© Walter Wobrazek

Meinungen
04/18/2020

Georg Hoffmann-Ostenhof: Das westliche Virus

Warum nicht der Osten und auch nicht der Süden das Corona-Epizentrum ist, sondern Nordamerika und Westeuropa.

von Georg Hoffmann-Ostenhof

Er hat es versucht, aber ohne Erfolg. Donald Trump wollte nicht Covid-19 oder Coronavirus sagen. Immer wieder sprach der US-Präsident vom „China-Virus“. Er blieb damit allein. Von diesem sprachlichen Versuch der Schuldzuweisung wollte das breite Publikum offenbar nichts wissen. Zu Recht.

Da mag das Virus zuerst in Wuhan aufgetaucht sein. Aber nur wenige Wochen danach war klar: Wenn es überhaupt nach etwas Geografischem oder Geopolitischem benannt werden sollte und nicht nach der für Seuchen zuständigen heiligen Corona, dann hieße es am ehesten: das West-Virus.

Das bösartige, mikroskopisch kleine Stachelwesen fühlt sich in der Tat im Abendland am wohlsten. Ein Blick auf die Website von Worldometer macht klar: Die am stärksten von der Pandemie erfassten Länder sind die USA und alle westeuropäischen Länder (mit Ausnahme Finnlands).

Diese haben bezogen auf die Bevölkerungszahl die meisten Corona-Infizierten und -Toten. Wäre es ein Wettkampf: Der Westen führte, der Osten – der asiatische sowie der europäische – läge weit abgeschlagen zurück.

Und die Länder der südlichen Halbkugel, von denen man anfangs annahm, sie würden, sollte das Virus einmal da angekommen sein, nicht zuletzt ihrer schwachen Gesundheitssysteme wegen Zentren der Corona-Katastrophe werden, scheinen im Vergleich zu den entwickelten westlichen Industriestaaten eher verschont zu bleiben. Bis jetzt zumindest.

In absoluten Zahlen befindet sich China noch im Spitzenfeld, in relativen Zahlen rangiert das Reich der Mitte aber unter ferner liefen. Warum konnte das Killervirus da eingefangen werden, im Westen aber nicht?

Der erste Erklärungsversuch, wonach Autokratien schneller und effizienter auf Krisensituationen reagieren können als Demokratien, erwies sich bald als nicht haltbar: Auch in demokratisch regierten Ländern dieser Weltregion wie Japan, Südkorea und Taiwan konnte die Seuche weitgehend unter Kontrolle gebracht werden.

Es bleibt die Frage, warum just New York, Paris, Mailand, Madrid und London zu Covid-Epizentren wurden, nicht aber die Elendsregionen des Südens.

Definitive Antworten können noch nicht gegeben werden. Einige Hypothesen zu dieser seltsamen Seuchen-Geografie seien dennoch gewagt:

Sicher spielt Globalisierung eine wesentliche Rolle: Je stärker ein Ort durch Handel, Verkehr und Tourismus international eingebunden ist, desto bedrohter dürfte er sein. Wenig globalisierte Regionen wie etwa Afrika müssen sich offensichtlich auch weniger vor der großen Ansteckung fürchten.

Noch wissen es die Virologen nicht sicher, aber einiges deutet auch darauf hin, dass Corona Wärme nicht gut verträgt, also nördliche Gefilde eher heimsucht als südliche.

Schließlich dürfte die jeweils historisch gewachsene Mentalität zentral sein. Im Fernen Osten mit seiner konfuzianischen Tradition fällt es den Regierenden leichter, der Bevölkerung Einschränkungen zu verordnen als in den liberalen Demokratien des Westens, in denen die Menschen von vornherein in einer viel stärker gebrochenen Beziehung zu den Autoritäten stehen.

Dort, wo Politik und Staat in der Krise stecken, wie etwa in Großbritannien, oder die Bevölkerung chronisch wenig Vertrauen in den Staat und seine Institutionen hat, wie etwa in Italien, tobt Corona.

Zeigt sich das nicht auch innerhalb Europas? Dort, wo die Gesellschaft in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts einen Liberalisierungsschub erlebte, im Westen des Kontinents also, ist das Virus nur schwer zu stoppen. In den Ländern, die jahrzehntelang hinter dem Eisernen Vorhang darbten, hat Corona viel weniger Chance auf Verbreitung.

Es ist frappant, wie stark sich die Ansteckungszahlen zwischen Österreich und seinen Nachbarländern Tschechien, Ungarn und Slowenien oder zwischen Deutschland und dem benachbarten Polen unterscheiden.

Was entscheidet aber über Erfolg oder Erfolglosigkeit der aktuellen Krisen-Bewältigung? Der prominente US-Politologe Francis Fukuyama sieht da keine Dichotomie – hier effektive Autokratien, da ineffektive Demokratien: „Was letztlich den Ausschlag gibt, ist nicht die Herrschaftsform. Es geht vielmehr darum, ob die Bürger ihrer politischen Führung vertrauen und ob diese einem kompetenten Staat vorsteht.“

„Trust“ ist für Fukuyama die wesentliche Kategorie. Und an Vertrauen mangelt es im Westen allemal. Allen voran in den USA: Der unglaubwürdigste Präsident der amerikanischen Geschichte führt einen zunehmend dysfunktionalen und schwachen Staat. Da hat das heimtückische Virus leichtes Spiel.

Auch in Westeuropa: Dort, wo Politik und Staat in der Krise stecken, wie etwa in Großbritannien, oder die Bevölkerung chronisch wenig Vertrauen in den Staat und seine Institutionen hat, wie etwa in Italien, tobt Corona. In Ländern aber mit halbwegs funktionierender Sozialstaatlichkeit, effektiven Institutionen und einem nur mäßigen Misstrauen der Staatsbürger gegenüber der Politik, konnte die Pandemie von Anfang an einigermaßen eingedämmt werden. Deutschland und Österreich haben es gezeigt.

Bei allen Unwägbarkeiten steht heute schon fest: Wir erleben auch über die Krisenzeit hinweg ein Wiedererstarken des Staates. Und der muss sich nicht in die autoritäre Richtung bewegen. Im Gegenteil: Der Aufbau starker, aktiver demokratischer Staaten ist angesagt.

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