Rainer Nikowitz: Schreddergärtner

Rainer Nikowitz: Schreddergärtner

Nicht, dass es jemanden etwas anginge. Schon gar nicht Sie! Aber die ÖVP verrät jetzt trotzdem, was auf den ominösen Festplatten drauf war.

Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten! Getreu diesem ausgesprochen klugen Motto, das noch so gut wie jeder aufgeweckte rechtskonservative Sicherheitspolitiker vor noch so gut wie jeder Einführung einer neuen flächendeckenden Überwachungsmaßnahme abgesondert hat, geht die ÖVP jetzt in der leidigen Schredder-Affäre in die Offensive. Denn erstens – diese Information darf ich Ihnen nach den diesbezüglich wirklich sehr hilfreichen Anrufen von 16 der engsten Pressebetreuer von Sebastian Kurz exklusiv zukommen lassen – ist die Schredder-Affäre ja gar keine Affäre. Sondern eine künstliche Aufregung, die natürlich wieder einmal – wie auch die jüngste Hitzewelle, die Parkplatznot vor Karl Nehammers Wohnung und der eingewachsene große rechte Zehennagel von August Wöginger – auf Tal Silbersteins Mist gewachsen ist.

Und zweitens handelt es sich ja mittlerweile bei der ÖVP – wie die ÖVP nicht müde wird, uns mitzuteilen – um die neue ÖVP. Und die ist ja bekanntlich alles, was die alte offenbar nicht war. Also sauber, nicht anpatzend (Haben wir heute übrigens schon „Tal Silberstein“ gesagt? Wenn nicht: Tal Silberstein!), nur an Sach- und nicht etwa Klientelpolitik interessiert, durch und durch ehrlich und – vollkommen transparent. So transparent wie die neue ÖVP sind ja sonst eigentlich nur noch … lassen Sie mich einmal kurz überlegen… vielleicht die leeren Weingläser nach einer türkisen Klubtagung in der Wachau? Oder die Absichten HC Straches, wenn er sich an eine um mindestens 20 Jahre jüngere Blondine ranschmeißt. Oder … Quallen! Wobei hier natürlich vor allem Aurelia aurita zu nennen wäre, also die sogenannte Ohrenqualle. Die ist die durchsichtigste von allen. In der ist einfach nichts drin, was den Blick irgendwie aufhalten könnte.

Jedenfalls hat die neueste aller neuen ÖVPs nunmehr beschlossen, Tabula rasa zu machen. Denn bei der ganzen Aufregung um die vielleicht nicht gänzlich nach allen Regeln der Message und vor allem Picture Control entsorgten fünf Festplatten aus dem Bundeskanzleramt ist ja eines völlig untergegangen: der Inhalt! Jetzt könnte man einwenden, dass gerade der bei der neuen ÖVP noch nie so wahnsinnig wichtig war, aber dennoch: Wenn man sich genau ansieht, was denn auf diesen Festplatten überhaupt drauf war, wird man nicht umhin können, die türkise Erweckungsbewegung sofort und rückhaltlos frei- und im zweiten Schritt überhaupt gleich heiligzusprechen. Denn: Das war ja alles total privat! Quasi Familienvideos vom Grillnachmittag! Postkarten aus dem Urlaub! Tratsch unter Freunden! Mehr nicht! Geht also an sich wirklich niemanden was an. Aber: Die neue ÖVP macht es jetzt trotzdem öffentlich. Weil sie halt, Gott sei’s geklagt, einfach zu gut für diese Welt ist!


Stellen Sie sich vor, was ein Tal Silberstein mit diesem Material veranstaltet hätte!

Sehr viele Gigabytes wurden etwa mit Johanna Mikl-Leitners Haarpflegetipps für Sebastian Kurz belegt. Stellen Sie sich vor, was ein Tal Silberstein mit diesem Material veranstaltet hätte, wenn er es denn in seine ungewaschenen Finger bekommen hätte! Der hätte den Vorschlag, sich eine Bilanz zu frisieren, sicher gleich wieder böswillig mit irgendwelchen angeblichen geheimen Parteispenden in Verbindung gebracht, statt, wie es natürlich tatsächlich gemeint war, einfach nur mit dem als wünschenswert erachteten Auftreten eines adretten Bankbeamten.

Oder nehmen Sie die lange Debatte in der ÖVP-Kochgruppe betreffend die sachgemäße Herstellung eines Kärntner Reindlings. Der hatte dem Bundeskanzler nicht und nicht aufgehen wollen, er war schon völlig verzweifelt! Bis ihn der Hinweis von Elisabeth Köstinger, er müsse halt beim Dampfl ein Brieferl mehr verwenden, rausgerissen hatte. Germ, selbstredend. Was denn auch sonst?

Und auch der ausgiebige Mailverkehr zwischen so gut wie allen ÖVP-Spitzenvertretern über geplante gemeinsame Unternehmungen im sonnigen Süden in der schönsten Zeit des Jahres hätte in den falschen Händen einiges anrichten können. Da regte Harald Mahrer etwa an, dass die Beteiligten doch ein paar Flaschen Wodka mitnehmen sollten, der sei am Urlaubsort schwer zu bekommen, aber der verdienten Entspannung aller Beteiligten keineswegs abträglich. Der Chef persönlich warf ein, dass bitte keiner seine Kamera vergessen solle, schließlich schaue man sich Urlaubsvideos auch noch Jahre später sehr gerne an.

Am Ende stand dann ein sachdienlicher Hinweis von Karoline Edtstadler an Reiseleiter Gernot Blümel, der sich folgendermaßen las: „Und sag der Schnalle, sie soll sich vorher noch die Zehennägel putzen!“ Dies war selbstverständlich auf Margarete Schramböck gemünzt, die vorher leider bei einem Betriebsbesuch daheim im Tirolerischen mit ihren sehr feschen Riemchensandalen in einen feuchten Kehrrichthaufen gestiegen war – dies aber im Eifer des bei den Menschen Draußenseins gar nicht bemerkt hatte. Genau so war das – und niemals nicht anders!

Und im Übrigen: Tal Silberstein!!

rainer.nikowitz@profil.at