<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Der Kreuzweise

Ja, HC Strache fuchtelt natürlich mit einem Kreuz herum. Aber es gibt da einen Haken.

Als die Sonne ihre letzten Strahlen über den Kamm des Kahlenbergs sandte – der kleine HC hatte immer gedacht, dass dahinter das Ende der Welt lag und die Sonne einfach ins Bodenlose abstürzte; erst als er ein Jahr später den Führerschein machte, erfuhr er die Wahrheit –, stellte sich HC wie jeden Tag zu dieser Zeit die bange Frage, ob es für das Abendland ein Morgen geben würde.

Er fischte seinen Flachmann aus dem Schulterhalfter (es gab in ganz Großdeutschland keinen, der schneller zog als er. Beim letzten Sprengtraining war seine Flasche in 1,17 Sekunden offen gewesen – das war beinahe Weltrekord. Nur ein Pius-Bruder aus Castrop-Rauxel war schon einmal um noch zwei Hundertstel schneller gewesen, aber der war ja schließlich ein Profi) und nahm einen kräftigen Schluck. Aaah! Einmal abgesehen von der Wirkung, derentwegen er es natürlich in erster Linie trank – aber es gab für HC auch nichts Erfrischenderes als klares Weihwasser. Und der 98er-Jahrgang war in der Kathedrale von Limoges wirklich herausragend gewesen. HC konnte Jean-Marie gar nicht genug danken für dieses Geschenk. Wobei er sich ohnehin sehr anständig revanchiert hatte: mit einer Reliquie. Einem Kreuzsplitter. Garantiert echt, aus Berchtesgadener Latsche. Geschnitzt 1936.

Früher hatten immer alle über ihn gelacht. Gut, das taten die meisten auch heute noch, aber die würden schon noch draufkommen, dass er Recht hatte. Sogar seine Brüder im Geiste hatten damals verwundert den Kopf geschüttelt, wenn er darauf bestanden hatte, beim charakterformenden Paintball-Spiel mit Silberkugeln zu schießen. Diese unschuldigen, ahnungslosen Kinder, diese herzerfrischenden Lausbuben wussten ja nicht, was er wusste. Er wusste es, seit er sich 1982 auf der Suche nach einem öffentlichen WC, wo eine der vielen an die Wand gekritzelten Ziffern zu mehr führte als zu diesem stets aufs Neue so grausam enttäuschenden „Kein Anschluss unter dieser Nummer“-Gedüdel, auf den Wiener Brunnenmarkt verirrt hatte. Was er hier sah, veränderte sein Leben.

Er hatte wohl schon einmal gehört gehabt, dass es angeblich Menschen mit braunen Augen und schwarzen Haaren gab. Aber doch nicht bei uns! Und dann sagte noch eines von diesen seltsamen Wesen, das sich gerade mit einer Kundin darüber unterhielt, dass man zwar nicht jünger werde, aber aufs Gesicht gelegte Gurkenscheiben gegen allzu forsche Tränensäcke hülfen: „Ich kann mich auch nicht mehr im Spiegel sehen, wenn ich aufstehe.“

Der junge HC war wie vom Donner gerührt. Es schauderte ihn immer noch, wenn er daran zurückdachte. Und war das, was eben im Halbdunkel an seinem Kopf vorbeigewischt war, nicht eine Fledermaus gewesen? Instinktiv duckte sich HC, wie damals, wenn er sich im Geschichtsunterricht einmal wieder betätigen sollte. (Zum Glück traf er später richtige Lehrer, die es verstanden, junge Menschen richtig zu formen, und die ihm diese Angst nahmen.) Gerade einer wie er musste ständig auf der Hut sein. Der Feind wartete nur darauf, alle seine Möglichkeiten zu nützen und erbarmungslos zuzuschlagen.

Ah nein, es war doch keine Fledermaus. HC atmete ­erleichtert auf und gönnte sich noch einen Schluck. Wie oft hatte er eigentlich Mölzer und Graf schon gesagt, sie sollten nach Sonnenuntergang nicht so ausgelassen herumtollen und mit ihren Burschenschaftermützen Frisbee spielen?
Nach jenem Erlebnis damals am Brunnenmarkt stellte HC natürlich weitere Recherchen an – und sie alle wiesen eindeutig in dieselbe Richtung.
Es war wahr. Sie waren mitten unter uns. Und niemand war vorbereitet. Alle verließen sich auf ihn. Keiner außer ihm hatte ­einen mittleren Wald feinsäuberlich zu­gespitzter Holzpflöcke in seinem Keller.

Eiche, ja was denn sonst. War in puncto Härtegrad und Splitterfestigkeit ja kaum zu überbieten. Für seine Zwecke nachgerade ideal. Dabei waren die fremden Wesen offenbar wesentlich klüger und gewitzter als früher. Oder sie hatten neue, bisher unbekannte Technologien entwickelt. Wie sonst war es zu erklären, dass sie sich völlig frei bewegen konnten, einfach so, unter aller Augen und im grellen Sonnenlicht, ohne dass es irgendwelche negativen Folgen für sie hatte? Obwohl sie doch eigentlich dazu ausersehen waren, in finsteren und feuchten Katakomben zu hausen. Darauf hatte auch HC keine Antwort. Aber er stellte sich wenigstens die Frage.

Und was den Knoblauch betraf, war die Geschichte ja noch viel unverständlicher. Früher einmal hatte man Vampire allein schon mit seinem Geruch vertreiben können. Aber die hier nahmen nicht nur nicht Reißaus, nein: Sie hatten sogar eine Vorliebe für die scharfe Knolle entwickelt. Eine dermaßen eminente, dass es sich mittlerweile beinahe schon umgekehrt verhielt: Jetzt wurden schon die richtigen Menschen in die Flucht gestunken! All diese Entwicklungen ließen HC keine Nacht mehr ruhig schlafen. Denn sie bedeuteten natürlich auch eines: Die Vampire passten sich an. Bald würden sie durch nichts mehr von uns zu unterscheiden sein.
Und dann gnade uns Gott!

rainer.nikowitz@profil.at