Robert Treichler: Hey, ihr!

Robert Treichler: Hey, ihr!

Wie soll die nächste Generation heißen? Und wo ist sie überhaupt?

Ohne jemanden ausschließen zu wollen, handelt dieser Kommentar ausschließlich von Leuten, die ab 1997 geboren wurden. Die anderen (ich inklusive) sind zu alt. Die aus 1997ff. bilden nämlich, so behauptet das US-Daten-Institut Pew Research Center, eine neue Generation. Pew hat dabei eine unleugbare Autorität, schließlich untersucht es seit Jahrzehnten die Einstellungen von Alterskohorten. Wer nach seiner eigenen sucht, hier kurz die bisherigen Labels: die „stille“ Generation (geboren 1928–1945); die „Babyboomer“ (geboren 1946–1964); die „Generation X“ (geboren 1965–1980); und die „Millennials“ (geboren 1981–1996).

Jetzt also: Die nächste, bitte!

Wozu braucht eine Generation einen Namen? Kann der auch nur ansatzweise gültig sein? Gibt es überhaupt ein verbindendes Element von 15 bis 20 aufeinanderfolgenden Geburtsjahrgängen? Alle Zweifel sind berechtigt. Und doch setzen sich immer wieder Begriffe durch, in denen sich viele aus derselben Altersgruppe wiederfinden. In Europa sind die Babyboomer unter dem Namen Wirtschaftswundergeneration bekannt, innerhalb der die „68er“ eine eigene Gruppe bilden. Was man braucht, ist ein Schicksal – entweder eines, das eine Generation erleidet, oder eines, das sie selbst in die Hand nimmt. Ein Krieg, eine Katastrophe, eine Revolution, eine Innovation …

Die 1997ff.-Menge wird vom Pew Research Center vorübergehend mit dem nichtssagenden Begriff „Post-Millennials“ punziert. Die Frage ist: Welches Schicksal teilen die noch nicht mal Zwanzigjährigen? Und transzendieren sie es zu einer Erzählung, die ihr Leben neu definiert?


Eine nennenswerte Jugendbewegung zeichnet sich nicht ab.

Die Welt, in der sie erwachsen werden, ist gekennzeichnet von einem Zerfall der Gewissheiten. Der erste auch von ihnen gewählte US-Präsident Donald Trump schreddert wohlbegründete Regeln des Anstands und der Vernunft; in Europa zerfleddert das Parteiengefüge zugunsten schwer zu definierender Bewegungen; die liberale Demokratie wird infrage gestellt wie der Dieselmotor; die Geschlechteridentitäten taugen nur noch fürs Trash-TV. Die neue Generation ist ethnisch so durchmischt wie keine zuvor, gleichzeitig ist die Abwehr des Fremden das dominanteste politische Motiv.

Aus all dem folgt keine klare Botschaft, kein Lebensentwurf. Noch nehmen die Post-Millennials die Politik bestenfalls wahr. Eine nennenswerte Jugendbewegung zeichnet sich nicht ab.

Michael Dimock, Präsident des Pew Research Center, vermutet eher in den technologischen Umständen eine prägende neue Welt: Die junge Generation sei die erste, die permanent via mobiler Geräte online agiere und sich auf sozialen Medien vernetze. Das bringt Änderungen im Verhalten, in Beziehungen und in der politischen und gesellschaftlichen Partizipation mit sich. Aber werden sich diese Änderungen im Erwachsenenleben als bleibend erweisen, fragt Dimock.

Anders gefragt: Werdet ihr so bleiben, Kids? Politisch vage und mit den Gedanken auf Snapchat? Ihre Antwort flimmert, wenn überhaupt, irgendwo als Statusmeldung auf.

Was die Post-Millennials mit großer Wahrscheinlichkeit erleben werden, ist das Ende des amerikanischen Jahrhunderts (das ohnehin schon länger als 100 Jahre dauert) und mit ihm auch den Bedeutungsverlust Europas. „Doomed“ (dem Untergang geweiht) schlugen Leser der „New York Times“ als Generationen-Namen vor, nachdem die US-Zeitung im Jänner aufgerufen hatte, Vorschläge zu posten. Untergang ist vielleicht ein bisschen heftig, aber die nächste Generation wird sich daran gewöhnen müssen, dass vieles von dem, was hip und neu ist, nicht aus dem eigenen Kulturkreis kommt.

Ungewissheit und Bedeutungsverlust. Klingt nach einem eher traurigen Doppelalbum der Post-Millennials. Doch das ist der analoge Blick eines alten Babyboomers, der seine Werte auf eine völlig neue Generation überträgt. Junge Leute können das ganz anders
sehen: „Delta“ lautet ein weiterer Vorschlag, den die „New York Times“ erhielt. Der griechische Buchstabe stehe in der Mathematik für „Veränderung und Unsicherheit“, und diese Erfahrungen würden ihre Generation formen, schrieb eine 22-jährige New Yorkerin. Veränderung und Unsicherheit sind Ausgangspunkte für ein Schicksal. „Delta“ deutet auf einen Gestaltungswillen hin.

Aber vielleicht ist die Suche nach einem Kürzel für die Nachfolger der Millennials aus einem prinzipiellen Grund zum Scheitern verurteilt. Warum bloß fragen wir die US-Amerikaner und Europäer nach ihrer Einordnung? Weil wir gewohnt sind, dass sie es sind, die der Welt eine neue Richtung geben. Wenn nun aber das Wirtschaftswunder, der technologische Fortschritt, die politische Macht und möglicherweise auch die kulturelle Hegemonie anderswo Station machen, dann liegt es nahe, die jungen Leute dort zu fragen, was ihre Generation ausmacht.

Wie sagt man „Wirtschaftswundergeneration“ auf Chinesisch?