Rainer Nikowitz: Der Nazijäger

Rainer Nikowitz: Der Nazijäger

Man kann vielleicht eine wild gewordene Elefantenherde aufhalten. Mit viel Glück sogar einen Tsunami. Aber niemand stoppt den Größten.

An sich hatte einer wie Erdoğan keine Gegner in dem Sinn. Gegnerschaft bedeutete ja eine Herausforderung durch jemanden, der zumindest annähernd gleich stark war. Nun gab es aber auf Allahs Erdenrund bekanntlich niemanden, der Erdi das Wasser reichen konnte. Er war Barcelona, und all die anderen Würschteln nicht einmal Paris Saint Germain – sondern Mattersburg. Egal, was er anpackte – ob Politik, Formel 1, Kernfusion oder die Karate-Fünf-Finger-Todeskralle – er war der Beste darin. Einfach so. Früher war ihm das sogar noch manchmal ein bisschen peinlich gewesen, aber dann hatte er sich gedacht: Was kann ich denn dafür, dass ich so großartig bin? Allah hat für jeden eine Rolle vorgesehen. Und die aller anderen ist es eben, mich zu adorieren.

Das galt natürlich auch für die ganzen frechen Nazis, die jetzt auf einmal glaubten, sich ihm in den Weg stellen zu können. Und das nur, weil er auf Staatsgebiet, von dem die Nazis irrigerweise annahmen, es sei nicht seines, für den Weg des Lichts und des Stolzes werben wollte: für seine Allmacht. Und für Höllenfeuer für alle, die dabei nicht mit dem angemessenen Enthusiasmus mitmachen wollten. Egal ob Türken oder Nazis. Heute die Türkei – und morgen die ganze Welt. Konnte es denn ein nobleres Ziel geben? Eben. Aber erkannten das die Nazis vielleicht an? Mit demütig gesenktem Haupt, wie es sich für ungläubiges Ungeziefer gehörte? Weit gefehlt.

Also musste Erdi eben andere Wege beschreiten. Und auch da war er natürlich der Erfinderischste, wo gibt. Sie wollten ihm in Österreich nicht die Bühne bieten, die ihm rechtmäßig gehörte? Aber nicht mit ihm. Also hatte er sich von seinem an sich unwiderstehlichen Schnauzer getrennt und war inkognito eingereist – am Steuer eines Lkw, der die typischen High-End-Produkte der durch ­Erdis weise Lenkung auf Hochtouren brummenden türkischen Wirtschaft geladen hatte: Melonen, Drei-Euro-T-Shirts und sechs Tonnen türkische Flaggen. Es konnte gar nicht genug türkische Flaggen geben auf der Welt. Erdi trug sich ja mit dem Gedanken, den Nordirak schon allein deshalb zu erobern, weil er dann endlich Platz genug hatte, um eine türkische Flagge hinzulegen, die man auch aus dem Weltall sehen konnte. Schade war allenfalls, dass sie von dort aus nie ein Türke sehen würde. Und wenn das mit dem Nordirak doch nicht klappen sollte, weil ihn die Nazis von den UN daran hinderten, dann hatte er ja ersatzhalber immer noch seine Kurdengebiete. Eine 10.000 Quadratkilometer große Fahne drüber und fertig.


Sie wollten ihm in Österreich nicht die Bühne bieten, die ihm rechtmäßig gehörte? Aber nicht mit ihm.

Einmal in Österreich, hatte er mit der Unterstützung seiner fünften Kolonne – ATIB, UETD, Millî Görüş und wie die ganzen tapferen Guerillakämpfer gegen die Nazis noch so hießen – sehr rasch Kontakt zu seinen Untergebenen gefunden. Er hatte unzüchtige Frauen nicht nur ermahnt, diese eine geil hervorlugende Haarlocke gefälligst unter dem Kopftuch zu verstauen, sondern auch von ihrem Stimmrecht, das ihnen Erdi ja mittels der von den Nazis ungehörigerweise unerwünschten Doppelstaatsbürgerschaft gewährt hatte, auf die einzig mögliche Art Gebrauch zu machen – widrigenfalls man bei der nächsten Haarlocke andere Saiten aufziehen würde. Er hatte in der Tuning-Werkstatt en gros Doppelauspuffe und Heckspoiler an prächtige stolze Jungtürken verteilt, nicht ohne bei jedem dazuzusagen: „Aber, mein Sohn: Falls du dich mit dem abwegigen Gedanken tragen solltest, beim Referendum gegen mich zu stimmen – ich weiß, wo dein Auto steht.“

Beim Kebab-Stand war er zwar nicht so erfolgreich gewesen – nicht in dem Sinn, dass er nicht viel verkauft hätte, denn natürlich war er auch darin unerreicht, sondern eher dadurch, dass es hauptsächlich die eingeborenen Nazis waren, die das Zeug aßen –, aber das machte er wieder wett, als er unter großem Hallo den Arthaberpark in Wien-Favoriten in „Gezi II“ umbenannte und, um die Ernsthaftigkeit dieser Aktion zu unterstreichen, danach einige Gummigeschoße abfeuerte. Und vor der Moschee war erst was los! Dort hatten seine braven Mitarbeiter einen Mann eingefangen, der auf Facebook etwas Abfälliges über Erdi geschrieben hatte. Und dieser nichtswürdige Trottel hatte auch noch tatsächlich gedacht, er dürfe das – nur, weil er in Österreich lebte! Erdi wollte sich an dieser Kreatur aber nicht die Hände schmutzig machen. Das machten seine Leute. Und zwar ordentlich. Rundherum standen viele Zuseher, die nach dieser Lektion in Demokratie, wie sie sein sollte, sicher nicht mehr mit abtrünnigen Gedanken spielten. Weil – und es war nirgendwo wichtiger, diesen Satz immer und immer wieder zu wiederholen als hier im Nazi-Kernland; und Erdi murmelte ihn auch in seinen nicht mehr vorhandenen Schnauzer, als er heißen Herzens dabei zusah, wie seine Getreuen zu seinen Ehren eine riesige türkische Fahne auf dem Donauturm hissten: Wehret den Anfängen!

rainer.nikowitz@profil.at

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 11 vom 13.3.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.