<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Der Parteitagstag

Kärnten hatte wahrlich genug mitgemacht. Umso schöner, dass es heute endlich wieder dorthin zurückkehrte, wo es immer schon hingehört hatte.

An diesem denkwürdigen Tag war in Kärnten irgendwie alles anders. Wenn man genau hinhörte, konnte man erstaunt feststellen, dass sogar die Kohlmeisen im Lavanttal inbrünstig „Wo man mit Blut die Grenze schrieb“ zwitscherten. Die lieben Tierchen! Und dieser untrügliche Instinkt! Sie spürten wohl genau, dass heute alle zusammenstehen mussten, die nicht vom Atem der Geschichte zu den welschen Singvogelfressern ­hinübergeweht werden wollten.

Denn heute, heute war der Parteitag der FPK. Am Mölltaler Gletscher aperte urplötzlich eine zwei Quadratkilometer große Stelle aus. Zuerst machte sich bei den Naturschutzbehörden eine gewisse Unruhe breit, man fürchtete schon, der Klimawandel habe sich der Schmutz­kübelkampagne gegen Kärnten angeschlossen – bis die Kosmonauten der russischen Raumstation Mir Entwarnung gaben: Die eisfreie, in ihrer Farbe an die Losung einer an mittelschwerer Diarrhoe leidenden Bisamratte erinnernde Zone hatte nämlich die Form eines gigantischen Kärntner Anzugs.

Diese Nachricht führte nicht nur umgehend dazu, dass Gerhard Dörfler dem Bundeskanzler dringend nahelegte, den braven Allmännern für ihre Verdienste um die Kärntner Kollektivseele die österreichische Staatsbürgerschaft zu verleihen, nein: Sie trieb darüber hinaus sogar dem an sich recht hart gesottenen Kurt Scheuch die Tränen in die Augen. Und der hatte das letzte Mal geweint, als er vor 24 Jahren bei der heimattreuen Happy Hour im King’s Club in Deutsch-Feistritz im Rennen um die bekanntermaßen zu ­allem bereite Walpurga in letzter Sekunde einem Speibsackerl unterlag. Doch heute, heute war alles gut. Heute war ja der Parteitag der FPK.

In Irschen zog sich der enthusiasmierte Wiglnitsch Adolf eine frische Unterhose an und drückte seiner Edeltraud, die wie immer an ihrem Stalingrader Stillleben stickte, ein Busserl auf die Wange. Er konnte sich nicht mehr erinnern, was von beiden er länger nicht mehr getan hatte. Und am Weißensee machte genau zum selben Zeitpunkt der ambitionierte Eisfischer Heimo Globocnik einen Fang, von dem jeder moralisch einwandfreie Kärntner träumte: An seinem Blinker hing ein Investor, der sein Geld auf vollkommen einwandfreie Weise verdient und nicht zuletzt deshalb zu Kärnten eine besonders enge Beziehung aufgebaut hatte.

Im Süden des prächtigsten Fleckens auf Gottes Erdenrund konnten erfreute Zeugen derweil beobachten, wie quasi auf Kommando sämtliche zweisprachige Ortstafeln vor Scham im Boden versanken. Sogar sie wussten einmal, wenigstens an diesem einen besonderen Tag, was sich gehörte.

Auf der Saualm tanzten die Asylanten in ihren Zellen Limbo unter den leicht angeschimmelten Duschvorhängen hindurch, der Koralmtunnel stellte sich von selbst fertig, sämtliche große Zahlen im Kärntner Budget wanderten wie von Zauberhand geführt von der Soll- auf die Habenseite. Und in Bayern füllte eben jemand reumütig eine Überweisung über 500 Millionen Euro aus, nicht ohne auf einer zweiten schon einmal unter „Betreff“ zu vermerken: „Es wär wegen dene zehn Prozent.“

Was für ein Tag! Ein frisch geeintes Land fand endlich wieder zu sich selbst. Und Gerhard Dörfler fand ohne fremde Hilfe und mit einem nur kleinen Umweg über Heiligenblut, Hermagor und Hochosterwitz ins Konzerthaus nach Klagenfurt. Ohne ihn wäre der Parteitag schließlich kein Parteitag gewesen. Wer sonst hätte dermaßen fein ziseliert, logisch unterfüttert und rhetorisch jeden tauben Ferlacher Büchsenmacher mitreißend der verlotterten Ostregierung im Wiener Sündenpfuhl entgegendonnern können, dass sie nichts, aber auch schon gar nichts für Kärnten übrighabe?

Gut, sie hatte diese läppischen 18 Milliarden Landeshaftung für die Hypo aus der Welt geschafft. Aber sonst? Man wollte doch auch ein bisschen geliebt werden! Wenn schon nicht für das, was man tat, so doch wenigstens für das, was man war.

Ein Kärntner eben. Ein Mensch, so wie er sein sollte. Nur einer hatte die Kärntner jemals rückhaltlos für das geliebt, was sie waren, dachte Uwe Scheuch so bei sich, als er am Podium saß und ins braun uniformierte Rund blickte. Nur einer. Bis dann Jörg Haider kam und es endlich zwei waren. Aber das war heute alles vergessen. Denn heute, heute war ja der Parteitag der FPK.

Heute stand ein Land auf und befreite sich vom Joch der liberalen Unterdrücker, von den schweren Ketten der Meinungsvielfalt, vom Irrweg der Pressefreiheit und anderen entmenschten Torheiten, denen man nur nachhängen konnte, wenn man nicht wusste, was gut und richtig war – mit ­einem Wort: was kärntnerisch war.

Und er, Uwe, er würde dieses Land mit klarem Blick und festem Schritt wieder dorthin führen, wo es hergekommen war. Denn heute, heute war der Tag der Tage. Der Parteitagstag eben. Jener Tag, an dem vor lauter haltloser Freude selbst die Uhren in ganz Kärnten stehen geblieben wären – wenn sie das nicht schon längst getan hätten.

rainer.nikowitz@profil.at