Kolumne

Arbeit auf Knopfdruck

Haben Sie heute schon den „KI-Knopf“ gedrückt? Eine Mail schreiben lassen, ein Projektkonzept oder zumindest ein paar Ideen generiert? Und wissen eigentlich die Kollegen und die Chefin davon?

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Generative KI-Tools wie ChatGPT, die aus Daten neue Inhalte generieren, unterwandern zunehmend die Arbeitswelt.  Laut einer aktuellen Umfrage von Microsoft und LinkedIn nutzen bereits 75 Prozent aller Wissensarbeiter solche Tools – rund die Hälfte davon, ohne es offen zuzugeben. 

KI kann heute auf Knopfdruck Aufgaben erledigen, für die Menschen bisher Stunden oder gar Tage gebraucht haben. Und in vielen Fällen erledigt sie die Aufgabe nicht nur schneller, sondern auch besser als wir. Das verändert viele Jobs, ja unser Verständnis von Arbeit überhaupt. 
Unter Arbeit verstehen wir in der Regel eine Tätigkeit, die mit körperlicher oder geistiger Anstrengung verbunden ist. Man muss bestimmte Aufgaben erledigen und Probleme lösen – und dafür muss man etwas können. In der Arbeit entfalten wir unsere Fähigkeiten, wir erleben Selbstwirksamkeit. 

Deshalb spielt Arbeit nach wie vor eine zentrale Rolle in unserem Leben. Was aber, wenn KI immer mehr Tätigkeiten übernimmt? Wofür bekommen wir Lob und Anerkennung, wenn das tolle Projektkonzept in Wahrheit von ChatGPT stammt? Und wofür werden wir eigentlich bezahlt, wenn wir nur noch auf den „Knopf“ drücken müssen? 

Ist das überhaupt noch Arbeit – oder schon Fake Work? 

Ob die KI-Revolution tatsächlich zu Massenarbeitslosigkeit führen wird, wie viele befürchten, kann heute niemand vorhersagen. Wahrscheinlich werden einige Tätigkeiten verschwinden, die sich leicht automatisieren lassen. Aber fast jeder Job wird von KI betroffen sein, vom Buchhalter bis zum Arzt, von der industriellen Produktion bis zur Kreativwirtschaft. 

KI sei nur ein „Werkzeug“, sagen manche. Das klingt beruhigend. Man denkt an einen Hammer, mit dem man einen Nagel einschlägt. In gewisser Weise, so könnte man meinen, „hämmern“ wir mit KI auch nur. Doch diese Analogie führt in die Irre. Ein Hammer macht niemanden zum Tischler – eine KI  schon. 

KI erweitert unsere Fähigkeiten. Mit ChatGPT „kann“ jemand plötzlich einen flüssigen Text schreiben, der vorher kaum einen geraden Satz zustande brachte. Plötzlich „hat“ jemand vielleicht Ideen, der sonst keine hat. Und selbst wer einen Tisch bauen will, obwohl er das noch nie gemacht hat, „kann“ sich von der KI zumindest dabei anleiten lassen. Übertragen auf die Arbeitswelt: Eine Mitarbeiterin mit KI „kann“ mehr als eine Mitarbeiterin ohne KI. 

Generative KI ist also nicht einfach ein Werkzeug, mit dem man etwas Bestimmtes tun kann. Sie ist eher wie ein Zauberwald in einem Online-Rollenspiel, in dem man neue Fähigkeiten entdecken, sich aber auch heillos verirren kann.  

KI kann auf Knopfdruck Aufgaben erledigen, für die Menschen bisher Stunden oder gar Tage gebraucht haben. Und in vielen Fällen erledigt sie die Aufgabe nicht nur schneller, sondern auch besser als wir. 

Was das für die eigene Arbeit bedeutet, kann man am besten selbst herausfinden. Das ist keine Raketenwissenschaft, wie der amerikanische Innovationsforscher Ethan Mollick in seinem Buch „Co-Intelligence“ zeigt. Auf leicht verständliche Weise erklärt Mollick, wie jeder von uns ChatGPT und Co produktiv nutzen kann, vom Einsatz als Tutor und Coach bis zum Co-Worker.  

Wer sinnvoll mit KI arbeiten will, so Mollick, muss seinen eigenen Job hinterfragen: Wie kann ich meine eigene Arbeit durch KI verbessern? Welche Teile kann ich vollständig automatisieren, wo kann mich KI unterstützen – und was sollte ich weiterhin selbst machen?   

Wie Mitarbeiter am besten mit künstlicher Intelligenz umgehen, hängt vom jeweiligen Arbeitstyp ab. Sogenannte Zentauren sind am produktivsten, wenn sie strikt trennen zwischen eigenen Tätigkeiten und solchen, die sie an die KI delegieren. Cyborgs hingegen switchen bei ein und derselben Tätigkeit zwischen Mensch und KI hin und her. Ein Zentaur wird vielleicht Mails an Kunden grundsätzlich mit ChatGPT erstellen, während ein Cyborg beim Schreiben mal seine eigenen Formulierungen und mal die der KI verwendet. 

,Arbeitgeber sollten es ihren Mitarbeitern ermöglichen, zwanglos mit KI zu experimentieren. Das klingt gefährlich, nicht zuletzt für die Autorität des Chefs. Doch das Potenzial ist enorm. Es liegt nicht nur in mehr Effizienz und Produktivität. Wer KI unvoreingenommen und reflektiert im Job einsetzt, statt einfach nur auf den „Knopf“ zu drücken, kann auch viel über die eigene Arbeit lernen, über die eigenen Fähigkeiten und Grenzen – also über sich selbst.

Thomas Vašek

Thomas Vašek

war in den 1990er-Jahren Investigativjournalist bei profil. Heute ist er Co-Chefredakteur der Zeitschrift „human“, die sich mit den Auswirkungen von KI auf Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur beschäftigt.