Michael Nikbakhsh: Zinsfallen

Michael Nikbakhsh: Zinsfallen

Das nicht nur für diese Jahreszeit ungewöhnlich tiefe Zinsniveau beflügelt die Fantasie in den Rechts-und Kreditdepartements der österreichischen Kreditwirtschaft.

Geht das mit den Zinsen nämlich so weiter, also weiter talwärts, dann könnte die eigentlich unvorstellbare Situation eintreten, dass die Banken von ihren Kreditnehmern nicht nur keine Zinsen mehr bekommen, sondern diesen auch noch etwas zahlen müssen. Im Interbanken- oder Geldmarkt, also da, wo sich die Banken das Geld untereinander leihen, sind die Zinsen bereits teils negativ. Geld auf Pump wird immer billiger, weil es irgendwie niemand braucht (oder will). Und genau das könnte zu einem Problem werden. Denn Kundenkredite sind, sofern nicht fix verzinst, an die Entwicklung der veröffentlichten Geldmarktsätze wie „Euribor“, „Libor“ oder „CHF-Libor“ gebunden (über deren Tatsachengehalt freilich diskutiert werden darf, siehe erwiesene Manipulationen). Im Fachjargon werden Euribor und Libor (oder allerlei Mischformen) Indikator-, Basis- oder Referenzinssatz genannt.

Weil Banken nun einmal keine Gebetshäuser sind, reichen sie diese Konditionen nicht eins zu eins weiter. Von wegen Marge und so. Der Kunde zahlt einen Aufschlag, eine unmittelbare Funktion von Bonität, Sicherheiten und Verhandlungsgeschick. Ein Prozentpunkt und weniger sind eher die Ausnahme, 1,5 bis zwei Prozentpunkte eher die Regel. Heißt: Liegt der Referenzzinssatz bei einem Prozent und der Aufschlag bei einem Prozentpunkt, zahlt der Kreditnehmer aufs Jahr gerechnet zwei Prozent Zinsen (in Wahrheit natürlich mehr, weil ja auch Nebenkosten für Bearbeitung, Kontoführung und so anfallen). Basiszins und Aufschlag ergeben den „Sollzins“. Und der soll nun keinesfalls irgend etwas Dummes tun. Also unter null fallen zum Beispiel. Das wäre tatsächlich dann der Fall, wenn die Geldmarktzinsen so weit ins Minus kippen, dass selbst unter Einrechnung des Aufschlags kein Plus mehr herauskommt.

Was also tun? Gestatten: Mindestzins. Die Bank Austria zum Beispiel verständigt ihre Kreditkunden dieser Tage, dass Kredite nach ihrer „Rechtauffassung“ in jedem Fall zu verzinsen seien. Und hat sich gleich auf einen Wert festgelegt: 0,00001 Prozent. Unter dieses Sollzinsniveau kann ein Kredit niemals fallen – ganz gleich, was geschieht. Das ist sogar noch vergleichsweise fair. Von anderen Banken hört man, dass diese ihren Kunden viel höhere Mindestzinsen verordnet haben. Die Kreditwirtschaft rechtfertigt das damit, dass der OGH schon 2009 festgestellt habe, dass Sparbücher unbedingt zu verzinsen seien (ohne freilich eine Untergrenze zu definieren). Also könne das bei Krediten ja wohl nicht anders sein. Bemerkenswerter Vergleich.


Das Problem ist nur ein anderes: Wenn variabel verzinste Kredite plötzlich eine Deckelung nach unten aber nicht nach oben (und davon war noch nie die Rede) haben, dann entsteht doch eine gewisse Schieflage in der Geschäftsbeziehung. Oder ist Ihnen schon einmal ein Maximalzins angeboten worden und das einfach so? Und überhaupt: Dürfen die Banken das denn? Grauzone, noch nicht ausjudiziert. Der Verein für Konsumenteninformation will das jetzt ausstreiten. Könnte interessant werden.

Michael.Nikbakhsh@profil.at