© Udo Titz

Meinung
11/28/2020

Rainer Nikowitz: Skiiiiiiifoan!

Die europäischen Nachbarn wollen uns unsere Pisten sperren? Dann brauchen sie sich aber nicht wundern, wenn wir zum Wieschigrad-Staat werden.

von Rainer Nikowitz

Über die sonst so bubenhaft frischen Züge des Kanzlers, die vor allem in den letzten Wochen doch mit zunehmenden Verhärtungstendenzen zu kämpfen hatten, huschte ein sardonisches Lächeln. Wie immer, wenn er in diesen Tagen an die bevorstehenden Weichenstellungen in der EU dachte. So, wie sich die Dinge im Moment entwickelten, würden wenigstens die nämlich sehr spaßig werden. Sonst gab es ja eher nicht so viel zu lachen. Aber in Brüssel knieten ja gerade alle auf Ungarn und Polen drauf, weil die sich weigerten, dem EU-Budget wegen der geplanten Verknüpfung von Geldregen mit Rechtsstaatlichkeit zuzustimmen. Da wurde jetzt zäh verhandelt, und  irgendwann, wenn endlich alle Beteiligten von den endlosen nächtlichen Videokonferenzen schon Schwielen am Hintern hatten, würde, wie immer bei der EU, irgendein zahnloser Kompromiss herauskommen, den dann schließlich alle ohne jegliche Begeisterung, aber zumindest achselzuckend abnickten.

Sebastian hatte die Abstimmung dazu beim nächsten Gipfel schon jetzt ganz genau vor seinem geistigen Auge. Mutti würde zufrieden in die Runde blicken, sofort sehen, dass selbst Viktor Orbáns Hand in diesem Moment einmal nicht bloß aufgehalten, sondern auch hochgehalten war, dann beschwingt und glücklich bis 27 durchzählen … nur um entsetzt festzustellen, dass sie dabei bloß bis 26 kam! Denn eine Hand würde eisern unten bleiben. Seine.

Alle Augen würden groß werden – und auf ihn gerichtet. Und er? Er würde dann seinen möglicherweise denkwürdigsten Auftritt auf europäischer Ebene haben. Noch mehr Härte und Festigkeit beweisen als beim Balkanroutenschließmuskelspiel. Er würde kurz einen Mundwinkel verächtlich nach unten zucken lassen, sich dann langsam aus der Abfahrtshocke erheben, mit dem Zeigefinger den Hirscher-Helm auf seinem Kopf in den Nacken schieben und schließlich in bedrohlichem Moll in den Saal jodeln: „Haaallo Sie! Steign S’ ma net auf’d Ski! Weu sunst werd i zurnig wia no nieeee-hie-hie!

Uns wollten die die Pisten bis 10. Jänner sperren? Oder überhaupt gleich die Grenzen, wie es die italienischen Skiregionen verlangten, damit für den Fall, dass sie amtlicherseits zusperren mussten, keiner nach Norden in die tröstend ausgebreiteten Arme von DJ Ötzi flüchten konnte? Die Bayern wollten deutsche Tagesausflügler unter Quarantäne stellen, nur weil die es vielleicht gewagt hatten, in einer unsrigen Seilbahn ein bisschen einzuatmen? So eine Gondel war bitte ein öffentliches Verkehrsmittel! Laut Gesetz sogar. Also praktisch eine Nebenbahn. Und es wusste doch nun wirklich jeder, dass man in denen zu jeder beliebigen Zeit eine ganze Herde von Babyelefanten spazieren führen konnte. Was sollte also dieses als pandemische Sicherheitsmaßnahme getarnte Herumtrampeln auf einem kleinen, tapferen Bergvolk?

Ischgl. Natürlich. Damit würden sie ihm garantiert kommen. Weil sie ja sonst keine Argumente hatten. Wie armselig, immer noch auf dem kleinen Betriebsunfall, dass Tirol nicht nur einer der Big Player in der ersten europäischen Infektionswelle war, herumzureiten. Und auch die Erfahrungen der Sommersaison, in denen sich zuerst ganz Europa um die Touristen gebalgt hatte wie ein Rudel junger Hunde um den Quietschball – um sich anschließend ausgiebig über Schnelligkeit und Höhe der völlig überraschenderweise auch ganz Europa überrollenden zweiten Welle zu wundern. 

Aber mit diesen billigen Milchmädchenrechnungen konnten die – angeblichen – europäischen Freunde Sebastian nicht überraschen. Das hatte seine Taskforce bei der Vorbereitung alles antizipiert. Köstinger, Platter, Schröcksnadel – die besten Köpfe der Alpen hatten gemeinsam mit Sebastian den Kurs gesteckt. Da konnten die anderen argumentativ nur einfädeln. Im Sommer war es ja wie gesagt darum gegangen, dass ganz Europa Touristen aus ganz Europa gewollt hatte. Jetzt hingegen wollte ja nur Österreich Touristen aus ganz Europa. Das war also etwas völlig anderes!

Allerdings glaubte Sebastian ohnehin nicht, dass hier mit Argumenten etwas zu erreichen war. Ein Veto war wesentlich zielführender. Und die Bedingungen für seine Aufhebung völlig klar.

Er würde also den Kinnriemen seines schnittigen, im Windkanal gezeugten Skihelms wieder fester zurren, und in seiner coolen Gletscherbrille würden sich die ungläubigen Gesichter der anderen 26 spiegeln, während sie ihn sagen hörten: „Hahnenkammrennen Kitzbühel. Zielraum. VIP-Sektor. Dort reden wir weiter. Und wehe, einer fehlt.“

Und dann würde er sich umdrehen und ohne ein weiteres Wort durch eine Allee von rot-weiß-roten Schneekanonen aus dem Saal wedeln.
Bestzeit.

 

 

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