<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Rede ohne Namen

Editor’s Dinner . Bereits zum vierten Mal lud profil-Herausgeber Christian Rainer Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur zum „Editor’s Dinner“ ins Palais Rahimi in der Wiener Innenstadt. Unter den Gästen befanden sich heuer unter anderem Justizministerin ­Claudia Bandion-Ortner, Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, Alexander Wrabetz und Elmar Oberhauser vom ORF, Casino-General Karl Stoss, A-Tec-Chef Mirko Kovats, Walter Rothensteiner, Generaldirektor der Raiffeisen-Zentralbank, der Chef der Kontrollbank Rudolf Scholten, Attila Dogudan, Niki Lauda, die Museumsdirektorinnen Sabine Haag und Gabriele Zuna-Kratky, Albertina-Chef Klaus ­Albrecht Schröder oder ­Johanna Rachinger, Prinzipalin der Na­tional­bibliothek. Traditionsgemäß wurde zwischen Suppe und Hauptgang Rai­ner Nikowitz auf die Gäste losgelassen – mit dieser Rede.

Ich stehe heute vor Ihnen als gebrochener Mann. Denn es ist ja so: Vor allem die Stammgäste unter Ihnen, aber vermutlich auch alle anderen, erwarten jetzt eine launige Rede, die bei aller eleganten Leichtfüßigkeit und der ungeheuren Treffsicherheit der Pointen auch irgendeinen, wenn auch noch so weit hergeholten Sinn hat. Ein kluges Motto. Ein packendes Grundthema.

Beim Editor’s Dinner des letzten Jahres etwa habe ich die Krise als Chance gesehen, bin also dem Mantra aller Personalchefs der Welt gefolgt, die jetzt endlich nach Herzenslust Leute rausschmeißen können, ohne dass wer komisch schaut. Aber das geht natürlich bei so einem erlauchten Publikum kein zweites Mal. Und ich muss beschämt eingestehen: Mir ist trotz tagelangen Nachdenkens, trotz der Verzweiflung, die in ihrer Intensität höchstens noch mit jener zu vergleichen ist, die Karl-Heinz Grasser befiel, nachdem er feststellen musste, dass Walter Meischberger in Wirklichkeit gar nicht ehrenamtlich für die Caritas arbeitet, nichts eingefallen.

Dabei wäre es doch so wichtig für mich und meine ganz persönliche Kreditklemme. Ein Saal voller Wirtschaftsgrößen und sonstiger wichtiger Persönlichkeiten, hab ich mir gedacht, Weihnachten naht, vielleicht will sich der eine oder andere ja krisenbedingt für die Weihnachtsfeier heuer niemand wirklich Tollen als Mitternachtseinlage leisten – sondern mich.
Gut, bei Mirko Kovats zum Beispiel hab ich keine Chance, der hat einen Blick auf den Wert der A-Tec-Aktien geworfen, hat gesehen: Da schau her, noch immer ein Pluszeichen davor – und hat den Schwager von Hansi Hinterseers Friseurin engagiert. Große Konkurrenz droht auch von dem herzzerreißenden Duo Friedrich Stickler und Karl Brückner mit ihrem Hit „Fang das Lihicht – chalt es fehest!“. Und wenn Willi Molterer zu Falcos „Der Kommissar geht um“ völlig auszuckt, gibt es für mich klarerweise schon gar nichts mehr zu holen.

Ich muss zugeben, vor allem auf einen Auftritt bei der ORF-Weihnachtsfeier hätte ich gespitzt – aber auch der Job ist leider schon vergeben. Wie ich erfahren habe, wird Dominic Heinzl zuerst Wasser in Wein verwandeln, anschließend mittels Handauflegen ein paar Aussätzige heilen und außerdem Elmar Oberhauser von den Verspannungen befreien, die er spürt, seit Werner Taibon wieder da ist. Gestern Abend war ich schon so ratlos, dass ich mir gedacht habe: Weißt du was? Die Schweinegrippe grassiert, und du hast da eh so ein Kratzen im Hals – geh doch einfach in den Krankenstand!

Dann ist mir aber eingefallen, dass ja heute auch ÖBB-Chef Peter Klugar unter den Gästen ist – und dem kann man ja diesbezüglich bekanntlich nichts vormachen … Aber was musste ich vor ein paar Minuten erfahren? Er hat kurzfristig abgesagt! Denken Sie, was ich denke?

Als Nächstes hab ich mir gedacht, ich komm halt zu spät. So spät, dass Alexander Wrabetz schon mitten im achten Achtel ist, Rudolf Scholten die Kontrolle verloren hat und auch sonst niemand mehr auf mich neugierig ist.
Andere kommen ja schließlich auch später. Casino-General Karl Stoss zum Beispiel. Er hat aber auch einen wirklich guten Grund: Er ist noch in einer Sitzung des ÖOC, in der die sehr aussichtsreiche Bewerbung von Attnang-Puchheim für die Olympischen Sommerspiele 2020 auf Schiene gebracht werden soll.

