Michael Nikbakhsh: Kosten im Osten

Michael Nikbakhsh: Kosten im Osten

Österreichs Banken versenkten in den vergangenen zwei Jahren in Osteuropa Milliarden. Ist die „Erfolgsstory CEE“ damit am Ende? Mitnichten.

Paul Krugman, ein Mann dunkler Vorahnungen. Im April 2009 hatte der US-amerikanische Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger das Engagement der österreichischen Banken in Zentral- und Osteuropa öffentlich hinterfragt und damit ein kleines Erdbeben ausgelöst. Die Kreditrisken der Österreicher seien, so Krugman damals wörtlich, „off the charts“ – also jenseits von Gut und Böse. So gesehen sei es auch nur eine Frage der Zeit, bis die Republik Österreich mit diesen Problemen belastet werde. Bald sechs Jahre sind seither vergangen. Hatte der Seismiker Paul Krugman recht?

Vor wenigen Tagen meldete die Raiffeisen Bank International für das abgelaufene Wirtschaftsjahr 2014 einen Rekordverlust in der Höhe von 493 Millionen Euro, getrieben durch Abschreibungen in Russland, Polen, Albanien (und Asien). Die Erste Group rechnet für 2014 gar mit einem Minus von 1,6 Milliarden Euro. Sie hat gravierende Probleme in Rumänien und Ungarn, wo es auch für Raiffeisen nicht eben rund läuft. Die Bank Austria hat Ähnliches bereits hinter sich. Sie fuhr 2013 einen Nettoverlust von 1,6 Milliarden Euro ein, nachdem sie all ihre Ost-Beteiligungen auf null abgeschrieben hatte (mittlerweile schreibt sie wieder schwarze Zahlen). Die Hypo Alpe-Adria war bereits 2009 über fragwürdige geschäftliche Aktivitäten in Südosteuropa direkt in die Arme des Staates gestolpert. Deren regionale Operationen mussten mangels zahlungswilliger Interessenten faktisch verschenkt werden. Die seit 2012 teilstaatliche Österreichische Volksbanken AG (ÖVAG) hat ihr Osteuropa-Netzwerk längst mit Verlust abverkauft (die im Gefolge verlustreicher Wertpapiergeschäfte implodierte ÖVAG-Beteiligung Kommunalkredit steht bereits seit Ende 2008 im Eigentum der Republik). Auch die Bawag ist in der Region nicht mehr vertreten. Raiffeisen muss das Geschäft in Russland stark zurückfahren und sucht mittlerweile Käufer für die Beteiligungen in Polen und Slowenien, während die in Misskredit geratene Ukraine-Tochter als unverkäuflich gilt. Kiew und Umgebung sind mittlerweile auch der Bank Austria zu heiß, sie sucht ebenfalls Abnehmer. Die Erste hat sich bereits aus der Ukraine verabschiedet und Teile ihrer Ungarn-Tochter abgegeben.

War es das also? Endet hier die vermeintliche „Erfolgsstory CEE“, die in den 1990er-Jahren ihren Anfang nahm? Aus der Traum vom Wirtschaftsimperialismus à l’autrichienne? Hatte Krugman also recht? Jein. Gewiss, die Welt jenseits der Grenzen ist nicht mehr die, die sie in den ersten Jahren nach der Ostöffnung war. Die viel zitierte wilde „Bonanza“ ist lange passé, die Märkte konsolidiert, die Wirtschaftskrise lastet hartnäckig auf den Volkswirtschaften, den Kreditnehmern und damit den Kreditgebern. Dass der Krieg in der Ukraine, die damit verbundenen Russland-Sanktionen und der Rubel-Verfall dem Geschäft vor Ort nicht wirklich zuträglich waren, liegt auf der Hand. Vom obskuren Protektionismus der ungarischen Regierung ganz zu schweigen.

Dem ist entgegenzuhalten, dass die Banken – mit Abstand auch die in der Region tätigen Versicherer Vienna Insurance Group und Uniqa – auf Jahre gesehen hervorragend verdienten: Seit 2000 warf das internationale Geschäft von Raiffeisen Gewinne (vor Steuern) in einer Größenordnung von fast zehn Milliarden Euro ab. Bei der Bank Austria waren es gut neun Milliarden Euro. Die Erste Group fuhr (inklusive Österreich) Überschüsse von insgesamt fast zwölf Milliarden Euro ein, wovon aber ein großer Teil auf CEE entfiel. Anders gesagt: Die jüngsten Verluste sind zwar grimmig, stehen aber in keiner Relation zu den Gewinnen der Vergangenheit. Der Fall Hypo Alpe-Adria taugt hier übrigens nicht als Antithese. Nicht die Wirtschaftskrise killte die Bank, sondern vielmehr grob fahrlässige bis kriminelle Handlungen von Politikern und Managern.

Selbstverständlich haben die Banker Fehler gemacht, und das nicht zu knapp. Der vermeintliche Selbstläufer Osteuropa ließ den einen oder anderen Vorstandsdirektor übermütig werden. Raiffeisen kaufte sich zu überzogenen Preisen in der Ukraine ein, die Erste in Rumänien, die Bank Austria fiel solcherart in Kasachstan auf die Nase. Nicht zu vergessen die irren Fremdwährungsfinanzierungen, die von Österreich aus in die Welt exportiert wurden und nun Tribut fordern.

Da war es auch wenig hilfreich, dass die Gewinne der Vergangenheit nicht notwendigerweise dazu verwendet wurden, die eigenen Reserven zu stärken. So musste gerade Raiffeisen International sich zuletzt den Vorwurf gefallen lassen, lange Zeit unverhältnismäßig Dividenden und Bonifikationen ausgeschüttet zu haben. Man hat – hoffentlich – daraus gelernt.

Ist das Projekt Osteuropa am Ende? Nein. Die Banken? Auch nicht. Deren Repräsentanten sind aber um eine kostbare Erkenntnis reicher: Rendite frisst Verstand.