Rainer Nikowitz: Cliffhanger

Rainer Nikowitz: Cliffhanger

Ja, so ein WM-Finale war auch spannend. Aber nichts gegen das, worauf das ganze Land heute atemlos wartete.

Schönbichler spürte, dass nicht nur er es spürte. Es hing über der Stadt wie eine schwere Dunstglocke an einem schwülen Julitag. Dieses unbestimmte, aber trotzdem starke Gefühl, dass etwas Großes bevorstand. Diese Spannung. Die Luft knisterte. Die Singvögel schwiegen. Wer sich das Nägelbeißen mühsam abgewöhnt hatte, war heute in eminenter Rückfallsgefahr. Die Leute versuchten zwar nach Kräften, sich von der außergewöhnlichen Situation nicht allzu sehr überwältigen und ihren Alltag so weit wie möglich in gewohnten Bahnen weiterlaufen zu lassen. Aber es gelang natürlich nur wenigen. Wie sollte man sich denn heute auf solche Nebensächlichkeiten wie den Broterwerb ordentlich konzentrieren können? Schönbichler selbst hatte sich am Morgen beim Rasieren gleich zwei Mal geschnitten. Dafür konnte es nur einen Grund geben. Und als er wenig später die Verkäuferin an der Wursttheke drei Mal daran erinnern musste, dass er in seiner Semmel auch gern Gurkerln hätte, sagte sie entschuldigend: "Wo hab ich nur meinen Kopf?" Schönbichler lächelte verständnisvoll und antwortete: "Na, wo schon. Wo wir ihn heute alle haben, oder?"


Die Luft knisterte. Die Singvögel schwiegen. Jeder spürte: Etwas Großes stand bevor.

In der U-Bahn, in der sich normalerweise alle wahlweise hinter ihren Handys oder den vielen Rufzeichen auf der Gratiszeitung versteckten, gab es heute nur ein Thema. Schönbichler versuchte krampfhaft, nicht hinzuhören, weil er genau wusste, dass er wieder ein paar Stunden nachgrübeln würde, wenn jetzt irgendjemand vielleicht eine neue Facette an der Causa prima zur Sprache brachte, die ihm selbst bislang noch nicht aufgefallen war. Der Bettler am Ausgang schaute ins Narrenkastl und bedankte sich nicht, als Schönbichler ihm eine Münze in die Hand drückte. Schönbichler war ihm nicht böse. Der Mann war eben heute auch ganz woanders. Und Schönbichler wusste, wo. Die Fiaker-Pferde auf dem Stephansplatz tänzelten nervös, die als Mozart verkleideten Touristenfänger wirkten zernepft, hatten ihre Perücken achtlos schief übergestülpt, und statt des üblichen professionellen Keilerlächelns sah man in ihren Gesichtern nur vor lauter Anspannung zusammengepresste, blutleere Lippen. Bloß einer redete auf einen Japaner ein, aber nicht etwa mit seinem üblichen Ziel, überteuerte Karten für drittklassige Konzerte loszuschlagen. "You have to know one thing", raunte er bedeutungsschwanger. "It’s happening tonight!"

An dem Kaffeeautomaten im Büro klebte ein Zettel: "Defekt! Reparatur sicher nicht mehr heute." Die Kollegen waren selbst für die üblichen seichten Witze zu geistesabwesend. Sie waren allesamt keine gedanklichen Tiefschürfer, aber sogar der größte Simpel merkte, dass ihn heute der Atem der Geschichte streifte, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben. Und wer wusste schon, wie oft man noch die Gelegenheit haben würde, bei so etwas Bedeutendem, ja Markerschütterndem dabei zu sein? Eigentlich hätte Schönbichler gleich das tun können, wozu ihm sein heißes Herz ohnehin riet – nämlich sofort wieder nach Hause fahren und sich in Ruhe auf den Abend vorbereiten. Also sich zuerst ein heißes Bad einzulassen und bei Vivaldi ein wenig zu entspannen, dann rechtzeitig einen mächtigen Roten zu entkorken, damit der schon lang genug geatmet hatte, wenn es ernst wurde, sich Sushi liefern zu lassen – etwas Schwereres würde er so knapp vor dem Ereignis sicher nicht mehr herunterbringen – und seine Frau, die als Einzige die Bedeutung des heutigen Abends nicht und nicht erkennen wollte, zu ihrer Mutter zu schicken. Notfalls für immer. Aber das wäre dem Chef, obwohl der selber auch dermaßen neben den Schuhen stand, dass er alle Termine abgesagt und sich in sein Büro eingeschlossen hatte, vielleicht doch zu weit gegangen.

Aber auch der längste Tag neigte sich zum Glück irgendwann dem Ende zu. Es dämmerte schon, als Schönbichler aus dem Büro hastete, nur von einem Gedanken besessen: Schnell heim! Bloß nicht zu spät kommen! Jede Minute zählte, konnte sie sich am Ende doch in eine verwandeln, die man versäumt hatte. Und so viel war klar: Das würde sich Schönbichler sein Leben lang nicht verzeihen. Als er es schon fast geschafft hatte, nur mehr ein paar Schritte von seiner Wohnung entfernt war, tat sich noch ein kleines Hindernis auf: Schönbichler wurde beim Überqueren der Straße von einem Auto niedergestoßen. Es fuhr ohne anzuhalten weiter. Das musste man aber verstehen. Der Fahrer war auch nur ein Mensch mit Träumen und Wünschen. Und er wünschte sich gerade sicherlich dasselbe wie Schönbichler, der ohnehin nur ein paar Schrammen und möglicherweise ein, zwei gebrochene Rippen davongetragen hatte. Er rappelte sich auf, schaute auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Eine nie gekannte Wärme durchströmte Schönbichlers geschundenen Körper. Er würde es schaffen. Und zwar auch hinkend. Er würde um 20:15 Uhr vor dem Fernseher sitzen.

Denn heute, heute war es endlich so weit: Heute war das TV-Duell Lunacek gegen Strolz. Und was die Sache noch aufregender machte: Es war erst das zweite.

rainer.nikowitz@profil.at