Robert Treichler: Wohltätige Aasgeier

Superreiche sind immer suspekt, ganz besonders, wenn sie spenden.

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Zwei Wochen ist es nun schon her, dass Notre-Dame de Paris zum Teil abgebrannt ist, und abgesehen von dem klaffenden Loch im Bauwerk bleibt noch eine schwärende Wunde im emotionalen Gebälk: Es lässt sich kein Schuldiger ausmachen. Wem soll man zürnen? Eine religiös geprägte Gesellschaft würde ein solch überdimensionales Unglück wohl dem Teufel oder seinesgleichen anlasten. Doch diese Option fällt im säkularen Europa leider aus. Die Arbeiter, die nach Angaben der Baufirma am Gerüst Zigaretten geraucht haben sollen, taugen auch nicht so recht als Bösewichte. Erstens sei es nach Angaben der Baufirma höchst unwahrscheinlich, dass schlecht ausgedämpfte Stummel das Feuer entfacht hätten, und zweitens will man Bauarbeitern, die den ganzen Tag unter widrigen Bedingungen auf einem Gerüst rackern und für die es kaum zumutbar ist, wegen einer kurzen Rauchpause nach unten zu klettern, nicht den kunsthistorisch gesehen größten Schadensfall der jüngeren französischen Geschichte in die Schuhe schieben.

Doch in jeder moralisch frustrierenden Situation taucht ein Schurke auf, der dafür herhalten muss, mit Schimpf und Schande überschüttet zu werden, um das Geschehene irgendwie zu sühnen. Im Fall von Notre-Dame machten die fraglichen Personen provokant-leichtsinnig auf sich aufmerksam, womit sie bereits einen dringenden Verdacht auf sich lenkten: superreiche Franzosen, die wenige Stunden nach dem Brand Hunderte Millionen an Spenden versprachen.

Zugegeben, eine auch nur mittelbare Verantwortung für die Zerstörung lässt sich daraus nicht ableiten, eigentlich eher Verantwortungsbewusstsein für den Wiederaufbau, dennoch ließen die wütenden Vorwürfe nicht auf sich warten: Wie es sein könne, dass diese Leute so rasch so viel Geld lockermachen könnten?! Weshalb sie für die Restaurierung einer Kirche spendeten anstatt für etwas anderes?! Warum um die Millionen der Superreichen so viel Aufhebens gemacht würde, nicht aber um die kleineren Beträge von durchschnittlichen Gönnern?! „Reiche Mistkerle!“ seien das, die „Aasgeier-Mäzenatentum“ praktizierten, tobten Mitglieder der unteren 99,999 Prozent in sozialen Medien.

Natürlich sind die einzelnen Anwürfe blödsinnig. In einem kapitalistischen System gibt es notgedrungen sehr reiche Leute. Vermögens-, Erbschafts- und Reichensteuern schaffen mehr Gerechtigkeit, ändern aber nichts an der Tatsache, dass manche sehr viel mehr besitzen als andere – außer die Steuern sind so hoch, dass die Vermögen de facto zur Gänze eingezogen werden, aber dann ist es kein kapitalistisches System mehr.

Eine Gesellschaft schadet sich selbst, wenn sie Reichtum verteufelt.

Dass Superreiche für Notre-Dame spenden anstatt für etwas anderes, ist ein Einwand, der gleichermaßen für Kleinspender gilt. Auch jemand, der zehn Euro zum Wiederaufbau beiträgt, müsste sich rechtfertigen, weshalb er diese zehn Euro nicht für Obdachlose, Klimaschutzmaßnahmen oder andere wohltätige Zwecke vergibt. Und schließlich war es Staatspräsident Emmanuel Macron, der die Bevölkerung zum Spenden aufgerufen hat. Hätten die Superreichen gar nicht reagiert oder nur kleinere Summen zugesagt, hätten sie dann richtiger gehandelt? Wohl kaum. Außerdem kann der Staat, wenn er viel an Spenden einnimmt, sein dadurch entlastetes Budget anderen wohltätigen Zwecken widmen.

Wahr ist: Völlig egal, was Reiche tun, sie ziehen Unmut auf sich. Zu geringe oder gar fehlende Vermögenssteuern sind in manchen Ländern ein berechtigter politischer Kritikpunkt. Allerdings führt diese Unzufriedenheit zu irrationalen Reaktionen. So werden Superreiche pauschal als schlechtere Menschen angesehen. In einer Umfrage der Institute Ipsos/Mori und Allensbach (4500 Befragte in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und USA) wird den Reichen von der Hälfte der Befragten bescheinigt, „gierig“ und „rücksichtslos“ zu sein, 62 Prozent beurteilen sie als „egoistisch“. Merke: Mitgliedern einer sozioökonomisch definierten Gruppe negative Charaktereigenschaften zuzuschreiben, ist selten eine geglückte Übung, „faule Arbeitslose“ dienen als lehrreiches Beispiel.

Da die Superreichen automatisch superprivilegiert sind, brauchen sie keine Verteidiger. Allerdings schadet sich eine Gesellschaft selbst, wenn sie Reichtum verteufelt und sich der Vorteile beraubt, die Superreiche mit sich bringen. Die da wären: Investitionen, Unternehmertum in großem Maßstab, karitative Wohltaten und – hoffentlich – hohes Steueraufkommen.

Und ja doch, Reiche können auch gute Vorbilder abgeben: wenn Microsoft-Gründer Bill Gates mit seiner Ehefrau Melinda eine Stiftung gründet, die über 29 Milliarden Dollar verfügt und dem Kampf gegen Malaria und andere übertragbare Krankheiten gewidmet ist; oder wenn George Soros sein Vermögen dafür verwendet, um Demokratie in Ländern zu fördern, wo sie unterentwickelt ist; und auch wenn reiche Familien wie die Arnaults, die Pinaults, die Bettencourts und andere ziemlich viel Geld für Notre-Dame de Paris lockermachen, weil sie damit zeigen, wie wichtig ihnen dieses Kulturgut ist.

Man kann ja ein Schild an der Außenmauer anbringen, auf dem steht: „Die Restaurierung dieser Kathedrale wurde unter anderem mit dem Geld folgender gieriger, rücksichtsloser und egoistischer Aasgeier finanziert …“

[email protected] Twitter: @robtreichler

Robert   Treichler

Robert Treichler

Ressortleitung Ausland, stellvertretender Chefredakteur