Robert Treichler: Das gibt Beef

Robert Treichler: Das gibt Beef

Der Weltklimarat meint, wir sollten weniger Fleisch essen. Wer macht mit?

Die Diskussion über den Klimawandel beginnt meist angenehm distanziert mit einem sorgsam formulierten Bericht der Vereinten Nationen, doch sie endet unweigerlich mit Warnungen, die klingen, als habe ein staatlich lizenzierter Untergangsprophet sie getextet. Die deutsche Tageszeitung „Die Welt“ titelte vergangene Woche: „UN-Klimabericht – Menschheit begeht Selbstmord auf Raten.“ Was soll man davon halten? Tatsächlich sind Berichte dieser Art mittlerweile zu globalen Ereignissen geworden. Der Sonderbericht des Weltklimarates IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) wurde vergangenen Donnerstag weltweit von so gut wie allen Nachrichtenmedien mit derselben Ernsthaftigkeit erörtert. Für das entsprechende Problembewusstsein ist also gesorgt. Leugner des vom Menschen verursachten Klimawandels teilen sich ihr schrumpfendes Auditorium mittlerweile mit Ufologen.

Dennoch hat die Debatte einen Haken: Die von der Politik vorgeschlagenen Lösungen halten mit dem Maß an vermittelter Panik einfach nicht Schritt. Wir wissen zwar, dass es ziemlich übel kommen kann – so ein universeller Selbstmord ist ja keine Kleinigkeit –, aber nicht, wie wir dem Schreckensszenario entrinnen können.

So ist unstrittig, welch katastrophale Auswirkungen unsere Ernährungsgewohnheiten haben: Ein Viertel der Treibhausgase stammt aus der industriellen Produktion von Lebensmitteln – und davon mehr als die Hälfte aus der Fleischproduktion. Jedes globale Klimaproblem landet irgendwann beim Einzelnen, im konkreten Fall direkt auf dem Teller.

Weil es an dieser Stelle persönlich wird, hier meine Offenlegung: Laut einer Berechnung, die man auf der Website des britischen Senders BBC durchführen lassen kann, sieht meine Bilanz so aus: Drei bis fünf Mal Rindfleisch pro Woche (in der Menge eines Hamburgers) ergibt 1,6 Tonnen Treibhausgase im Jahr. Das entspricht der Menge von fünf Flügen von London nach Malaga und retour und verbraucht bei der Herstellung Land im Ausmaß von 17 Tennisplätzen. Und das war nur mein Rindfleischverbrauch.

Sie merken, ich bin alles andere als ein Fleischgegner. Für mich ist Fleisch der unverzichtbare Ersatz für Fleischersatz. Aber gleichzeitig bin ich, wie die meisten, auch kein Anhänger des planetaren Suizids.

Was also tun?

Weniger Fleisch essen, schlägt der Report unter anderem vor. Aber wie soll das vonstatten gehen? Klar, ich könnte – einfach so, weil ich draufgekommen bin, dass es klüger wäre, weniger oft Hamburger und dergleichen essen – auf Gemüselaibchen umsteigen. Aber reicht das? Ich fürchte, wir werden zu wenige sein, und ich bin mir unsicher, ob ich selbst mit von der Partie sein würde.


Einerseits heißt es, wir hätten nur noch ganz wenig Zeit, um das Klimadesaster zu verhindern, andererseits präsentiert niemand radikale Lösungen.

Hat irgendjemand eine Idee, wie man den Fleischkonsum einschränken könnte? Zum Beispiel mit einer Fleischsteuer. Bloß, welche Regierung würde es wagen, eine Steuer auf Fleisch einzuführen, die so hoch ist, dass der Konsum nennenswert zurückgeht? Das deutsche Wochenmagazin „Der Spiegel“ wandte in einem Online-Bericht vergangene Woche ein, dass durch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von derzeit neun auf 19 Prozent ein unerwünschter Effekt eintreten könnte: Konsumenten
würden dann womöglich auf billigeres Diskont-Fleisch umsteigen, anstatt Bio-Fleisch zu kaufen.

Man könnte bei der Erziehung der nächsten Generation ansetzen. Kinder, die es von klein auf gewohnt sind, nur wenig Fleisch zu essen, würde das wahrscheinlich auch im Erwachsenenalter nicht stören. Hätte ich die Freude an Spareribs nicht gedankenlos an meine Kinder weitergegeben, wäre das Fleischproblem mit meinem Ableben – und dem meiner Generation – minimiert worden. Aber das Vorhaben auf die übernächste Generation zu verschieben, ist angesichts des sich schließenden Zeitfensters auch keine Option.

Meine Fragen und Überlegungen sind in all ihrer Banalität genau deshalb relevant, weil sich darin die öffentliche Orientierungslosigkeit widerspiegelt. Einerseits heißt es, wir hätten nur noch ganz wenig Zeit, um das Klimadesaster zu verhindern, andererseits präsentiert niemand radikale Lösungen. Aus realpolitisch nachvollziehbarer Feigheit?

In den wenigen Szenarien, die Rettung versprechen, gehen die Experten davon aus, dass sich die Lebensgewohnheiten, der Konsum und die Ernährungsweisen deutlich verändern und gleichzeitig in allen Bereichen Treibhausgase reduziert werden. Würden sich etwa die US-Amerikaner so ernähren wie die Inder, wäre dies ein erheblicher Fortschritt. Aber wer sagt das den US-Amerikanern? Und hat schon jemand die Inder gefragt, ob sie verlässlich bei ihrer Diät bleiben werden? Auch in den Ländern des globalen Südens werden vermehrt tierische Produkte gegessen.

Was Menschen essen, ist eine eminent kulturelle Angelegenheit. Prinzipiell spräche überhaupt nichts dagegen, dass Fleisch wieder zum Luxusgut wird, so wie früher. Aber grundlegende Veränderungen brauchen viel Zeit und können – außer in Diktaturen – nicht verordnet werden. Dass demokratische Gesellschaften sich zum Ziel setzen, ihre Essgewohnheiten umzukrempeln, wäre ein geradezu revolutionärer Akt.

Aber wenn man das ernsthaft von uns erwartet, sollte man als Beilage zur Panik auch realistische Lösungsideen servieren.

robert.treichler@profil.at
Twitter: @robtreichler