Sophie Passmann

© Audible GmbH/ Laura Schaeffer

Kultur
06/22/2022

„Warum zur Hölle sollte irgendjemand mein authentisches Ich sehen wollen?“

Ein Gespräch mit Sophie Passmann (28) über Emanzipation, alte weiße Männer und die Abgründe des Internets.

von Stefan Grissemann

Im Internet kenne sie sich bestens aus, sagt Sophie Passmann lakonisch, sie sei ja oft genug drin. Dabei startete sie ihre Karriere recht analog: Als Slam-Poetin erregte sie schon mit 15 Aufmerksamkeit, mit 18 stieg sie als Moderatorin im Radio ein. Sie wurde Kolumnistin, mit 20 veröffentlichte sie ihr erstes Buch, schrieb für Jan Böhmermanns „Magazin Royale“. Inzwischen, mit 28, ist sie aus dem deutschsprachigen Feuilleton und aus den sozialen Medien nicht mehr wegzudenken. Instagram ist ihr Primärkanal, aber auch auf TikTok ist sie präsent, mit eigenwilligen Lipsync-Videos. Das Internet sei „komplex, rührend doof und lustig“ zugleich, meint sie. Auch deshalb startet Passmann gemeinsam mit ihrem kongenial schlagfertigen Co-Moderator Simon Dömer nun einen Podcast, den sie „Quelle: Internet“ genannt hat. Am 24. Juni wird Folge eins online gehen, abzurufen exklusiv über Audible. 

Die Themen für die ersten Episoden ihres Podcasts sind gut abgehangen: Es wird um die „Free Britney“-Bewegung gehen, die deutsche „Flutwein“-Kampagne nach der Hochwasserkatastrophe im Herbst 2021, das Netz-Phänomen „Grumpy Cat“ (eine besonders mürrisch aussehende Katze, die seit 2013 eine Millionengefolgschaft mobilisierte) sowie um „Techno Viking“, den anonymen Star eines über 20 Jahre alten Videos, das ein unerwartetes Nachleben (und Nachbeben) im Internet hatte. Übrigens wählt nicht Passmann die zu debattierende Materie aus, sondern ihre Redaktion. („Sonst hätte meine sehr klar definierte Filterblase zu viel Raum beansprucht.“) Passmann wird, während der Podcast läuft, erst mit dem jeweiligen Thema konfrontiert. Das sollte ja „kein Bildungsprogramm über soziale Netzwerke werden“, betont sie noch, sondern etwas Lebendiges, Improvisiertes.

profil: Der Podcast, den Sie dieser Tage vorstellen, soll also „Quelle: Internet“ heißen und von Online-Phänomenen handeln. Nun ist das Netz ja keine ganz neue Erfindung. Was planen Sie da?
Sophie Passmann: Ich glaube, dass ein solcher Podcast tatsächlich erst jetzt funktionieren kann, da wir auf ein paar Jahrzehnte Internet, Online-Foren und soziale Netzwerke zurückblicken können. Wir wollen uns in jeder Folge mit einem bestimmten Internet-Aufreger auseinandersetzen, vor allem aber mit den Menschen dahinter, nicht mit der gesellschaftspolitischen Struktur sozialer Medien. Menschen stellen Dinge ins Netz, andere reagieren darauf – so entstehen Viralvideos, Memes, Hashtags und politischer Aktivismus. Es geht mir aber nicht darum, nachzuerzählen, wer was getwittert hat, wie das Onlinemedien manchmal tun, eher darum, die großen Themen dahinter zu finden. Es gibt all diese Phänomene, die wir auf unseren Tablets und Handys registrieren, und jeder hat 24 Stunden Zeit, dazu einen guten Gedanken zu finden und rauszublasen. Und dann ist das Thema nach drei Tagen durch. Letztes Jahr schrieb ich fürs Feuilleton der „Zeit“ einen Text über ein Twitterphänomen; ich gab ihn am Freitag ab, am Montag wurde er rausgeschmissen, weil das Thema vermeintlich nicht mehr relevant war. Wir wollen Ereignisse aufs Korn nehmen, die schon ein bisschen im Internet rumliegen, um die dann in Ruhe zu diskutieren: Warum bewegt oder ärgert ein Thema die Menschen? Welche weiterführenden Fragen kann man dazu finden? Es geht darum, den sozialen Medien mit ein bisschen Schlauheit zu begegnen.

profil: Kann man aus Netz-Hypes fürs analoge Leben lernen? Social Media machen doch in der Regel bloß abhängig und stehlen Zeit. 
Passmann: Es gibt Netzwerke, die mich auch nicht mehr interessieren, Facebook etwa. Wenn ich mich da durchscrolle, merke ich: Nichts davon bereichert mich, ich ärgere mich nicht einmal mehr. Twitter schafft es an guten Tagen noch, mich aufzubringen, und Wut kann ein sehr produktives Gefühl sein. Aber ich spüre in den letzten Monaten auch einen großen Twitter-Frust. Alle haben ihre Rollen gefunden, die einfach durchgespielt werden. Diese Freund-Feind-Fronten sind zu banal.

