Ingrid Brodnig
Ingrid Brodnig

© Alexandra Unger

Meinung
09/12/2020

Ingrid Brodnig: Fahr'n auf der Datenbahn

Ein Blick in das profil-Archiv zeigt, wie sehr sich die digitale Welt in wenigen Jahrzehnten veränderte.

von Ingrid Brodnig

Ich liebe es, Texte aus den 1990er-Jahren über das Internet zu lesen. Es bringt mich immer zum Schmunzeln, welch euphorische Sprache man über die Digitalisierung fand. So war damals noch nicht vom "Netz" die Rede, sondern vom "Cyberspace" oder vom "Information Superhighway". Auch in profil-Ausgaben der 1990er-Jahre findet man solche Begriffe; ein Blick ins Archiv zeigt, dass das profil schon früh über den technischen Wandel berichtete. In einem Artikel schrieb Anton Forstner im September 1995: "Rund um den Globus hängen Hunderttausende Studenten Tag für Tag im Netz. Leute, die sich noch nie gesehen haben und oft Tausende Kilometer voneinander entfernt vor einem PC sitzen, schreiben einander elektronische Briefe (E-Mails), beteiligen sich an sogenannten Online-Diskussionen (Chats) und durchstöbern das Internet auf der Suche nach Neuem und Interessantem (Surfen). In der Netzsprache heißt das: Es wird 'gemailt', 'gechatet' [sic] und nach Lust und Laune durchs 'Web gesurft'. Österreichs unbestrittene Internet-Hochburg ist die Wirtschaftsuniversität Wien (WU).Knapp 9000 Studenten und Universitätsangehörige haben hier via Powernet - so der treffende Name des WU-Netzwerks-gratis Anschluß an die weltweite Datenbahn."

Heute, 25 Jahre später, hat nahezu jeder "Anschluß an die weltweite Datenbahn",wobei es leider keiner mehr so nennt. Man merkt diesen frühen Texten an, wie groß die Aufbruchstimmung war. Und auch das profil machte bald mit: So wurde im November 1994 erstmals eine E-Mail-Adresse eingerichtet, die die Möglichkeit bot, "auch ganz normale Leserbriefe via Internet" an die Redaktion zu senden. Mindestens die Hälfte seiner Lebenszeit ist profil somit schon via E-Mail erreichbar. Solche Texte verdeutlichen, wie sehr sich die Welt und unser Kommunikationsverhalten in wenigen Jahrzehnten veränderte.

profil ist jetzt 50, und man kann wohl sagen: In den kommenden 50 Jahren wird das Internet noch wichtiger werden - die Digitalisierung ist noch immer in ihrer Frühphase. Meine Hoffnung ist, dass es auch in 50 Jahren weiterhin das profil und andere sorgfältig recherchierende Medien gibt, die den technischen Wandel journalistisch begleiten. Und selbst wenn diese Medien gar nicht mehr gedruckt werden sollten, sondern über die "weltweite Datenbahn" abrufbar sind, wäre das für mich in Ordnung. 

Ingrid Brodnig war Redakteurin von 2015 bis 2017 und ist seit 2017 Kolumnistin.

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