Gernot Bauer: Wer "e" schreibt, kann auch "a" meinen

Gernot Bauer: Wer "e" schreibt, kann auch "a" meinen

Warum der Feschismus-Vorwurf des „Falter“-Herausgebers verfehlt ist.

In der „Falter“-Ausgabe nach der Nationalratswahl bezeichnete dessen Herausgeber Armin Thurnher Sebastian Kurz auf der Titelseite als „Neofeschist“. Der Begriff ist die aktualisierte Fassung des „Feschisten“, eine Wortschöpfung aus „fesch“ und „Faschist“, die Thurnher um 2000 für Jörg Haider verwendete. Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte er „Feschismus“ vergangenes Jahr so: „Meine These war, dass zum Popstar eine Unterströmung von Gefährlichkeit gehört, zu der im Falle Haiders eben diese Anspielungen auf das Nazitum beigetragen haben. Dieser Popstarkult war extrem mode- und körperbetont, nackter Oberkörper, Sonnenbräune … Fesch und Faschismus ergaben dann den Feschismus.“

In der aktuellen „Falter“-Ausgabe begründet Thurnher seine vielfach kritisierte Wortwahl – der Historiker Gerhard Botz nannte sie im „Standard“ „eine kaum verdeckte politische Diffamierung“ – ausführlich und detailliert. Was der „Falter“-Herausgeber allerdings übersieht: Alle angeführten Attribute eines „Neofeschisten“ treffen auch auf SPÖ-Chef Christian Kern zu.

Neofeschismus komme laut Thurnher mit „einer einfältigen Botschaft“ an die Macht. Diese laute bei Kurz: „Wir müssen uns gegen Ausländer schützen.“ Anzufügen wäre: Christian Kerns Wahlkampf-Mantra, „Wir müssen uns gegen ausländische Konzerne und Immobilienhaie schützen“, ist ebenso „einfältig“ und FPÖ-kompatibel wie Kurz’ Ausländer-Botschaft.

Der Neofeschismus, so Thurnher, schaffe „Öffentlichkeit als Arena der Argumente“ ab und ersetze sie „durch eine Konkurrenz von Charisma“. Es war Kanzler Christian Kern, der das Pressefoyer nach dem Ministerrat und damit eine wichtige öffentliche Arena abschaffte. Kerns SPÖ-interne Anhänger setzten dessen Charisma zudem bewusst in Gegensatz zu Werner Faymanns Glanzlosigkeit.

Merkmal des Feschisten ist laut Thurnher dessen „Körperlichkeit“. Kurz agiere im TV-Studio mit „einstudierten Haltungen“ und betreibe „Polittheatralik“. Auch Christian Kern absolvierte TV-Trainings. Dessen Medienteam verbreitete regelmäßig „Körperlichkeits“-Fotos des Kanzlers beim Jogging. Sogar in kurzen Lederhosen ließ Kern sich gern abbilden – ein klassisches alpines Motiv, besonders beliebt bei Haider und Strache.


Nach der Definition des „Falter“ ist nicht nur Kurz ein Neofeschist, sondern auch Kern, Obama und Macron.

Zur „Polittheatralik“ zählt Thurnher auch die „Kontrolle der Bilder“, welche die ÖVP „durchsetzen“ wolle – wie bei Kurz’ Sondierungsgesprächen im ÖVP-Klub, bei denen nur ein Parteifotograf zugelassen war. Christian Kern exekutierte ebenfalls von Anbeginn eine rigorose „Kontrolle der Bilder“ (Kicken im Kanzleramt) inklusive Ausschluss von unabhängigen Fotografen (nachzulesen auf dem Medienblog kobuk.at).

Auf den „Vorwurf des Neofeschismus“ habe Kurz, so Thurnhers Vorhalt, mit einem „nationalen Schulterschluss“ in Wolfgang-Schüssel-Manier geantwortet. Kurz’ Argumentation funktioniere laut dem Falter-Chef so: „Mir persönlich macht’s nix, aber dem Land, dem werde ich keinen Schaden zufügen lassen.“ Die „Schulterschluss“-Rhetorik ist auch Christian Kern nicht fremd, der nach der Ankündigung schwarz-blauer Koalitionsverhandlungen meinte: „Ich hätte das unserem Land gerne erspart.“ Wessen Sorge um das „Land“ ist glaubwürdiger?

Der bombastische ÖVP-Wahlkampfauftakt in der Wiener Stadthalle mit 14.000 Fans sei nicht „bloß Amerikanisierung“ gewesen, so Thurnher, sondern eine „führerzentrierte Masseninszenierung“. Eine solche „Masseninszenierung“ – man nenne sie nicht bloß „Nordkoreanisierung“ – fand wie jedes Jahr auch am heurigen 1. Mai auf dem Wiener Rathausplatz statt. Der dazugehörige Führer hieß Christian Kern. Und im Jänner beorderte die SPÖ immerhin 1500 Fans in die Welser Messe, um dem Parteivorsitzenden bei der groß inszenierten Präsentation des „Plan A“ zu huldigen.

Zusammengefasst: Wenn Sebastian Kurz im Falter’schen Sinn ein Neofeschist ist, ist Christian Kern auch einer. Der Hinweis auf diese Übereinstimmung hat nichts mit bemühter Vergleichswut („Whataboutism“) zu tun. Denn: Thurnher postuliert eine neue politische Figur (Neofeschist) und beschränkt sie auf einen Vertreter (Kurz). Dies widerspricht der intellektuellen Redlichkeit, deckt sich aber mit einer Erfahrung der vergangenen Monate: Thurnher (und teils auch der „Falter“) behandelt Sebastian Kurz mit voller publizistischer Härte.Gegenüber Christian Kern bewahrt er seine Schonhaltung. Thurnher wurde Opfer seines eigenen Schmähs. Unter seine Definition von „Neofeschismus“ fallen nicht nur Kurz und Kern, sondern auch Obama und Macron. „Politikmarketing“ wäre der passendere, aber weniger Titelblatt-taugliche Begriff.

bauer.gernot@profil.at