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profil-Morgenpost
06/30/2022

Antisemitismus, Rassismus, Sexismus: Bilden wir Bewusstsein!

Ein Skandal nach dem anderen erschüttert die Kulturszene. Die Keulen, die dabei zum Einsatz kommen, besitzen große Schlagkraft.

von Stefan Grissemann

Im Kulturbetrieb herrscht Kampfstimmung. Eine neue politische Unruhe und ein Klima der Empörung sind festzustellen, die einen eklatanten Mangel an Respekt beklagen und auf Bewusstseinsbildung zielen. Die erst vor 12 Tagen eröffnete 15. Ausgabe der Kasseler Weltkunstschau Documenta hat sich, nach Wochen des Misstrauens gegen die ideologischen Stoßrichtungen des indonesischen Kollektivs Ruangrupa, in den vergangenen Tagen zu einem Fiasko entwickelt. Die zu späte Entdeckung antisemitischer Karikaturen in dem zentral gesetzten, acht mal zwölf Meter großen Wimmelbild namens (ausgerechnet) „People’s Justice“, das die indonesische Künstlergruppe Taring Padi angefertigt hatte, führte dazu, dass dieses monumentale Werk erst prominent ausgestellt, dann verhüllt und schließlich abgebaut wurde. Seither wird international erbittert darüber diskutiert, wie es zu diesem größten anzunehmenden Unfall in der bald 70-jährigen Geschichte der Documenta kommen konnte, zumal die Leitungsgruppe sich bereits im Vorfeld wegen ihrer Nähe zu BDS-affinen Kunstschaffenden rechtfertigen musste. BDS steht für „Boycott, Divestment and Sanctions“, für eine globale politische Kampagne, die dafür eintritt, den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch zu ächten.

Während man noch argumentieren kann, dass auch die heftigste Israel-Kritik mit Antisemitismus nicht gleichzusetzen sei, sind die inkriminierten Motive in dem apokalyptischen Documenta-Ausstellungsstück, das sich eigentlich mit der traumatischen indonesischen Gewaltgeschichte befasst, zweifellos Ausdruck eines tief sitzenden Judenhasses: Eine Figur mit Schweinsgesicht trägt da nicht nur einen Helm mit der Aufschrift „Mossad“, sondern auch einen Davidstern, während eine zweite, verschlagen dreinblickende Gestalt, die als orthodoxer Jude zu erkennen ist, eine Reihe gefährlich spitzer Zähne besitzt – und einen Hut mit SS-Runen auf ihrem Kopf sitzen hat. Man habe diese Details leider nicht rechtzeitig erkannt, heißt es nun entschuldigend aus der Chefetage der Documenta, daher Konsequenzen gezogen. „Tatsache ist, dass wir es versäumt haben, die Darstellung, die klassische antisemitische Stereotype transportiert, in der Arbeit zu erkennen. Das war unser Fehler. Wir entschuldigen uns für die Enttäuschung, Scham, Frustration und das Entsetzen, die diese Stereotype (...) auslösten. Wir entschuldigen uns auch für den Schmerz und die Angst bei allen, die (...) uns in den vergangenen Monaten (...) gegen ungerechtfertigte Vorwürfe und Anschuldigungen verteidigt haben.“ Man gelobt, naturgemäß, Besserung. „Wir nutzen den Anlass, um uns über die grausame Geschichte des Antisemitismus weiterzubilden und sind schockiert, dass diese Darstellung in das betreffende Werk Eingang gefunden hat.“ Aber: Die documenta fifteen sei „so viel mehr“ als nur dieses eine Werk. Man stehe „für offene, ehrliche Gespräche und kollektives Lernen bereit“. Zu spät.

Ein Skandal, wie er sich im Rahmen der Documenta gerade vor den Augen einer globalen Öffentlichkeit in allem Grauen entfaltet, hat sich Anfang Mai – unter inhaltlich gänzlich anderen Vorzeichen, aber strukturell nicht unähnlich – auch beim Donaufestival in Krems ereignet. Am letzten Tag der Veranstaltung sah sich Intendant Thomas Edlinger mit dem unerwarteten Vorwurf konfrontiert, rassistische Inhalte zu propagieren und eine „toxische“ Veranstaltung auszurichten; dies kam auch deshalb unerwartet, weil gerade das Donaufestival seit Jahren das wohl diverseste, mit weiblichen Acts und people of color besonders vielfältig besetzte Line-Up im österreichischen Kunstfestivalbetrieb bietet. Aber Edlinger war ein folgenschwerer Fehler unterlaufen: Im hinteren Teil des Donaufestival-Readers, einem das heurige Leitmotiv der „kulturellen Aneignung und Gegenaneignung“ vertiefenden Katalog, fand sich ein Essay des Münchner Pop-Journalisten Karl Bruckmaier, der in provokanter Sprache die „Ehrenrettung“ einer „unverschuldet in Not geratenen Kulturtechnik“ versucht – nämlich jener des Blackfacing, also des Schwärzens weißer Gesichter zum Zweck der karikierenden Darstellung schwarzer Menschen. Diese „Kulturtechnik“ hält Bruckmaier allen Ernstes für „emanzipatorisch“, denn wir alle seien doch „irgendwie black“. Dieser, um es höflich zu formulieren, etwas zu kurz gedachte Text wurde zu Recht gebrandmarkt, und Edlinger sah sich gezwungen, seinen Fehler einzugestehen, sich zu entschuldigen, den Reader online um Bruckmaiers Einlassungen zu kürzen und einen „institutionellen Lernprozess“ einzuleiten.

Im Visier: das ganze vergiftete System

Und nun erschüttert auch noch ein Sexismus-Eklat die Filmbranche. Die Regisseurin Katharina Mückstein brachte den Stein am 18. Juni mit einem lakonischen Instagram-Posting ins Rollen: Ein Täter werde heute Abend auf der Bühne stehen und bejubelt werden, schrieb sie, und wies damit offenbar auf einen – aus rechtlichen Gründen auch bei ihr – namenlos bleibenden Mitwirkenden an einer künstlerischen Produktion hin, der sexueller Übergriffe beschuldigt werde. Mückstein hatte aber nicht lediglich diesen einen Fall im Visier, sondern das ganze vergiftete System: In der hiesigen Filmszene finden Machtmissbrauch, Grenzüberschreitung und Belästigung offenbar immer noch in großem Stil statt. Mit fünf Jahren Verspätung hat #MeToo nun auch Österreich erreicht. Denn Mücksteins offene Schilderungen ihrer eigenen Sexismus-Erfahrungen, unter anderem an der Wiener Filmakademie, beantworteten Hunderte Frauen mit niederschmetternden Erlebnisberichten aus der Branche. Einige davon, natürlich anonymisiert, veröffentlichte Mückstein auf ihrem Instagram-Konto. Seither hat sich der mediale Aufschrei gegen den ganz alltäglichen Frauenhass zu einem regelrechten Orkan entwickelt.

Heute Abend wird die Debatte vermutlich in ihre nächste Runde gehen: Die diesjährige Gala zur Verleihung der Österreichischen Filmpreise wird um den Elefanten im Raum kaum herum kommen. Inwiefern sich das lauschige Grafenegg zur Kampfzone ausweiten wird, steht zwar zur Stunde noch nicht fest, aber deutliche Worte, denen Taten folgen könnten, sind zu erwarten. Im kommenden profil werden Sie mehr zu dieser Causa lesen können.

Einen kämpferischen Donnerstag wünscht Ihnen

Stefan Grissemann