<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Pflichtbewusstschein

<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Pflichtbewusstschein

Michael Spindelegger ist für die Wehrpflicht, weil man für sein Land schon auch einmal was tun muss. Die ÖVP tut das ja schließlich auch.

Am Feldherrnhügel war die Lage wieder einmal unfassbar gefährlich. Doch wenn sich der Feind der Hoffnung hingab, dass das die Entschlossenheit der Hervorragendsten der Hervorragenden, die dort oben stolz ihrem Land dienten, auch nur einen Millimeter schmälerte, dann täuschte er sich.
General Dwight D. Spindelegger blickte mit zusammengekniffenen Augen über das Schlachtfeld und nickte dann grimmig seinen Getreuen zu: „Meine Herren!“, hob er huldvoll an, „es ist mir eine Ehre, mit Ihnen zu dienen! Ich sag ja immer: Wehrpflicht ist wie Schulpflicht. Und jetzt: Zum Angriff!“
Martin „der Kühne“ Bartenstein riss sein Feldtelefon hoch – es stammte aus einem Eurofighter-Gegengeschäft und ­hatte aus Gründen der Tarnung die Form eines italienischen Designerschuhs – und brüllte in den Absatz: „Zum Angriff! Das hat noch keinem geschadet!“

Kaum dass er diese seine Pflicht erfüllt hatte, durchzuckte ihn wieder einmal dieser alte, nie vergehende Schmerz. Ein glühend heißer Pfeil, der sich durch sein vor Heimatliebe übergehendes Herz bohrte. Nie würde Martin es verwinden, dass er selbst damals nicht hatte einrücken dürfen. Der untauglichste ­Marathonläufer der Welt erinnerte sich noch lebhaft daran, wie er damals, statt in die Schlacht gegen verdreckte Latrinen zu ziehen, missmutig Karriere hatte machen müssen. Wegen dieses entsetzlich hohen Blutdrucks. Aber: War das Leben etwa ein Wunschkonzert? Gerade die ÖVP würde diese Frage stets entschieden verneinen.

Und das, obwohl Martin ja keineswegs der Einzige am Feldherrnhügel war, den dieses unbarmherzige Schicksal ereilt hatte. Wolfgang Schüssel hatte man aus „öffentlichem Interesse“ nicht zum Heer gelassen. Konnte es ein reineres Opfer geben? Andreas Khol hatte ein übler Ausschlag die Waffe aus der Hand gerissen, beim Pühringer Joe waren es böse Nierensteine gewesen, Manfred Juraczka begann ­jedes Mal zu weinen, wenn man ihn fragte, und darum wusste niemand seinen Grund, und Karl-Heinz Grasser, na ja: Der war ja seine Gastritis bis heute nicht losgeworden. Und dann noch Willi Molterer, Hannes Rauch … Hannes Rauch!

Der General beobachtete in der Zwischenzeit mit dem Feldstecher den linken Flügel. „Männer!“, rief er rau. „Der Rauch Hannes bewirbt sich gerade um die Tapferkeitsmedaille!“

Denn am linken Flügel wollte gerade eben ein Zivildiener desertieren. Das war ein Job für „Dirty Hannes“. Sofort machte er sich an die Verfolgung des davonlaufenden Buben. Geschickt wich er der vollen Speibschüssel aus, die der Flüchtende panisch über seine Schulter warf, setzte dann mit einem gewaltigen Sprung über einen Grundwehrdiener, der gerade die zweiten zwanzig Liegestütze nicht schaffte, hinweg – und hatte den Zivi auch schon am Ohr. Am Feldherrnhügel brandete spontaner Applaus auf. Unglaublich, dass Hannes zu solchen Höchstleistungen fähig war, mit seinem Knie. Schade, dass es damals ausgerechnet bei der Musterung weich geworden war.

„Wo woll ma denn hin, ha?“, fragte Hannes den vor Verzweiflung dampfenden Jungmann. „Bitte! I bin untauglich!“, röchelte es hinter dicken Brillengläsern hervor. „Untauglich?“ Hannes lachte kehlig. „Simma leicht berufsunfähig?“ – „Nein.“ – „Dann simma auch nit untauglich!“
Da kannte er nichts, der Hannes. Er lebte sie eben noch, die hehre Devise: Dienst ist Dienst – und Tennis ist Tennis.

Zufrieden betrachtete der schwarze Führungsstab das Feld. Hier wurde in der Offizierskantine serviert, dort ein Rettungswagen gewaschen, drüben wurde einer vom Ausbildner zusammengeschissen, und ganz hinten war einer in der Kanzlei beim Systemerhalten eingeschlafen. Der Feind war vollständig unter Kontrolle.

„Man stelle sich vor, man müsst die auch noch alle zahlen!“, schüttelte es den General lautstark. „Zahlen?“, kam ein schrilles Echo von Gabi Burgstaller. „Und mit welchem Geld? Mit unserem sicher nicht!“ Dass die anderen EU-Staaten tatsächlich auf so etwas ungeheuer Praktisches wie die Wehrpflicht verzichteten, dachte der General dann bei sich. Aber er verstand ja Europa öfter einmal nicht.

„Freunde!“, rief da plötzlich eine Stimme außerhalb der Befestigungsanlage. „Nicht schießen! Auch nicht mit ­Tasern! Ich komme in Frieden!“

Sofort brachten einige aus dem Generalstab ihre Heiligenscheine in Anschlag. Wer näherte sich da?

Zuerst sahen sie nur eine weiße Fahne, die heftig ­geschwenkt wurde. Dann erkannten sie Harald Vilimskys interessantes Gesicht. „Darf ich zu euch? Nur dieses eine Mal. Bitte!“

Der General sah in die Runde. Sie alle wussten, dass ­Vilimsky praktisch ein moralisches Recht hatte, hier zu sein. Schließlich war auch er einst von einem schrecklichen Schicksal an der freudigen Abdienung des Dienstes für sein geliebtes Vaterland gehindert worden. Zum Glück war sein Heuschnupfen aber mit der Zeit besser geworden. Die anderen nickten.
„Also gut“, sagte Dwight D. Spindelegger dann. „Aber wirklich nur dieses eine Mal.“

rainer.nikowitz@profil.at