Rainer Nikowitz: Die waren’s!

Rainer Nikowitz: Die waren’s!

Die Nachwahlanalyse der Verlierer war kurz, aber tiefgreifend. Das überraschende Ergebnis: Schuld sind die anderen.

Die als Nationalratswahl getarnte Volksabstimmung über die vorwiegend muslimische Zuwanderung hat also ein deutliches Ergebnis gebracht, das eigentlich niemanden mehr groß überraschen konnte. Außer vielleicht den linken Flügel der SPÖ, der offenbar mit weit Schlimmerem gerechnet hatte und darum den Erdrutsch von plus 0,04 Prozentpunkten, gegenüber jenem des ebenso erfolglosen wie ideologiebefreiten Parteivorsitzenden, den man am 1. Mai vorigen Jahres mit dem nassen Fetzen vom Rathausplatz gejagt hatte, feierte wie die Absolute. Die Christian Kern denn auch gleich mit beiden Beinen fest in der Begeisterungswoge im Wahlzelt der SPÖ stehend als wahrscheinliches nächstes Wahlergebnis in Aussicht stellte.

Noch beeindruckter waren allerdings eindeutig die Grünen, und zwar ausnahmsweise einmal nicht von ihrer eigenen Großartigkeit. Aber immerhin fangen sie schon jetzt – also um keine Wahl zu spät – damit an, E-Mails und sonstige Wortmeldungen von abgefallenen Wählern einzufordern, aus denen sie endlich zu erfahren suchen, was um Himmels willen die Leute dermaßen an ihnen stört. Ist ja auch wahr: Nie sagt einem einer was! Obwohl man doch ohnehin die ganze Zeit das Ohr an Volkes Stimme hatte. Und zwar überall dort, wo es erwiesenermaßen am wichtigsten ist. Auf Twitter und Facebook zum Beispiel. Also dort, wo einem in der Regel praktischerweise genau das entgegenschallt, was man gerade selbst in den Wald gerufen hat. Und wo nunmehr die vielen linken Nachwahlanalysen im Wesentlichen in einem Satz zusammenzufassen sind: „Lauter Trotteln – ­außer mir!“ Und natürlich jenen, die das hoffentlich pflichtgemäß liken.


Neben seiner beklagenswerten Dummheit wäre da natürlich die völlige moralische Verkommenheit des Rechtswählers – also etwa im Falle der FPÖ hauptsächlich des Arbeiters - zu nennen.

Gut, das war jetzt möglicherweise ein wenig überspitzt. Ganz so einfach macht es sich die Linke auch wieder nicht. Sie nennt schon auch noch andere Faktoren. Neben seiner beklagenswerten Dummheit wäre da natürlich die völlige moralische Verkommenheit des Rechtswählers – also etwa im Falle der FPÖ hauptsächlich des Arbeiters, der interessanterweise, als er noch rot wählte, stets ein mit leuchtenden Augen bejubeltes Beispiel dafür war, dass man auch mit vermeintlich geringerer Bildung ein voll klasser Bursch sein kann – zu nennen. Eine österreichische Reporterin der „Zeit“ sah sich denn auch nach der Wahl mutig in „einem der rechtesten Dörfer“ um, nämlich im oststeirischen Reichendorf, wo 73 Prozent entweder schwarz oder blau gewählt haben. Und die allerwichtigste Frage, die sie den dortigen Hinterwäldlern zu stellen wusste, war: „Schämen Sie sich nicht?“

Oh ja. Haargenau so gewinnt die Linke die Herzen und Hirne der Leute zurück. Ein Spitzen-Drehbuch für Kerns herandräuende Absolute.

Wobei ja leider nicht alle Medien so korrekt berichten. Die sind nämlich auch schuld am Wahlergebnis. Und zwar nicht nur – und dies natürlich richtigerweise – die Boulevardbrüller, sondern auch solche, die sich wie zum Beispiel profil bar jeder Medienethik erfrecht haben, die SPÖ-Facebook-Affäre aufzudecken. Obwohl doch die Verbreitung von zu 100 Prozent korrekten Fakten, die den Falschen zum Wahlsieg verhelfen könnten, vom Zentralkomitee des Guten und Schönen ausdrücklich nicht genehmigt worden war.


Ausbaufähige Selbstdiagnosefähigkeit und ermüdendes Schwarz-Weiß-Denken haben die Linken allemal drauf.

„Für die Rechten sind die Ausländer an allem schuld. Und für die Linken: die anderen.“ Das stand auch irgendwo im weiten Facebook-Universum zu lesen, und viel treffender könnte man es in dieser Kürze kaum ausdrücken. Die ausbaufähige Selbstdiagnosefähigkeit und das ermüdende Schwarz-Weiß-Denken, das die Rechten so hervorragend beherrschen, haben die Linken allemal drauf. Dass es etwa in der Migrationsfrage Menschen geben könnte, die damals nicht mit ungetrübter Begeisterung dabei zusahen, wie eine Tausendschaft von offenbar von zu wenig hurtig einsetzender Gastfreundschaft erzürnter junger Männer in Spielfeld den Polizeikordon von der Straße wischte und einfach einmarschierte, und denen beim Gedanken an eine nicht zuletzt wegen solcher Szenen herandräuende blaue Regierungsbeteiligung trotzdem übel wurde, ist in der reinen Lehre nicht vorgesehen. Und dass da draußen eventuell sich sogar irgendwie links fühlende Menschen sein könnten, die mit dem Antagonismus, dass Religionskritik nur dann progressiv und somit richtig ist, wenn sie sich gegen die katholische Kirche wendet, aber das genaue Gegenteil, wenn sie den Islam auch nicht eben als Hort des Fortschritts betrachtet, so ihre Probleme haben, glaubt doch bitte nur ein „‚Krone‘-kompatibles Arschloch“ (© ein ehemaliger grüner Funktionär auf Facebook) wie ­Peter Pilz. Gut, vielleicht auch die paar Trottel, die ihn gewählt und somit den Grünen Stimmen gestohlen haben, die ihnen von Rechts wegen aber so was von zugestanden wären.

Jetzt bekommen wir also aller Wahrscheinlichkeit nach Schwarz-Blau. Das mögen sich zwar die Hardcorefans dieser beiden Farben wünschen, ganz viele andere tun das hingegen keinesfalls. Und können sich die auch bei der Linken dafür bedanken? Nun ja. Gegenfrage: Ist im Jänner Winter?