So eine tolle Ausrede hätte ich natürlich nicht gehabt. Mir ist nur eingefallen, dass ich so gegen 20 Uhr meinen Her­ausgeber anrufen könnte, der zu diesem Zeitpunkt sicherlich schon überlegen würde, ob er mich lieber mit sämtlichen Rufzeichen eines „TV-Media“-Covers erschlagen oder gleich zu einem Interview mit Peter Westenthaler schicken soll, und zu ihm sage: „Christian, es tut mir wahnsinnig leid – aber ich steck im Stau!“ Dann hab ich aber heute Früh zufällig im Theatercafé Manfred Ainedter getroffen, und der hat gesagt: „Vergiss es! Wenn es sogar die Justizministerin ohne Busspur rechtzeitig schafft, glaubt dir das kein Mensch!“

Als nächste Möglichkeit, wie ich da rauskomme, ist mir ein Satiriker-Kollege eingefallen, der heute unter uns weilt und bei dem ich mir gedacht habe: Der könnte mich doch eigentlich vertreten. Aber AUA-Vorstand Peter Malanik hat gemeint, ich solle nicht böse sein, aber er sei hier schließlich Gast und wolle nicht arbeiten. Was? Wieso er mein Kollege ist? Nun, er hat nach seinem Amtsantritt in einem Interview im AUA-Mitarbeitermagazin auf die Frage, was denn für ihn das größte Unglück sei, geantwortet: „Wenn eine feine Sauce gerinnt, die Gänseleber anbrennt und gleichzeitig das Rehfilet trocken wird.“

Das haben nicht alle bei der AUA lustig gefunden, obwohl Malanik später klargestellt hat, dass das ironisch gemeint war und halt leider von vielen Leuten nicht verstanden worden sei. Geschätzter Herr Malanik: Glauben Sie mir – ich kenne dieses Gefühl. Und deshalb müssen wir da zusammenhalten. Also, meine Damen und Herren, noch einmal: Das war Ironie.

Und wenn wir schon dabei sind, betrachten wir doch bitte gleich den ganzen AUA-Verkauf mit völlig anderen Augen! Das ändert aber nichts daran, dass ich jetzt hier vor Ihnen stehe und keine Ahnung habe, was ich Ihnen erzählen soll …

Ich wollte Christian Rainer am Nachmittag anrufen und ihn fragen, wie er das immer macht. Ich meine, an sich kennt ja jeder in unserer Branche dieses Problem. Man sitzt vor dem leeren Bildschirm, zermartert sich das Hirn – und es kommt nichts dabei raus als weißes Rauschen. Aber nur wenigen ist es gegeben, daraus einen Leitartikel zu machen. Allein, Christian Rainer hat nicht abgehoben. Ist aber auch kein Wunder, am Montagnachmittag will er nie gestört werden, da spielen er und Oliver Voigt immer Pfitschigogerln. Mit den Inseratenerlösen des News-Verlags aus der letzten Woche.

Das Wetter! Übers Wetter kann man immer reden. Andererseits: Wen unter Ihnen interessiert es denn bitte, ob es heute noch regnet oder nicht?
Gut, ja. Einen schon. Aber, Herr Schröder, Sie müssen sich keine Sorgen machen: Erstens ist es zur Albertina ja nicht weit – und zweitens haben wir unten in der Garderobe zwei Kübel für Sie bereitgestellt. Ja, und sonst. Man kann natürlich, als guter Gastgeber, einfach einmal so seine Gäste haltlos loben. Das hört jeder gern, und wer wäre für so eine Aufgabe denn geeigneter als ich. Also probier ich’s mal. Nehmen wir zum Beispiel Sabine Haag. Sie ist jetzt schon seit 1. Jänner Direktorin des Kunsthistorischen Museums. Und was soll ich Ihnen sagen: Die Saliera ist immer noch da! Oder die ganzen Banker, die heute Abend hier sind, die sollte man doch auch … Oder nein, eigentlich nicht.

Aber wir sollten auf alle Fälle würdigen, dass wir den möglicherweise nächsten EU-Außenminister unter uns haben: Alfred Gusenbauer. Das wäre ja die erstaunlichste österreichische Polit-Karriere seit Conan der Barbar Gouverneur von Kalifornien wurde. Sie müssen ja bedenken, wo Gusenbauer herkommt. Welchen Job der Mann vorher hatte. Na? Richtig! Europareferent der niederösterreichischen Arbeiterkammer! Aber ich merk schon: Das ist auch nicht abendfüllend, diese schleimigen Schmeicheleien ziehen bei Ihnen auch nicht so richtig. Ich geb jetzt auf. Also, meine sehr verehrten Damen und Herren: Leider muss meine Rede diesmal entfallen. Aber ich verspreche Ihnen hoch und heilig: Nächstes Jahr überleg ich mir wieder was.

rainer.nikowitz@profil.at