Robert Treichler: Make Empörung great again

Robert Treichler: Make Empörung great again

Vier Jahre politische Erregung sind ziemlich lange. Eine Anleitung.

Empörung ist wie Sex. Sie ist eine notwendige und feine Sache, am besten gelingt sie spontan; sie kann nicht ewig dauern, und manchmal kommt man hinterher drauf, man hätte es sich sparen sollen.

Wir werden in den kommenden vier Jahren ziemlich viel Empörung erleben, in uns und um uns herum. Da lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie diese staatsbürgerliche Tugend wirkt und was man dabei falsch machen kann.

Donald Trump ist gerade einmal zehn Tage US-Präsident, und „Spiegel Online“-Kommentator Sascha Lobo befürchtet bereits, die „potenzielle Empörungsenergie“, über die jeder Mensch verfüge, könne allzu rasch ausgeschöpft werden, und dann sei „nichts mehr da“. Noch ist es nicht so weit. Die sozialen Medien, verlässliche Seismografen für politisch-emotionale Eruptionen, oszillieren weit jenseits der üblichen Jahresmittelerregung.


Und verdammt viel läuft jetzt schon falsch.


Trump wird nicht zurücktreten; gegen ihn wird nicht umgehend ein Amtsenthebungsverfahren begonnen; er macht, was er will.

Der Ärger über einen eben erst angelobten Präsidenten, der über enorm viel Macht verfügt, paart sich naturgemäß mit der Frustration darüber, dass der Protest zunächst einmal kaum etwas zu ändern vermag. Trump wird nicht zurücktreten; gegen ihn wird nicht umgehend ein Amtsenthebungsverfahren begonnen; er macht, was er will.

Also sucht sich die Empörung andere Ziele. Melania Trump zum Beispiel, die Präsidentengattin.

Was kann man ihr vorwerfen? Sie findet ihren Ehemann, mit dem sie seit zwölf Jahren verheiratet ist und mit dem sie ein gemeinsames Kind hat, großartig und sagt das auch öffentlich. Sie steht trotz der Beschuldigungen, er habe Frauen belästigt, zu ihm. Genügt das, um Melania Trump auf Twitter zur bedauernswerten Idiotin zu brandmarken? Hillary Clinton nannte die Sex-Vorwürfe gegen Bill eine „rechtsgerichtete Verschwörung“. Anne Sinclair, mittlerweile geschiedene Ehefrau von Dominique Strauss-Kahn, hinterlegte für ihren der Vergewaltigung verdächtigten Gatten eine Million Dollar Kaution und beteuerte, den Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft „keine Sekunde lang“ zu glauben. Ehepartner sind oft loyaler, als es die Vernunft nahelegt. Das sollte kein Anlass dafür sein, sie für (angebliche) Untaten ihrer Gatten verantwortlich zu machen.

Ein wenig erratisch schlängelt sich die Empörung von Donald über Melania eine Assoziationsstufe weiter zum nächsten Mitgefangenen: Ralph Lauren. Der Mode-Designer hat sich des politischen Hochverrats schuldig gemacht, indem er das Kleid fertigte, das Melania Trump bei den Inaugurationsfeierlichkeiten trug. Lauren schneiderte zwar auch für Hillary Clinton und Michelle Obama, doch die Milderungsgründe reichten nicht aus: Die Twitteria verhängte zur Strafe den Hashtag #boycottralphlauren.

Das ist Blödsinn. Es entspringt dem Wunsch, alles und jeden in mittelbarer Umgebung von Donald Trump schuldig zu sprechen, guilty by association, und so rinnt die Empörung aus und versickert wirkungslos.


Michelle Obama scheint eine gute Ratgeberin, wie man die eigene Empörung ausleben soll: 'If they go low, we go high'

Michelle Obama scheint eine gute Ratgeberin, wie man die eigene Empörung ausleben soll: „If they go low, we go high“, sagte die First Lady der Herzen – je tiefer die anderen sinken, umso höher sollten unsere eigenen Maßstäbe sein.

Bei Donald Trumps Sohn Barron Autismus zu diagnostizieren; die Ehe der Trumps als gescheitert darzustellen; Melania zu verspotten, weil sie mit Akzent spricht; gefälschte Trump-Zitate zu posten – all das ist unterhalb dessen, was Empörung glaubhaft macht. Marine Le Pen, Chefin des französischen Front National, wurde als „Schlampe“ beschimpft, ein Rapper drohte ihr mit einer Massenvergewaltigung. Der Hinweis darauf, dass der oder die Angegriffene selbst niederträchtig sei, kann die eigene Niedertracht nicht rechtfertigen.

Auch die Hyperbel, die absichtsvolle Übertreibung, hat unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Donald Trump hat unleugbar autoritäre Charakterzüge, und er sucht sich begierig Feinde, die er dem „Volk“ gegenüberstellt. Aber reicht das, um ihn als „Faschisten“ zu bezeichnen? Wesentlich am Faschismus ist unter anderem die faktische Aufhebung der Demokratie, und dafür gibt es keine Anzeichen. Wer, wie etwa die linke Intellektuelle Naomi Wolf, bereits George W. Bush für ein „faschistisches Amerika“ verantwortlich gemacht hat, muss erläutern, wie nahtlos Faschismus und Fortschritt einander im demokratischen Wechsel ablösen.

Wie herrlich ist dagegen der Spott, verpackt in den kreativsten Satiren des Landes oder in den Cartoons eines Pat Byrnes. Da steht Trump nackt vor dem Teufel, der ihm erklärt, er sei hier im „alternativen Himmel“ angekommen.

Am allerbesten ist Empörung gepaart mit einer Idee, wie die Politik des US-Präsidenten konterkariert werden kann. Der Preis für die bisher beste Aktion geht an die niederländische Regierung. Trump verfügte, dass keine Regierungssubventionen an internationale NGOs ausbezahlt werden dürfen, die Abtreibungen durchführen oder befürworten. Daraufhin kündigte die niederländische Regierung an, einen Fonds einzurichten, um eben diese Organisationen weiter zu finanzieren. In den ärmsten Ländern der Erde sind Familienplanung und der Zugang zu sicheren Abtreibungen Überlebensfragen.

Empörung kann auch Leben retten.