<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Kunst hinaufzufallen

<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Die Kunst hinaufzufallen

Ob in der Kommunalkredit-Bank, im Schulwesen oder an Burg und Oper: Claudia Schmied hinterließ einen Scherbenhaufen.

Ich möchte nicht gerne hinter Claudia Schmied aufräumen müssen. In der Kommunalkredit hinterließ sie ­einen Verlust von mindestens 1,2 Milliarden Euro. Mildernd kann ich nur anmerken: Bankvorstand in Zeiten der Finanzkrise war kein einfacher Job. Aber prädestiniert das Scheitern darin zum Minister? Wenn man eine führende Rolle beim Bund sozialistischer Akademiker spielt, offenbar schon – auch im Sinne der jüngste Expertise von Franz Vranitzky und Hannes ­Androsch, wonach Nicht-Politiker mit schwierigen öffentlichen Ämtern „überfordert“ sind: Frau Schmied avancierte zur Unterrichtsministerin. Dort hinterließ sie nach acht Jahren die „Neue Mittelschule“, von der nur sicher ist, dass sie wesentlich mehr als die alte Hauptschule kostet – dass sie auch mehr leistet, hat bisher kein Test ergeben. Mildernd sei angemerkt: Schulpolitik an der Seite der ÖVP hat Finanzkrisen-Charakter.

Ohne jede Erschwernis konnte Claudia Schmied hingegen Kulturpolitik betreiben, wofür sie angeblich prädestinierte, dass sie schon immer gern in Burg und Oper ging.

Inzwischen scheint Matthias Hartmann freilich eher die falsche Wahl als Burgtheaterdirektor gewesen zu sein. Und jetzt folgt seinem Hinauswurf der Abgang von Franz Welser-Möst als Generalmusikdirektor der Staatsoper wegen unüberbrückbarer künstlerischer Differenzen mit deren Direktor Dominique Meyer.

Hier weiß ich keine mildernden Umstände: Zwei Männer an die Spitze der Staatsoper zu bestellen, die nur gerade eine Stunde Zeit hatten, einander kennenzulernen, ist ein Mangel an Professionalität, der seinesgleichen sucht.

Wer die Fehlbestellung war, ist eine Randfrage, zu der ich eine subjektive Meinung habe: Ich hatte zumindest vier Stunden Zeit, um Welser-Möst kennenzulernen, und meine zu wissen, dass er streitbar, hochintelligent, bewandert in allen Künsten und ein Perfektionist ist. Sein „Rosenkavalier“ bei den Salzburger Festspielen war denn auch der schönste, den ich in 65 Jahren Opernbesuchs erlebt habe – ein Optimum von Dirigat, gesanglicher Leistung und Regie. Wenn Welser-Möst daher anführt, dass seine Differenzen mit Meyer dessen Regie- und Besetzungsentscheidungen – zuletzt beim jüngsten Mozart-Zyklus der Staatsoper – betreffen, nehme ich das ernst.

Es gibt freilich ein „systemisches“ Problem aller Doppelspitzen, bei denen ein Mann, der primär aus der Wirtschaft kommt, mit einem, der primär vom Fach ist (aus der Kunst, der Journalistik, der Medizin kommt), zusammenarbeiten muss: Wenn die beiden nicht miteinander können, ist es ein zentrales Problem, weil die fachliche Leistung (ob Kunstwerk, Zeitung oder Operation) immer ein Budget voraussetzt.

In Zeitungen vermeidet man desaströse Zusammenstöße mittlerweile, indem der Geschäftsführer zwar über die wirtschaftliche Gebarung insgesamt entscheidet, der Chefredakteur aber innerhalb eines „Redaktionsbudgets“ allein entscheiden kann: Nicht nur, wie er die Zeitung macht, sondern auch, wen er als Redakteur einstellt.

Unterlaufen wurde diese Regelung zu meiner Zeit allerdings stets dadurch, dass das Redaktionsbudget nicht wertgesichert war: Damit zwang mich jede Kostensteigerung erst wieder zum Bittgang beim Geschäftsführer. Die Budgets von Burg und Oper sind seit Jahren nicht mit der Teuerung gestiegen, sodass die Abhängigkeit des künstlerischen vom kaufmännischen Leiter theoretisch eine zwingende ist. Dass in der Burg beide im Rang von Geschäftsführern sind, macht die Sache nicht besser, sondern schlechter: Dem „Künstler“ fehlt die Zeit, sich in die umfangreiche wirtschaftliche Gebarung zu vertiefen – aber er verantwortet sie mit. Dem Kaufmann fehlen Macht und Geltung, sich gegenüber einem sprachgewaltigen „Theatermann“ durchzusetzen.

In der Oper ist’s noch komplizierter: Der Generalmusikdirektor hat nur ein Mitspracherecht – Regisseure und Sänger wählte der Operndirektor aus. Das kann nur funktionieren, wenn der sehr viel Ahnung von „Regie“ und
„Gesang“ hat. Im Zweifel würde ich diese Ahnung einem Generalmusikdirektor eher als einem Kaufmann zubilligen – aber Herbert von Karajan hat bewiesen, dass ein begnadeter Dirigent ein miserabler Regisseur sein kann.

Verträge für die Spitze der Oper sind daher das Schwierigste, was ich mir vorstellen kann: Sie müssen juristisch extrem präzise, vor allem aber von maximaler Kenntnis der jeweiligen Kandidaten getragen sein. Deshalb meine ich, dass Kultur selbstverständlich ein eigenes Ressort sein müsste, an dessen Spitze man nur mit maximaler Kenntnis des Kunstbetriebes gelangt: Nach einem abgeschlossenen Kultur-Management-Studium, einer Intendanz immer größerer Festspiele oder Bühnen und zum Schluss vielleicht einer Tätigkeit als Kulturstadtrat. Oder aber man besitzt den künstlerischen Rang eines Michael Haneke. Scheitern in einer Bank sollte jedenfalls zu wenig sein.

PS: Zur Hygiene von Verträgen: Es war unmöglich, dass
Matthias Hartmann seine Ehefrau Alexandra Liedtke an der Burg beschäftigte. Aber es ist ein Glücksfall, dass sie jetzt an der Josefstadt eine großartige „Liebelei“ inszenierte.

peter.lingens@profil.at