Rainer Nikowitz: Knorke Borke

Rainer Nikowitz: Knorke Borke

Entweder qualifizieren wir Beate Hartinger-Klein endlich – oder wir setzen sie verpflichtend ein. Wo? Hauptsache, woanders.

Beate verstand die Welt nicht mehr. War sie nicht eben noch dort gewesen, wo sie quasi naturrechtlich hingehörte? Also: oben? War sie nicht eben noch eine ebenso umsichtige wie eloquente Ministerin gewesen, auf dem Gipfel ihrer auf flächendeckender Expertise fußenden Macht, bewundert vom einfachen – okay: vom sehr einfachen – Volk, gefürchtet vom politischen Gegner? Was zur Hölle machte sie dann auf einmal hier?

„Dafür bin ich überqualifiziert“, schnarrte sie.

„Ach so?“, antwortete der Mann, und selbst Beate, der man nun wirklich keine überbordende Sensibilität oder sonstige Soft Skills nachsagen konnte (wobei wir über Hard Skills erst gar nicht reden sollten), kam nicht umhin, eine deutliche Süffisanz in seiner Stimme zu bemerken. „Wenn Sie so toll qualifiziert sind, warum sind Sie dann bloß der Allgemeinheit auf der Tasche gelegen?“

Beate war empört. „Ich? Ich habe doch immer gearbeitet!“

„So kann man es natürlich auch sehen“, sagte der Mann trocken: „Wenngleich Sie mit dieser Interpretation vermutlich ziemlich allein dastehen.“

Beate konnte es nicht fassen. In einer anderen – also in der idealen – Welt, die sich sie und ihre blauen Freunde ausgemalt hatten, hätte diesen anmaßenden Wicht, der es wagte, so mit ihr zu reden, die volle Härte der Gesetze gegen Insubordination getroffen. Da hätte er sich gleich im Arbeitslager verwirklichen können. Denn selbst wenn Beate immer die Wärme gewesen war – und das würde nun wirklich jeder objektive Zeuge bestätigen, egal ob jetzt der HC oder der Herbert oder der Harald –, sie konnte auch anders. Also zuvorderst einmal: leicht bis mittelschwer verwirrt. Aber eben auch mit gesunder Härte. Wobei: Gab es denn überhaupt eine andere? Und dass sie damals mit ihren Arbeitsmarktfantasien die üblichen Verdächtigen ordentlich verschreckt hatte, die wegen ein bissl Zwangsarbeit für unnötige Muftis gleich wieder die Demokratie und alles in Gefahr sahen, das hatte ihr ja sogar gefallen. Nicht zuletzt deshalb war sie ja bei der FPÖ.

Aber dass sich die Dinge dann so weiterentwickelt hatten … das hätte doch niemand vorhersehen können! Nicht einmal jemand mit Ver- und Anstand.

„Ich bin nur hier, weil man von 150 Euro im Monat nicht leben kann“, sagte Beate schwach.

„Ach so? Interessant! Ich habe einmal gehört, dass man das sogar ganz sicher kann. Wer hat das schnell noch einmal gesagt …?“


Beate sah sich um. Rund um sie herum schaute es aus, dass der sprichwörtlichen Sau grauste.

Wieder diese Süffisanz. Der Mann war unmöglich. Der grenzte Minderheiten aus! Und da war Beate strikt dagegen. Also … manchmal. Als sie damals mit letztem Einsatz heroisch verhindert hatte, dass man den Gastwirten die Gastfreundlichkeit verbietet, da hatte sie ihr großes Herz für Minderheiten ja sogar öffentlich gemacht. Zwar beschränkt auf die armen, suchtkranken Raucher – aber immerhin besser als nichts, oder? Und ebenso fand sie, dass man die Minderheit der heillos überforderten und nichtsdestotrotz munter drauflos plappernden Ministerinnen, deren Ideen entweder schlicht dämlich oder aber auch dämlich und rechtsradikal waren und die dann nach langem Leiden aller Betroffenen irgendwann doch wegen permanent erwiesener Unfähigkeit gefeuert worden waren und sich jetzt ob ihrer Brillanz beim AMS wiederfanden, deutlich besser behandeln musste! Wenngleich diese Minderheit, wie Beate einräumen musste, eine sehr kleine war. Aber das änderte nichts daran, dass sie sich von ihrem Betreuer keineswegs neunmalkluge Sätze anhören wollte wie: „Wer schafft die Arbeit? Na sorry, die Wirtschaft schafft die Arbeit! Bitte merken Sie sich das einmal!“

Beate sah sich um. Rund um sie herum schaute es aus, dass der sprichwörtlichen Sau grauste. Überall zersplittertes Holz, man konnte kaum wo hintreten, ohne sich zu verletzen. Hier konnte man höchstens unglücklicherweise als asylberechtigt anerkannte Untermenschen herschicken. Aber doch nicht sie!

„Hören Sie“, sagte sie zu dem Vierschröter neben ihr: „Das ist doch wohl ein schlechter Witz. Ich kann das nicht!“

Der Mann sah sie verächtlich an, klappte dann das Visier seines Schutzhelmes herunter und riss hart an der Starterschnur seiner Motorsäge. Sie sprang beim ersten Versuch an.

„Entweder qualifiziere ich sie, oder ich setze sie verpflichtend ein, etwa im land- und forstwirtschaftlichen Bereich. Als Erntehelfer oder im Kampf gegen den Borkenkäfer im Wald“, schrie er über den Motorenlärm drüber. „Wer hat das gesagt?“

„Aber damit habe ich doch nicht mich gemeint!“, protestierte Beate. „Alle diese Sachen, die aus der FPÖ kommen, gelten doch immer nur für die anderen! Unsere Rechte werden selbstverständlich nicht beschnitten! Wir sind die Herren! Wir sind die, die beschneiden!“

Der Mann lächelte. „Eh“, rief er. „Und darum beschneiden Sie ja jetzt auch. Diesen Stamm da. Da ist er nämlich drin, der Borkenkäfer!“

Und in ebendieser Sekunde sah Beate endgültig ein, dass sie den Liegeplatz auf diesem Gurkerlflieger im Marchfeld vielleicht doch nicht so leichtfertig hätte ablehnen sollen.

rainer.nikowitz@profil.at