<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Bruchpiloten

<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Bruchpiloten

Beim Eurofighter-Deal sollen bis zu 180 Millionen Euro Schmiergeld geflossen sein? Das wird doch wohl bitte niemand ernsthaft glauben!

Die klandestine Krisensitzung war von Wolfgang ­Schüssel mit äußerster Sorgfalt geplant worden. Er hatte nicht etwa, wie die Amateure von der CIA, per E-Mail geladen – auch, weil er keinesfalls in den Verdacht geraten wollte, der Internetgeneration anzugehören –, sondern sich einer absolut abhörsicheren Methode bedient. Der Altkanzler hatte sich nämlich nach einigem Nachdenken seines treuen ehemaligen Staatssekretärs Alfred Finz erinnert. Der war schließlich schon in seiner aktiven Zeit niemandem aufgefallen. Also hatte ihn Schüssel, wie bei anderen Brieftauben auch üblich, mit um den Knöchel gebundenen Nachrichten losgeschickt, um alle Teilnehmer persönlich einzuladen. Als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme zerstörte sich das Papier, nachdem es der Empfänger gelesen hatte, auch noch in guter alter Agentenmanier quasi selbst: Finz nahm es wieder an sich und aß es auf.

Karl-Heinz Grasser hatte dann auch alle Regeln, die ihm der Chef für den Weg zum Ort des Geheimtreffens vorgegeben hatte, penibel befolgt. Schließlich hatte Schüssel widrigenfalls mit dem Äußersten gedroht: „Wenn ich einen erwische, der hier Linke macht, dann spielt’s Granada.“ Das wollte Karl-Heinz natürlich keinesfalls riskieren. Also war er zuerst mit seinem Auto nach Gumpoldskirchen gefahren, dort in einen von Finz bereitgestellten, mausgrauen VW Polo umgestiegen – einen solchen Wagen hatte Karl-Heinz bisher noch nicht einmal aus der Nähe gesehen –, war zum Bahnhof Bad Deutsch-Altenburg gefahren, hatte dort einen vorbeifahrenden, mit Problemstoffen beladenen Güterwaggon besprungen, war bei einer Unterführung in Simmering durch das offene Schiebedach eines Taxis gesprungen, das ihn nach Heiligenstadt gebracht hatte. Dort hatte er, versteckt in ein paar Schachteln, die er einem Obdachlosen um einen Kristallpinguin abgekauft hatte, den Einbruch der Dunkelheit abgewartet und war schließlich zu Fuß zu Wolfgang Schüssels Wohnung nach Hietzing gegangen.

Die anderen waren alle schon da. Und die Stimmung war alles andere als ausgelassen.

Martin „Gegengeschäft“ Bartenstein, jener Mann, der es als Wirtschaftsminister so hervorragend verstanden hatte, der Bevölkerung, ohne dabei rot zu werden, vollkommen glaubhaft zu erklären, dass jeder in die Eurofighter investierte Euro aufgrund der Grenzgenialität der schwarz-blauen Koalition in doppelter Ausführung wieder nach ­Österreich zurückfließen würde, starrte düster auf seine Schuhe und dachte: „Bald brauch ich neue.“

Herbert Scheibner, der in der Tiefe seines Herzens schon damals geahnt hatte, dass alle geahnt hatten, dass ihm ein Ministersessel um einige Nummern zu groß war, suchte auf seinem iPad nach irgendeinem arabischen Land, in dem er für einen bekannten Kampfflugzeughersteller schöne Präsentationen organisieren könnte, weil es ja eigentlich weltweit niemanden gab, der das so gut konnte wie er. Wenn möglich sollten diesmal allerdings schon ein bisschen mehr als bloß mickrige 60.000 Euro dabei rausspringen.
Gernot Rumpold war wie immer zuständig für das Catering und ging mit einem Tablett herum, auf dem Käsesandwiches waren, bei denen sich der Rand aufrollte, sowie Brote mit durch langen Luftkontakt schon bräunlichem Liptauer. Karl-Heinz hatte auf seinem doch ziemlich langen Weg hierher nichts gegessen und wollte schon gierig nach einem der Häppchen greifen. Dann entdeckte er aber zum Glück in letzter Sekunde das Preisschild dahinter: „3.499,90“.

Und der Chef? Der saß am Kopfende des Tisches, wie ­früher beim Ministerrat. In ihrer großen Zeit, in der sie das Land vom Filz des rot-schwarzen Proporzes befreiten, privatisierten, während die anderen champagnerisierten, Schulterschlüsse zogen, die Wüste Gobi bereisten und – die Eurofighter kauften. Schüssel trommelte ungeduldig mit spitzen Fingern auf die Platte und rief schließlich mit schneidender Stimme: „Hat irgendjemand etwas zu ­sagen?“

Niemand wagte sich aus der Deckung. So lange, bis es Gernot Rumpold zu peinlich wurde. Und das wollte schon etwas heißen, wenn man bedachte, dass er Gernot Rumpold war. Er sagte: „No jo. Schaut so aus, als hätten se uns dawuschen, oder?“

Schüssels Augen verengten sich zu waagrechten Schießscharten. Er lief blau an, was nicht nur Karl-Heinz nicht als Sympathiekundgebung für den früheren Koalitionspartner verstand. „Das ist inakzeptabel!“, kreischte er. „Ich war der bedeutendste Kanzler der Zweiten Republik! Ich lasse mir mein Lebenswerk nicht kaputt machen!“

Seine Wut war verständlich. Der Altkanzler hatte ja immer größten Wert auf Sauberkeit und Moral gelegt und …
„Von ein paar blutigen Amateuren, die nicht einmal wissen, wie man Schmiergeld richtig versteckt!“
Dann stand er auf, zischte Karl-Heinz noch bebend zu: „Danke, du Experte!“, und verließ das Zimmer.
Karl-Heinz rief Rumpold zu sich und griff resignierend nach einem Liptauerbrot. Jetzt war’s auch schon wurscht.

rainer.nikowitz@profil.at

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