<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Der Gutbürger

Bichlhuber war keiner, der fragte, was sein Land für ihn tun konnte.

Als Bichlhuber am Abend nach Hause kam und seinen Briefkasten öffnete, wunderte er sich recht. Er hatte schon wieder keine Anfrage der Firma Eurofighter bekommen, ob er nicht vielleicht für sie eine schmucke Präsentation in einem arabischen Land organisieren möchte. Das fand der Bichlhuber ziemlich schade, denn erstens verfügte er über ein ähnlich ausgeprägtes Charisma wie Herbert Scheibner und war zweitens ebenso wie der ehemalige Verteidigungsminister ein aufstrebender neuer Selbstständiger.

Noch dazu einer, der 60.000 Euro im Moment ganz gut brauchen hätte können, fand er doch statt der an sich erwarteten Flugpost bloß die letzte Mahnung der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft vor, in der ihm einigermaßen dringend ans Herz gelegt wurde, jetzt aber hurtig den ihm vorgeschriebenen Anteil von einem Einkommen, das er heuer überhaupt nicht verdient hatte, abzuliefern, widrigenfalls er nicht nur höchstpersönlich an der Unfinanzierbarkeit und dem darauf unweigerlich folgenden Zusammenbruch des österreichischen Gesundheits- und Pensionssystems schuld sei, sondern klarerweise auch noch über seine hoffentlich saubere Unterhose hinaus gepfändet werden würde.

Bichlhuber senkte betroffen das Haupt und fühlte sich sehr schlecht. Er war wirklich nicht gern ein asoziales Arschloch. Jedes Mal, wenn er den ÖBB-Pensionisten aus dem zweiten Stock im Stiegenhaus traf, wenn dieser auf dem Weg zum Tennisplatz war, spürte er, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss – weil er sich so sehr schämte, dass er nicht mehr für ihn tat. Und seit Bichlhuber kürzlich erfahren hatte, dass es dem Sachbearbeiter aus dem vierten Stock gelungen war, sich knapp vor dem drohenden Burn-out in die Hacklerpension zu retten, schaute er überhaupt, dass er vor Sonnenaufgang das Haus verließ und erst nach Sonnenuntergang wieder heimkam – er konnte dem zweiten vom harten Erwerbsleben gezeichneten und von ihm mehr oder minder völlig im Stich gelassenen Nachbarn nicht auch noch in die Augen schauen.

Auch, dass er nicht mehr gegen die Staatsschuldenkrise unternahm, warf sich der Bichlhuber selbst am meisten vor. Ja, er konnte darauf verweisen, dass er einmal im Infrastrukturministerium angefragt hatte, ob er sich nicht vielleicht an zumindest einem Wochenende pro Monat mit einer Schaufel am Ostportal des Koralmtunnels einfinden solle, um die Baukosten zumindest ein wenig zu senken. Aber darauf brauchte er sich nun wirklich nichts einzubilden.

Genauso wenig wie darauf, dass er seinen Wohnbauförderungszwangsbeitrag ein Jahr lang freiwillig verdoppelt hatte, um Erwin Prölls Pech an den bösen Börsen zumindest ein wenig zu lindern. Aber auch das war natürlich, bei dem, was der Bichlhuber generell zur Wirtschaftsleistung beitrug, nur ein Sprühnebelchen auf den heißen Stein.

Ein gewisses Bemühen, dies zu ändern und zu einem wirklich wertvollen Mitglied der Gesellschaft zu werden, konnte man dem Bichlhuber nicht absprechen. Erst jüngst hatte er eine Funkstreife angehalten und die Besatzung befragt, ob sie denn mit ihrem Blaulichtfunk zufrieden sei – falls nicht, sei er gerne bereit, einen anderen aufzutreiben. Er hatte sich auf diese Intervention tatsächlich akribisch vorbereitet und alles besorgt, was er dazu brauchte: eine Briefkastenfirma in Panama und einen nach mittelschweren Adels-Inzuchtschäden klingenden Deck-Doppelnamen.

Allein: Die braven Polizisten stellten ihm bloß eine Beamtshandlung wegen Störung der öffentlichen Ordnung in Aussicht.

Auch als freiberuflicher Anzeigenvermittler versuchte Bichlhuber eine Zeit lang sein Glück. Aber egal, bei welchem auf geistige Umweltverschmutzung spezialisierten Herausgeber er auch vorstellig wurde – Werner Faymann war schon vor ihm da gewesen. Gut, der Schmerz darüber hielt sich andererseits auch wieder in Grenzen, denn schließlich konnte sich Bichlhuber wenigstens zugutehalten, Werners uneigennützige Inserate mitbezahlt zu haben.

Aus dem fortgesetzten Versagen Bichlhubers resultierte natürlich auch das Problem, das die Parteien mit ihm hatten. Was sollten sie bloß mit ihm anfangen? Wenn er wenigstens ein Marchfeldbauer mit 100 Hektar und ohne nennenswerte Steuerpflicht gewesen wäre. Oder, um für die andere Seite interessant zu sein, ein leicht überzähliger Wiener Magistratsbediensteter. Aber leider.

Bichlhuber sah es ja ein: Einer wie er hatte es einfach nicht verdient, eine Lobby zu haben. Aber das war ihm egal, er fühlte sich trotzdem von der Politik magisch angezogen – eine Eigenschaft, die er laut jüngsten Umfragen immerhin mit fünf Prozent seiner Landsleute teilte. Er freute sich auch schon irrsinnig auf die nächste Wahl – und vor allem auf den interessanten Wahlkampf davor, diesen sprühenden Wettbewerb der Ideen … Alfons Mensdorff-Pouilly, also „Leistung“, auf der einen Seite. Laura Rudas, also „Gerechtigkeit“, auf der anderen. Und dazwischen blauer Anstand bis zum Abwinken.

Ja, es war schon ein gutes Land.

Und warum der Bichlhuber in dieser Nacht irgendwie schlecht schlief, konnte er sich jetzt auch nicht erklären.

rainer.nikowitz@profil.at