Rainer Nikowitz: Black Friday

Rainer Nikowitz: Black Friday

In der Früh nur Neonazi, am Abend auch noch korrupt – was für ein Freitag für HC Strache. Und natürlich: für den armen Kanzler!

Am schlimmsten trifft es natürlich die ÖVP. Die sind dort alle immer dermaßen durch den Wind, wenn wieder was passiert, das kann man sich kaum vorstellen. Weil es halt auch so überraschend kommt. Jedes einzelne Mal.

Und als ob der Kanzler sonst nichts zu tun hätte! Gerade muss er mannhaft der EU wegen der Panade in die Parade fahren und mit vollstem Einsatz darum kämpfen, die nationale Souveränität über unsere Pommes wiederherzustellen, ist also mit jener Art von Reformpolitik beschäftigt, die Österreich dringend braucht, für die er steht und für die er auch gewählt worden ist – und dann das! Die erste Nachricht erreichte ihn übrigens Freitag früh beim gemeinsamen Fotoshooting mit Karoline Edtstadler für die letzte Plakatwelle vor dem Wahltag. Vilimskys Nummer zwei und Kurz stehen dabei vor der durchgestrichenen Ortstafel von Brüssel und auf dem in bläulichem Dreck liegenden Otmar Karas. Der Slogan dazu lautet: „Unser Acrylamid für unsere Leut’!“

Als Kurz ihr das Küssel-Zitat vorlas, geriet sogar Edtstadler kurz außer Tritt. Und gerade mit dem hatte die weiseste Richterin seit Helene Partik-Pablé an sich nie Probleme. Aber sie wusste natürlich auch in der Sekunde, dass ihr großer Coup für die letzte Wahlkampfphase damit leider geplatzt war. Sie hatte geplant gehabt, nach dem durchschlagenden Erfolg ihrer ausgesprochen freien Beweiswürdigung zum „christlich-jüdischen Erbe“, das in Kreuzform in allen Klassenzimmern zu hängen habe, auch noch die Zehn Gebote von Gott Fried Waldhäusl zu klauen und sie in einer rot-grün versifften Wiener Brennpunktschule an die Wand zu nageln. Wie einst Luther in Jerusalem. Oder so. Aber das war jetzt leider hinfällig. Jetzt musste man sich wieder abgrenzen und alles. Mann, war das mühsam! „Im stillen Kämmerlein hat er den großen Nationalsozialisten gespielt. Da gab es einige lustige Auftritte, über die will ich jetzt aber nicht reden, vielleicht brauchen wir das nochmal.“


Was konnte Kurz nun bloß für sein Land tun? Und vor allem: wie dabei Kanzler bleiben?

Das waren sie also, die Erinnerungen – und nun, ja: sanften Mahnungen – des prominentesten Wiederbetätigers der Ostmark, der überraschenderweise gerade einmal nicht im Gefängnis saß, an frühere gemeinsame Kampfeszeiten mit dem Vizekanzler der Republik. Aus diesen Aussagen konnte man, bei aller gebotenen Vorsicht, zumindest einmal einen Schluss sofort ziehen. Die Behauptung „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“ war wissenschaftlich möglicherweise doch nicht ganz haltbar. Und der Kanzler wäre nicht der Kanzler gewesen, der dieses Land so umsichtig führte und dereinst so unbeschädigt hinterlassen würde, hätte er nicht sogleich etwas in sich aufkeimen spüren: ein Machtwort.

Hatte er nicht auch schon mit einem Streich seines Schwertes von einer Zunge sämtliche Verbindungen der FPÖ zu den Identitären gekappt? War es nicht sein Verdienst, dass HC das Wort „Bevölkerungsaustausch“ nur mehr zu flüstern wagte? Hatte Sebastian nicht weiters auch vom Innenminister ultimativ Antworten auf die sich aufdrängenden, für die innere Sicherheit doch irgendwie heiklen Fragen zur Razzia bei Herrn Sellner gefordert – und auch bekommen? Da musste man schon Flagge zeigen. Es konnte nicht angehen, dass da auch nur der leiseste Verdacht bestand, jemand aus dem Sicherheitsapparat könnte bei einer Razzia wegen möglicher Verbindungen zu einem rechtsradikalen Massenmörder möglicherweise vor allem einmal den Servicegedanken groß geschrieben haben.

Die Fragen lauteten übrigens: „41 Minuten vorher löscht der seine E-Mails? Hat ihn wer gewarnt?“ Und: „12 Minuten steht ihr vor der Tür? Wieso so lang?“ Die Antworten waren: „Pffft!“ und „Mei.“ Aber der Kanzler sah schon ein, dass es vorerst einmal nicht ausführlicher möglich gewesen war, schließlich hatte er Kickl gerade bei der Anprobe seiner neuesten Commander-in-Chief-Uniform im Kostümsalon „Bonaparte“ gestört. Und Sebastian wusste, wie sehr gerade Kickl darauf angewiesen war, dass Kleider hoffentlich tatsächlich Leute machten.

Ja, und dann kam auch noch der Freitagabend. Und mit ihm das launige Russen-Video von HC und seinem Gebärdendolmetscher Gudenus. Öffentliche Aufträge im Gegenzug für russische Wahlkampfhilfe! Schwarze Parteispenden! Wie unangenehm! Vor allem der Teil, in dem Strache so offenherzig darüber redet, wo das Geld von René Benko angeblich überall landet …

Jetzt fiel es Basti wie Schuppen von den Augen. Der Mann an seiner Seite war also nicht nur Neonazi. Schon allein das hätte Basti ja nie und nimmer für möglich gehalten – wie denn auch? Es hatte ja die ganze Zeit über null Hinweise gegeben. Aber nicht genug damit: Strache war auch noch korrupt!

Es reichte. Er würde HC die Meinung geigen, aber hallo! Und ihm unmissverständlich klarmachen, dass … dass … – dass man sich bei so was doch um Himmels willen nicht erwischen lassen durfte!

Mehr konnte Kurz nun wirklich nicht für sein Land tun. Und vor allem: dabei Kanzler bleiben.