<i><small>Michael Nikbakhsh</small></i>
Die Regeln des Spiels

Die Milliardenklage gegen Julius Meinl und die Meinl Bank könnte zu einem echten Problem für jeden Steuerzahler werden. Das erscheint zynisch, aber so ist der Kapitalismus.

So Sie nicht jenem Promille der Gesellschaft angehören, das Millionen Euro allenfalls als Dezimalstelle auf dem Kontoauszug begreift, so Sie also nicht steinreich sind, werden Sie möglicherweise Mühe haben, eine Summe von 2.100.000.000,00 Euro zu imaginieren. 2,1 Milliarden Euro sind in der Tat richtig viel Geld. Damit ließe sich das Budget substanziell entlasten, die österreichische Wirtschaftsleistung messbar steigern.

2,1 Milliarden Euro – das ist zugleich auch jener Betrag, den die an der Wiener Börse gehandelte Immobiliengesellschaft Atrium European Real Estate (vormals Meinl European Land, MEL) jetzt mittels Klage vor einem Londoner Gericht bei der Wiener Meinl Bank, Bankier Julius Meinl und einer Reihe seiner Getreuen eintreiben will. Und zwar im Zusammenhang mit den skandalösen Wertpapiergeschäften der Meinl-Clique, die im August 2007 aufflogen (und von profil seither penibel aufgearbeitet wurden). Herrn Meinls Reaktion, habituell über Vasallen verbreitet, fiel heftig aus: Die Klage sei „erpresserisch, absurd und populistisch“. Damit liegen die Geklagten gar nicht so daneben.

Es ist wohl kein Zufall, dass die neuen Großaktionäre – ein Bündnis der US-Bank Citigroup und des israelischen Immobilienfonds Gazit Globe – die Klage in London eingebracht haben. Die Justiz dürfte (zumindest in dieser Causa) unbeeinflusster arbeiten, die Gerichtsgebühren sind niedriger – und Meinl ist halt britischer Staatsbürger, und er musste MEL seinerzeit ja unbedingt auf der britischen Kanalinsel Jersey installieren.

Selbstredend ist auch die Klagssumme eine scharfe Ansage in Richtung eines raschen Vergleichs. Meinl betreut vermögende Privatkunden, die auf derlei Vorgänge sensibel reagieren. Gut möglich, dass die Meinl Bank bereits Einlagen und damit Liquidität verliert. Das könnte sich verschlimmern, je länger die Rechtssache läuft – und das kleine Geldhaus arg in Bedrängnis bringen. Müsste die Bank darüber hinaus auch nur ein Zehntel des eingeklagten Betrags als Prozessrisiko ­zurückstellen, könnte sie nicht mehr bilanzieren – und wäre faktisch pleite (Julius Meinl selbst hat zwar ein beachtliches Vermögen auf der Seite, aber die Beträge, um die es jetzt geht, dürften ihn auch privat in die Enge treiben).

Doch was will er sich beschweren? Hat Meinl die Regeln des Spiels vergessen? Stark haut schwach, oben sticht unten. Der Kapitalismus macht nun einmal keine Gefangenen.

Meinl hat es plötzlich mit Leuten zu tun, deren Anwälte dies- und jenseits des Ärmelkanals jedenfalls so zahlreich und so gut sind wie die seinen und die obendrein einen langen, längeren Atem haben.

Konsequenterweise müsste an dieser Stelle ein Ausdruck der Genugtuung folgen, weil irgendwie ist Meinl ja an all dem selber schuld. Nun, ganz so simpel ist es nicht. Man stelle sich vor, die Meinl Bank käme tatsächlich ins Schleudern. Was würde wohl geschehen?

Szenario eins (unwahrscheinlich): der Zusammenbruch. Das machte international keinen schlanken Fuß – kleine Privatbank hin oder her. Der Finanzplatz Österreich käme ins Gerede; ­pickelige Hedgefonds-Artisten (die Staaten bekanntlich auf Knopfdruck in den Orkus schicken können) kämen möglicherweise auf die Idee, gegen Österreichs Bonität zu spekulieren. Hieße: Die Staatsschulden würden sich verteuern. Das träfe jeden im Land. Szenario zwei (wahrscheinlicher): Eine um Stabilität bemühte Bundesregierung würde die Bank auffangen. Herrn Meinls Problem würde damit aber erst recht zu jenem aller Steuerzahler. Sie hätten eine (weitere) Bank am Hals, unter der sich noch Abgründe auftun könnten, siehe Hypo Alpe-­Adria.

So grotesk es klingen mag: Herrn Meinls ausgeprägte Schwäche für das Anhäufen von Geld könnte drei Jahre nach Auffliegen des MEL-Skandals noch zu einer echten Belastungsprobe für die Republik werden.

Es ist müßig, darüber zu debattieren, ob und wie der Fall Meinl zu verhindern gewesen wäre. Der Bankier war gierig, seine Entourage war gierig, auch die, das sei einmal gesagt, Anleger waren gierig. Auf der anderen Seite ineffiziente bis nachlässige Kontrollsysteme, vom Aufsichtsrat über die Finanzmarktaufsicht, die OeNB, die Wiener Börse und die Wirtschaftsprüfer bis hin zu Konsumentenschützern und Medien.

Meinl – das ist Österreichs früher Beitrag zur Finanzkrise. Es herrscht unzweifelhaft breiter Konsens darüber, dass diese Geschichte sich nicht wiederholen darf. Die neuen ­Finanzmarktregeln, seit Monaten fester Bestandteil jeder ­politischen Rede (wir werden sehen, was davon übrig bleibt), werden mit Sicherheit ein wenig dazu beitragen.

Doch die Gier bleibt ein hartnäckiger Gegner – ein schwer zu zähmendes Raubtier, das seine Opfer erst ernährt und dann verschlingt. Das lässt sich nicht einfach per Gesetzeserlass einfangen. Eigentlich sollten wir nicht erst seit Ausbruch der Finanzkrise wissen, dass Begriffspaaren wie „Sicherheit“ und „Rendite“ ein innerer Widerspruch zugrunde liegt. Und doch wollen wir den Verheißungen in krachbunten Anlageprospekten nur allzu gerne glauben. Zu groß ist die Verlockung, irgendwann auch Teil jenes Promilles der Gesellschaft zu werden, das US-Investorenlegende Warren Buffett einst ironisierend „lucky sperm club“ nannte. In letzter Konsequenz muss jeder für sich entscheiden, wie weit er dafür zu gehen bereit ist.

michael.nikbakhsh@profil.at