© Udo Titz

Meinung
01/23/2021

Rainer Nikowitz: Heiße Ware

Früher hatten die hartgesottenen Drogencops immer gedacht, die Dealer seien die Gefährlichen. Aber da waren die Kunden auch noch keine Bürgermeister.

von Rainer Nikowitz

Resnicek hatte in all der Zeit, in der er jetzt schon die schattigeren Winkel der Stadt durchstreifte, die Smith & Wesson im Halfter und die kalte Virginia im Mundwinkel, ja wahrlich schon viel gesehen. Aber so wie heute war es tatsächlich noch nie gewesen. Nie hatte sich einer aus dem Holz Resniceks davor fürchten müssen, auf der Straße mit den bösen Jungs in den Ring zu steigen.

Das hatte sich gründlich geändert. Resnicek hatte Angst. Zum ersten Mal in seinem Leben.

Die Szene hatte sich ja früher auch immer wieder geändert. Alle paar Jahre tauchte ein neuer Stoff auf. Als Resnicek als blutjunger Bulle damit angefangen hatte, den dealenden Sackratten in den nächtlichen Parks zuerst seine Marke vor und dann den Lauf der Smith & Wesson in die Nase zu halten, war der ganze Hippiescheiß gerade dabei gewesen, von schnellerem Zeugs abgelöst zu werden. Dann kamen Ecstasy, die ganzen Synthie-Drogen, Meth … Weiß der Kuckuck, was, ständig kam irgendwas. Alle paar Jahre tauchte der nächste heißeste Scheiß auf dem Markt auf. Immer und immer wieder.

Aber in all den Jahren war trotz aller neuen Moden und von Einzelfällen je nach Droge und auch Devastiertheit einmal abgesehen, im Großen und Ganzen eines klar gewesen: Konzentrier dich auf die Dealer! Die Kunden sind nicht die Gefahr. Nun, auch das hatte sich drastisch geändert.

Resnicek schlug den Kragen hoch, legte eine Hand auf den Halfter und lugte dann vorsichtig um die Ecke. Niemand zu sehen, die Luft war rein. Er schaute auf die Uhr. Meistens kamen sie erst etwas später. Zu den Amtsstunden.

Früher, in den normalen Zeiten, waren klarerweise immer die ganz coolen Kids die Ersten gewesen, die hinter der neuesten Designerdroge her waren. Und dann erst, nach einer längeren Weile, kam der Mainstream. Lehrer, die nicht nur im Klassenzimmer von einer besseren Welt träumen wollten. Scheidungsgewinnerinnen, denen der Arzt jetzt endgültig keine Rezepte mehr für Mother’s Little Helpers geben wollte. Gelangweilte Gören auf der Flucht vor ihrem ach so schwerem Mittelstandsweicheileben.

Aber diesmal? Diesmal kam der Mainstream zuerst. Und was für einer! Resnicek betrachtete mit heruntergezogenen Mundwinkeln seinen Handrücken. Man konnte noch ganz genau den Halbkreis erkennen, wo der völlig entgrenzte Junkie seine Zähne hineingeschlagen hatte, als Resnicek ihm in einem verwanzten Kellerloch gerade noch die schon aufgezogene Spritze entwunden hatte. Er hatte sogar durch die Kettenhandschuhe gebissen! Einen Bürgermeister, der sich eben AstraZeneca spritzen wollte, hielt eben nichts so leicht auf. Weder Stahl noch Beton. Das hatten selbst Resnicek und seine hartgesottenen Kollegen auf die harte Tour lernen müssen. Zwei von ihnen hatten sogar den Dienst quittiert, auf fette Pensionszeiten verzichtet und alles. Und dabei war ihnen die nackte Angst aus den Augen gequollen.

Resnicek konnte sie sogar verstehen. Vor den Bürgermeistern hatte er bloß einmal einen Fall gehabt, der ihnen nahekam: einen Meth-Head, der gedacht hatte, er sei ein Marder und müsse mit bloßen Zähnen die Hühnerfarm des Nachbarn entvölkern. Aber das war bloß einer gewesen. Und jetzt? Österreich hatte 2095 Gemeinden! Und angesichts all der Typen, die jetzt nachts durch die Straßen marodierten und Resnicek die Kontrolle über den Schwarzmarkt der Stadt verlieren ließen, hatten viele von denen seeeehr wichtige Bürgermeister.

Vor allem die, die auf der Jagd nach der zweiten Teilimpfung waren, schonten weder den Gegner noch sich selbst. Der letzte, den Resnicek hopsgenommen hatte, nachdem er in einem Fall besonders widerlicher Beschaffungskriminalität eine 93-Jährige so lange mit der Leine ihres noch daran hängenden Chihuahuas gewürgt hatte, bis sie ihre Spritze herausrückte, der hatte sich seine Beute in einem verwanzten illegalen Schutzimpfkeller noch hineingejagt, obwohl er schon an Resniceks Taser hing – und es ihn durchbeutelte wie einen Windsack im Herbst. Seine Gier war einfach zu groß. Nicht einmal, als sie die Nadel wieder aus seinem Auge zogen, hörte sein dämlich glückliches Grinsen auf. Erst als einer der Ärzte meinte, dass es noch zu wenige aussagekräftige Bürgermeisterstudien gebe, um letztgültig beurteilen zu können, ob denn eine Injektion an dieser doch eher unüblichen Stelle überhaupt die gewünschte Wirkung entfalte, fiel es ihm endlich aus dem Gesicht.

Man musste aufpassen. Die waren wirklich zu allem fähig.

Da! Ein Geräusch. Und dann sah ihn Resnicek auch schon. Der erste Bürgermeister der Nacht schlicht gebückt die dunkle Gasse hinunter, in Richtung der U-Bahn-Abgänge, um die sich die Dealer ballten. Er trug einen Hut mit Gamsbart. Resnicek stöhnte auf und murmelte: „Verdammt! Das sind die Schlimmsten!“ Dann machte er sich sprungbereit.  

 

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