Martin Staudinger: Unheilige Kühe

Martin Staudinger: Unheilige Kühe

Niemand schützt Religionsfreiheit und -frieden besser als der säkulare Staat. Doch gerade er gerät in vielen Teilen der Welt zunehmend unter Druck.

Versuchen Sie einmal, sich das vorzustellen: Auf dem Boden einer anerkannten, traditionsreichen Demokratie entsteht der größte Gottesstaat der Welt – mit einem Kleriker an der Spitze, der sein geistliches Amt trotz seiner neuen politischen Funktion behält und offen gegen Andersgläubige auftritt.

Wenn Sie meinen, das sei undenkbar, dann täuschen Sie sich. Derartiges geht nämlich gerade in Uttar Pradesh vor. Der indische Bundesstaat, mit mehr als 200 Millionen Einwohnern fast dreimal so groß wie der Iran, hat seit Mitte März einen Hindu-Eiferer als Ministerpräsidenten. Mahant Yogi Adityanath ist Oberpriester eines wichtigen Tempels, Mitglied der Regierungspartei BJP von Premierminister Narendra Modi und wurde in der Vergangenheit vor allem durch wüsten religiösen Nationalismus auffällig.

Einen angeblichen „Liebes-Jihad“, den Muslime seiner Meinung nach führen, um Hindu-Mädchen zu schwängern, ließ er durch „Anti-Romeo-Eingreiftruppen“ bekämpfen. Er verteidigte einen Mob, der einen Mann islamischen Glaubens gelyncht hatte. Und der Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa warf er vor, Teil einer Verschwörung zur Christianisierung Indiens gewesen zu sein. Zu seinen Pflichten als Oberpriester zählen unter anderem Brandopfer, Yoga-Übungen und die tägliche rituelle Fütterung heiliger Rinder. Um Letztere weiterhin durchführen zu können, musste in seiner Residenz eigens ein Kuhstall eingerichtet werden. Einen Monat im Jahr – jeweils im Jänner – ist in Uttar Pradesh an Regierungsarbeit kaum zu denken, weil der mächtigste Politiker des Bundesstaats damit beschäftigt ist, im Zuge eines Erntedankfests Essen an Zehntausende Gläubige zu verteilen.

Die „Hindustan Times“ attestiert Yogi Adityanath, er diene „Gott und der Regierung“ – in dieser Reihenfolge. Und er hat sein Amt wohl nicht von ungefähr erhalten: Der gesamtindische Regierungschef Modi, der im Westen seltsamerweise immer noch weitgehend als Modernisierer durchgeht, betrachtet die Ernennung des Oberpriesters zum Ministerpräsidenten als Schritt zur Erfüllung eines lang gehegten Traumes, analysierte die „New York Times“ vergangene Woche (und handelte sich dafür umgehend einen scharfen Rüffel aus Neu-Delhi ein): der „Umwandlung einer säkularen Republik in einen Hindu-Staat“.


Nationalismus und Religion gehen derzeit eine beunruhigende Mesalliance ein.

Ob dieses Vorhaben im multireligiösen Riesenreich Indien ähnlich gelingt wie im benachbarten und verfeindeten Pakistan, das sich 1947 als dezidiert muslimischer Staat von der Kolonie Britisch-Indien abspaltete, sei dahingestellt. Aber die Entwicklungen in Uttar Pradesh passen zu einer Tendenz, die sich auch anderswo bemerkbar macht: War das 20. Jahrhundert von einer Säkularisierung des Staatlichen geprägt, so finden sich Anfang des 21. Jahrhunderts Religion und Nationalismus zu einer beunruhigenden Mesalliance zusammen.

Das gilt nicht nur für Indien, sondern in unterschiedlichem Ausmaß auch für andere bedeutsame Länder. Etwa für die Türkei, wo Präsident Recep Tayyip Erdoğan einen islamisch geprägten Autoritarismus anstrebt. Oder für Russland, wo Kreml-Chef Wladimir Putin die orthodoxe Kirche für seine Ziele einspannt.

In Israel, der einzigen Demokratie des Nahen Ostens, weist die von Premierminister Benjamin Netanjahu betriebene gesetzliche Festschreibung der jüdischen Identität des Staates in eine ähnliche Richtung.

Und auch diverse rechtspopulistische Parteien und Bewegungen in Europa bemühen sich, den Begriff des christlichen Abendlands zu politisieren. Sie scheitern dabei aber vorerst daran, dass tief empfundene Religiosität in den Gesellschaften des industrialisierten Westens keine substanzielle Rolle mehr spielt und einschlägige Rhetorik deshalb ohne große Wirkung verhallt. Zudem zeigt das nichtorthodoxe Christentum derzeit im Gegensatz zu vielen anderen Religionen bemerkenswert wenig Aggressionspotenzial und vor allem keine ernstzunehmenden Ambitionen auf konkrete Teilhabe an staatlicher Macht.

In Deutschland hätten die christlichen Kirchen gelernt, „dass ihr Einfluss durch direkte Beteiligung an politischen Auseinandersetzungen eher leidet. Ihre – für die Zahl ihrer Mitglieder recht große – politische Bedeutung verdanken sie einer Dauerpräsenz im politischen Diskurs, der sich nicht eindeutig parteipolitisch abbilden lässt“, erklärte der Staatsrechtler Christoph Möllers kürzlich in der „Berliner Zeitung“. Gleiches gilt auch für Österreich und viele andere europäische Länder.

Gelernt haben die Kirchen aus vielen abschreckenden Beispielen aber noch etwas: dass der beste Garant für die Religionsfreiheit und -frieden ironischerweise eine Institution ist, die viele Gläubige reflexhaft ablehnen – der säkulare, demokratische Staat, der allen Konfessionen gleichermaßen ihr Recht lässt.

Als solcher hatte sich das moderne Indien in seiner Verfassung bereits vor fast 70 Jahren selbst definiert. Dass seine amtierende Regierung bereit scheint, diese Errungenschaft zur Disposition zu stellen, ist ein Rückschritt, der nicht nur die religiösen Minderheiten in Uttar Pradesh beunruhigen sollte.

martin.staudinger@profil.at
Twitter: @martstaudinger

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 14 vom 3.4.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.