Rainer Nikowitz: First things first

Rainer Nikowitz: First things first

Etwas war anders heute, das spürte der Innenminister genau. Etwas fehlte. Aber was?

Der Innenminister schreckte mit einem heiseren, an einen verwundeten und deshalb gleich noch gefährlicheren Alpha-Wolf gemahnenden Schrei aus dem Schlaf. Eben noch war er in einem dieser immer wiederkehrenden fiebrigen Träume damit beschäftigt gewesen, sich mit Donald Trump und Wladimir Putin, also den anderen größten Politikern unserer Tage, in einer Neuauflage der Jalta-Konferenz die Welt aufzuteilen. Herbert hatte gerade scharf und ultimativ auch noch Deutsch-Südwestafrika gefordert, als ihn sein Unterbewusstsein plötzlich in die leider noch nicht ganz so weit in die richtige Richtung entwickelte Realität zurückkatapultierte. Etwas stimmte nicht, das spürte Herbert in der Sekunde, in der er aufwachte. Der kalte Schweiß nagender Ungewissheit troff ihm in seine panzergrauen Augen. Ja. Irgendetwas war eindeutig nicht so, wie es sein sollte. Aber was?

Herbert sprang aus seinem beinharten, zum Zwecke der Vermeidung jeglicher liberaler Verweichlichung nur aus nackten, groben, rissigen Brettern gezimmerten Lager und begann, wie es nun einmal seine Art war, praktisch umgehend total scharf nachzudenken. Diese Tätigkeit beendete er auch während der Dusche nicht – und sie dauerte bei ihm etwas länger, weil Herbert eine Art der Körperpflege betrieb, die ihn auf alles, was da noch über die zivilisierte Welt hereinbrechen mochte, vorbereitet sein ließ: Er kippte sich aus einem über ihm hängenden Bottich frischen Kärntner Gletscherschnee über den Körper und wartete so lange, bis er geschmolzen war. Aber auch während dieses von ihm scherzhaft „Stalingrad-Wellness“ genannten Morgenrituals kam Kickl nicht darauf, was es sein konnte, das ihn dermaßen beunruhigte. Aber eines war klar: Es musste etwas Wichtiges, etwas wirklich Fundamentales sein. Das spürte Herbert genau. Und das wollte bei ihm schon was heißen, denn wie sollte man sagen: Er war ja nun nicht deshalb so weit gekommen, weil er zu den Jahrgangsbesten in Sensibilität gezählt hatte.

Herbert tauchte gedankenverloren ein Stück rohen Bibers in die Schale mit dem ungemahlenen Urkorn. Er praktizierte die Steinzeit-Diät; das war auch so eine Ära, in der nicht alles schlecht gewesen war. Etwas fehlte. Ja, das war es! Hatte Herbert am Ende etwas vergessen – und war deshalb dermaßen unruhig? Das war zwar, bei aller Perfektion, die er selbst und sicher auch noch zwei, drei andere in seiner Amtsführung entdecken konnten, nahezu undenkbar – aber der Teufel schlief bekanntlich trotzdem nicht. Zumindest nicht, wenn Herbert wach war.

Er griff zum Handy. Es war zwar noch früh für ein Telefonat mit dem Chef, aber Herbert hatte seinen Leuten immer klargemacht, dass, wenn er wach war, alle wach zu sein hatten. HC hob nach dem ersten Klingeln ab, war aber in die Beseitigung des Geruchs einer vollen Windel verstrickt (er versuchte also hartnäckig, seine Frau aufzuwecken) und hatte wie üblich in der Sache nichts Erhellendes beizusteuern. Hofer ebenso wenig. Und die anderen brauchte er gar nicht erst zu fragen. Außer vielleicht diese Jenewein, die schien ja durchaus richtige Ansätze zu haben. Oder sollte er gleich den Kanzler anrufen?


Herbert hätte schon beinah die Nummer des Kanzlers gewählt und ihn bei der morgendlichen Gurkenmaske gestört.

Sie waren einander ja nicht immer völlig grün gewesen, der junge König und der, der es besser gekonnt hätte. Aber das hatte sich gebessert, als Herbert klargeworden war, dass er sich eh alles erlauben konnte. Gut, ja, in Davos hatte Kurz einmal so getan, als hätte er ihm irgendwas dreinzureden. Das hatte ihm Herbert aber verziehen. Solange sich der Kanzler auf der anderen Seite widerstandlos den Moser sturmreif schießen ließ, ganz so, als gäbe es keinen ablösereiferen Minister, konnte man ihm nicht allzu lange böse sein. Und überhaupt: Er war ja sonst auch sehr nützlich.

Herbert hätte auch schon beinah die Nummer des Kanzlers gewählt und ihn bei der morgendlichen Gurkenmaske gestört – wenn nicht gerade das „Morgenjournal“ gelaufen wäre. Und da wurde es ihm eh von allein klar. Alle waren sie da. Trump. Putin. Erdoğan. Orbán. Sogar Salvini, obwohl der doch viel später gekommen war. Sollte sich gefälligst hinten anstellen! Hinter … dem, der heute gar nicht vorkam. Hinter Herbert. Und da fiel dem Innenminister wieder ein, was er gestern vergessen hatte: eh nur das Wichtigste. Wo hatte er bloß seinen Kopf gehabt? Er musste echt mit den Wetten auf Polizeipferde aufhören.

Er hatte weder einen Skandal produziert noch an irgendeinem Standbein der Demokratie gesägt. Er hatte nicht einmal ein rotziges Interview gegeben oder war sonst irgendwie berichtenswert ungut gewesen. Er hatte also nicht getan, wozu er in der Regierung war: alles wieder ein Stück weiter getrieben.

Aber zum Glück war er wenigstens heute so früh draufgekommen. Dieser Tag war ja noch jung.

rainer.nikowitz@profil.at