Rainer Nikowitz: In the year 2025

Rainer Nikowitz: In the year 2025

Endlich hatte sich einmal wieder die Gelegenheit für einen Sondergipfel ergeben. Fast wie in der guten alten Zeit.

Angela Merkel nippte an der Tasse mit ihrem in der kühlen Herbstluft dampfenden Kräutertee, zog dann die Decke auf ihrem Schoß ein Stückchen höher und schaute bekümmert in die Ferne. „Es hätte so schön sein können“, murmelte sie. „Eine Union, in der Frieden und Wohlstand herrschen. In der sich die Menschen frei bewegen und nach ihren Vorstellungen glücklich werden können. In der sich jeder Staat auf die Solidarität der anderen verlassen kann. Und jetzt …“

Ein Stückchen hinter ihr auf der Terrasse fiel François Hollande vor Empörung das Horsd’œuvre aus der Hand. „Und wer bitte ist schuld daran, dass es nicht funktioniert hat? Wer hat denn damals so getan, als wären Zigmillionen Migranten in Deutschland willkommen und hat damit alle ins Chaos gestürzt?“

„War ich es, der damals die Wahl gegen Marine Le Pen verloren hat – oder du?“, entgegnete die Altkanzlerin kühl. „Und das war doch wohl der Anfang vom Ende!“

Das wiederum konnte Alexis Tsipras nicht auf dem Mann sitzen lassen, der doch einmal zumindest so eine Art Parteifreund von ihm gewesen war: „Der Anfang vom Ende war natürlich die Austeritätspolitik!“, rief er. „Das war der erste Schritt der Entsolidarisierung. Das kann man in allen acht Büchern, die Yannis Varoufakis seither geschrieben hat, genau nachlesen. Wenn ihr grausamen Nazis nicht darauf bestanden hättet, dass Griechenland nicht mehr auf Kosten aller anderen leben darf – dann hätten wir euch nicht als Retourkutsche jeden Tag 20.000 Flüchtlinge raufschicken müssen!“

Jetzt spürte Werner Faymann, dass seine Stunde gekommen war. Schließlich hatte er austeritätsmäßig schon immer viel Verständnis für den griechischen Ex-Kollegen gehabt – und außerdem hatte er mit dieser Merkel noch ein ganz großes persönliches Hühnchen zu rupfen: „Und wenn Deutschland dann nicht auf einmal mit richtigen, ernsthaften Grenzkontrollen begonnen hätte, wäre ich immer noch Kanzler und Österreich immer noch das Zivilgesellschaft-Vorzeigeland, in dem alle die Migranten mit tosendem Applaus begrüßen, ihnen eine Banane in die Hand drücken – und ein Zugticket nach München! Aber so habt ihr die alle uns umgehängt und damit dafür gesorgt, dass ich gegen den Strache verloren habe. Ich! Und dabei dachten alle, einen größeren Loser als den Schüssel, der gegen einen Gegner wie den Gusenbauer verloren hat, würde es nie geben!“


Eines war jedem klar: Es war nicht seine Schuld. Sondern die des Nachbarn.

Auch David Cameron musste darauf bestehen, dass man das nicht so sehen könne wie die Kraut-Mutti. Allerdings aus einem anderen Grund: Schließlich wurde damit wieder einmal dem britischen Sonderweg viel zu wenig Beachtung geschenkt. Er schlug mit seiner Herrenhandtasche auf den Tisch und rief: „Ich will meinen Schwarzen Peter zurück! Schließlich waren wir die Ersten, die ausgetreten sind! Und bei uns hat nicht einmal jemand gewusst, warum eigentlich!“

Merkel stellte ihre Teetasse wütend mit so einem lauten Klirren zurück auf den Tisch, dass ihr die gefürchtete Oberschwester in der „Seniorenresidenz für gescheiterte Europapolitiker“ einen scharfen Blick zuwarf und ihr im Geiste schon einmal die Nachspeise beim Abendessen strich. Merkel ignorierte aber sowohl den Blick wie auch den englischen Snob, der ja schon damals, als er noch im Amt gewesen war, eigentlich nie etwas gesagt hatte, das einer Antwort Wert gewesen wäre, und wandte sich dem Österreicher zu, der in der Zwischenzeit wieder dazu übergegangen war, seine Haare zu ordnen: „Und was hätten wir bitte tun sollen? Immer nur weiter zusehen, wie ihr alle durchwinkt?“

„Aber die anderen haben das doch auch getan!“, motzte Faymann. „Was hätten denn wir tun sollen? Genauso abgrundtief böse sein wie der Orbán? Und überhaupt: die ganzen Oststaaten? Wie wir eine Quote für alle wollten? So schnell wie die war nicht einmal der Niki Lauda weg, wenn es im Restaurant darum gegangen ist, wer die Rechnung übernimmt!“

François Hollande hatte in der Zwischenzeit sein Häppchen mühsam wieder eingesammelt und lispelte, teils wegen seines vollen Munds und teils, weil ihm seine dritten Zähne nur bedingt passten: „Aber daff unf daf nicht gelungen ift, waf wir vorhatten: Hotfpotf an den Aufengrentfen, eine Löfung für Fyrien und fo weiter. Ftattdeffen haben wir nur einen Tfaun nach dem anderen gebaut. Und dann haben trotfdem überall die Rechtfekftremen gewonnen. Und dann hat ef auf einmal keine Union mehr gegeben. Wie konnte unf daf nur paffieren?“

Schweigen. Ja, wie nur? Warum war es gerade unter ihnen zum Zerfall der EU gekommen? Eines zumindest war jedem Einzelnen von ihnen klar: Es war sicher nicht seine Schuld. Sondern die seines Nachbarn.

Es war schließlich Werner Faymann, der die bleierne Stille, in der sie alle an die gute alte Zeit der Bankette in Brüssel zurückdachten, durchbrach. Er sagte: „Und, wie ist es? Spielen wir jetzt noch eine Runde Bingo?“