Robert Treichler: Genießt, Genossen!

Robert Treichler: Genießt, Genossen!

Eine Sozialdemokratin trägt Rolex? Wir brauchen mehr davon.

Sawsan Chebli traut sich was. Die Berliner SPD-Politikerin besitzt eine Armbanduhr der Marke Rolex Datejust 36 für 7300 Euro. Das „Pink Dial“-Ziffernblatt ist aus 18-karätigem Gold gefertigt, die Gangreserve beträgt 48 Stunden; wasserdicht ist das Kleinod bis zu einer Tiefe von 100 Metern – und schließlich das beste Feature: Einem Shitstorm hält eine Rolex problemlos stand, sie weicht auch unter widrigsten Bedingungen maximal plus/minus zwei Sekunden pro Tag von der korrekten Zeit ab.

Letzteres konnte Chebli vergangene Woche ausgiebig testen, als Horden von empörten Facebook-Nutzern über die in Berlin als Tochter palästinensischer Flüchtlinge geborene Politikerin herfielen. Anlass war die Rolex, insbesondere die Tatsache, dass eine Sozialdemokratin eine Luxusuhr trägt.

Wie einfallslos! Dass Linke keine teuren Sachen besitzen dürfen, ist nun wirklich ein Vorwurf aus ideologischer Billigstproduktion, mutmaßlich in einem Sweatshop von Leuten zusammengeschraubt, die mit einer Schale Vulgärmarxismus und einer Portion Hass auf Aufsteiger durch den Tag kommen müssen.

Die Frage, ob es legitim sei, dass eine 40 Jahre alte Politikerin, die als Staatssekretärin der Berliner Stadtregierung im Monat rund 9400 Euro brutto verdient, eine teure Uhr kauft, ist rasch geklärt: Warum denn nicht? Ist irgendjemandem geholfen, wenn Chebli ihr Geld auf einem Sparbuch hortet? Ganz bestimmt nicht der Volkswirtschaft! Wäre es besser, Chebli würde ihr Geld für größere Mengen günstigerer Sachen ausgeben? Nein. Verdient sie gar zu viel? Eva Linsinger erläutert im Leitartikel dieser Ausgabe, weshalb Lohndumping bei Politikern keine Qualitätssprünge nach sich zieht.

Wenn Sawsan Chebli also ihr – eigenes – Geld für eine teure Uhr ausgibt, ist das nicht nur ihre private Angelegenheit, sondern auch durchaus sinnvoll im Hinblick auf die Konsumgüternachfrage. Aber der Furor, der die SPD-Politikerin getroffen hat, entzündete sich nicht an der wirtschaftlichen Sinnhaftigkeit einer Investition von 7300 Euro, sondern an der Moral dieser Handlung. Eine Rolex steht für Luxus, und dieser gilt in linken Kreisen als unnötig und untrügliches Zeichen dafür, dass bisher viel zu wenig gegen die ökonomische Ungleichheit getan wurde.


Der Luxus-Vorwurf gegen Linke stammt aus ideologischer Billigstproduktion.

Der Kampf gegen Luxus und Reichtum wird brachial und ohne Zwischentöne geführt. Die SPÖ schoss sich vor ein paar Jahren bei einer Diskussion über die Reform der Mehrwertsteuer auf das Luxusgut Wachteleier ein; Jean-Luc Mélenchon, Vorsitzender der französischen Linkspartei Unbeugsames Frankreich, versprach als Präsidentschaftskandidat, er werde sicher nicht in den luxuriösen Elysée-Palast einziehen, sondern in seiner Wohnung bleiben – und forderte zudem einen Einkommenssteuersatz von 100 Prozent ab einem Jahresgehalt von 400.000 Euro; und Jeremy Corbyn, Vorsitzender der britischen Labour-Partei, schlug eine Deckelung der Einkommen vor und nannte dabei „etwas höher als 150.000 Euro“ als möglichen Plafond.

Ungleichheit zu bekämpfen, ist eine gute Sache – wenn sie ein ungesundes Ausmaß erreicht hat. Ob die genannten Ideen die richtigen sind, wird weithin bezweifelt; interessant aber ist der Effekt solcher Kampagnen: Alles, was luxuriös wirkt, wird als unmoralisch und – besonders für Linke – unschicklich angesehen.

Die frühere dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt, eine Sozialdemokratin, wurde mit dem Spitznamen „Gucci-Helle“ verspottet, weil sie gern teure Kleider und Handtaschen trug. Aber es trifft nicht nur Frauen. Deutschlands Altkanzler Gerhard Schröder musste sich für seine Brioni-Anzüge rechtfertigen.

Sawsan Chebli versuchte, sich gegen den Vorwurf, ein Luxusgeschöpf zu sein, zu verteidigen, und verwies darauf, dass sie in Armut aufgewachsen ist – anstatt endlich einmal zu sagen: Luxus ist gut!

Ja, auch Linke können das sagen! Waren, die von Unternehmen in Europa erzeugt werden, die hochbezahlte Fachkräfte beschäftigen, sind geradezu der Idealfall eines begrüßenswerten Konsumgutes. Umso mehr trifft das auf den oft gescholtenen Maßanzug zu: Bei der Herstellung durch lokale Spitzenschneider werden alle Sozialstandards beachtet, zudem entfallen weite Transportwege, was die Umwelt schont.

Dasselbe gilt für handgemachte Musikinstrumente, Schuhe, Schmuck; für teure Aufführungen etwa bei den Salzburger Festspielen; Besuche der Spitzengastronomie; edle Weine, tolle Elektro-Autos, High-End-Fahrräder …

Gut, dass es diese Dinge gibt. Die Welt – unsere Wirtschaft und nicht zuletzt sehr viele Arbeitnehmer – wären ärmer ohne sie. Das kann jeder Linke unterschreiben und dennoch seinen Kampf gegen Ungleichheit fortsetzen. Gerechtere Einkommen zu verlangen, heißt nicht, Reichtum abzuschaffen. Unsere Gesellschaft braucht Menschen mit teuren Uhren an den Handgelenken, und auch Menschen, die sich ein Bild des anonymen Kunststars Banksy leisten können. Ohne sie gäbe es nämlich keine Luxusschneider, keine Spitzengastronomie und auch keinen Banksy, der listig den Kunstmarkt persifliert.

Sawsan Chebli trägt eine Rolex? Irgendjemand muss es schließlich tun.

robert.treichler@profil.at
Twitter: @robtreichler