß der britische "Economist": "Scaramucci hat eine Grundregel der Trump-Herrschaft gebrochen: Er hatte mehr Presse als der Boss."

Ein wenig Tragik steckt aber dann doch in dieser sommerlichen Komödie: Scaramucci hat nicht nur den Job verloren; er ist auch sein Unternehmen los – er musste es wegen Unvereinbarkeit mit einem Regierungsjob verkaufen; seine hochschwangere Frau hat die Scheidung eingereicht; und wenige Tage darauf versäumte er die Geburt seines Kindes – zu dem Zeitpunkt war er mit seinem angehimmelten Chef in der Air Force One unterwegs.


Angst herrscht im Weißen Haus – und Chaos. Und das Köpferollen geht weiter.

"You’re fired" war der Satz, mit dem der TV-Showman Trump berühmt wurde. Und "You’re fired" scheint auch die Herrschaftsmethode des Präsidenten Trump zu sein. Richter, die seine Anti-Muslime-Verordnungen für unrechtmäßig halten, müssen gehen. Geheimdienstler, die recherchieren, ob und wie Trumps Wahlkampfteam mit den Russen kollaboriert hat, verlieren ihren Job. Minister und andere Mitglieder der Administration, die in Verdacht geraten, den Medien Interna zuzuflüstern, oder nur zögerlich den Präsidenten als den Größten Führer aller Zeiten rühmen, laufen Gefahr, arbeitslos zu werden. Angst herrscht im Weißen Haus – und Chaos. Und das Köpferollen geht weiter. Ist da nicht – um im Bild zu bleiben - ein Hauch von Shakespear’schem Königsdrama zu verspüren?

Priebus und Scaramucci waren nur die vorläufig letzten politischen Leichen, die Trumps Weg pflastern. Die nächsten, die Gefahr laufen, gefeuert zu werden, sind bereits bekannt:

Der Präsident twittert seit Wochen gegen Justizminister Jeff Sessions , einen seiner Unterstützer der ersten Stunde, weil der sich in der Untersuchung der Russland-Connection für befangen erklärt hat.

Steve Bannon wurde von Scaramucci wohl nicht ohne Wissen seines Chefs wüst beschimpft: Offenbar ärgert Trump, dass vielfach gemunkelt wird, der rechtsnationalistische Ideologe sei der eigentliche Führer im Weißen Haus.

Schließlich versucht der Präsident hektisch herauszufinden, wie er den unabhängigen Sonderermittler Robert Mueller seines Amtes entheben könnte. Mueller hat jüngst die Untersuchung in der Russland-Affäre ausgeweitet: Nun wird auch Trumps Wirtschaftsgebaren der letzten Jahre und Jahrzehnte unter die Lupe genommen.


Die amerikanische Tragödie nimmt ihren Lauf.

Die amerikanische Tragödie nimmt ihren Lauf. Samstag für Samstag verkünden die Kommentatoren: Das war die schlimmste Woche für den Präsidenten. Und es ist nicht abzusehen, dass sich das ändern wird. Bezüglich der Kungelei mit Russland wird es immer enger für Trump. Im Kongress bringt er kein einziges Gesetz durch. Und seine Zustimmungswerte sind katastrophal und weisen stetig nach unten.

PS: Im Jänner dieses Jahres bin ich (sicher von meinen Wünschen getrieben) die überaus riskante Wette eingegangen, dass Trump das Jahr 2017 politisch nicht überlebt. Jetzt, im Sommer – nach dem kurzweiligen Scaramucci-Intermezzo – sieht es ganz so aus, als ob meine gewiss nicht großen Chancen, die eingesetzten 100 Euro zu gewinnen, ein wenig gestiegen seien.

georg.ostenhof@profil.at