In der direkten Begegnung wirkt Sophie Passmann, die im Netz meist mit quirliger Komik agiert, überraschend geradlinig, fast sachlich, nicht besonders um Pointen bemüht. Ihre Konversationsgeschwindigkeit ist allerdings hoch; sie scheint gleichsam ungeschützt zu sprechen und keine Zeit zu brauchen, um ihre Gedanken abzusichern. Ihre Texte halten dieses Tempo: In ihrem jüngsten Buch, in „Komplett Gänsehaut“, entfesselt sie einen Gedanken- und Bewusstseinsstrom, in dem es kaum Punkte gibt und eher Beistriche den Rhythmus vorgeben. Sophie Passmanns Denken ist ein hochbeschleunigender Flow. „Reden wir über die komplexeren Zusammenhänge hinter Hashtags, über die Geschichten der Menschen hinter und um Shitstorms“, schickt Sophie Passmann ihrem Podcast voraus – und die Frage: „Wieso tun wir uns das Internet eigentlich an?“ Aber sind die Zusammenhänge im Netz wirklich so komplex? Ist das nicht meist nur eine simple Verkettung aus Selbstunterbietung, Fremdscham, Voyeurismus und Profit?

profil: These: Das Internet ist kein Netz, sondern ein Abgrund; es fängt einen nicht auf, sondern lässt einen fallen – in Hass, Sucht oder Stumpfsinn. Ist Ihnen das zu kulturpessimistisch formuliert? 
Passmann: Ich habe ein großes Faible für Kulturpessimismus, aber nur, wenn es am Ende halbwegs menschenfreundlich zugeht. Die Architektur sozialer Netzwerke hat nicht uns Menschen im Sinn, will uns nur möglichst lange auf den Plattformen halten. Und das gelingt leider nicht mit faszinierenden Longreads aus dem „New Yorker“, sondern mit Aussagen wie „Wer einen SUV fährt, ist ein Nazi“. In diesen Netzwerken werden Aussagen belohnt, die möglichst wenig Graustufen haben. Was dümmer, lauter, schneller ist, hat Vorrang. Das ist eher Abgrund als Netz, stimmt. Aber im analogen Leben ist das auch nicht anders. 
Allerdings wurde die analoge Welt nicht von vier Konzernen so gebaut, dass wir darin möglichst schnell abstürzen sollen. Man kann sich mit ein bisschen Resilienz auch in Social Media so bewegen, dass sie bereichernd wirken. 

profil: Die Evolution der Online-Welt scheint, wenn es nach dem Willen der Tech-Konzerne geht, auf eine Komplettübernahme des vormals analogen Lebens zuzulaufen. Halten Sie Mark Zuckerbergs Metaverse-Pläne für realistisch? 
Passmann: Ich war ein Kind, als mein Vater unseren ersten Internetanschluss installiert hat. Damals war man, wenn man „online ging“, sehr aktiv, das war noch eine Handlung! Das Digitale wuchs aber bald schon zu einer Parallelexistenz heran. Meine Generation – die Digital Natives – hat das perfektioniert, bei uns gab es den Akt des „Onlinegehens“ schon früh nicht mehr. Wir hatten mit 14 oder 15 die ersten Smartphones, und alles wurde digitaler. Wenn also eine Generation nicht begreift, warum es nötig sein sollte, eine digitale Parallelwelt zu erschaffen, dann meine. Denn es gibt den Akt des Verlassens einer Welt und des Betretens einer anderen nicht mehr. Zuckerberg ist vermutlich nicht grundlos einer der reichsten Menschen der Welt, ich habe daher die Befürchtung, dass er sich mit seinem Metaverse etwas gedacht hat. Aber ich begreife es nicht, weil ich ohnehin nie das Gefühl habe, offline zu sein. Meine Hoffnung ist, dass Zuckerbergs Metaverse in ein paar Jahren nur noch ein Treppenwitz sein wird.

profil: Man wird darauf nostalgisch zurückblicken: So hat man sich damals unsere Zukunft vorgestellt.
Passmann: Erinnern Sie sich an das Computerspiel Second Life? Das wurde einst von den Tech-Jüngern gefeiert, die alles, was es an Innovationen im Internet gibt, als Verbesserung des Lebens der Menschheit hochjubeln, während die apokalyptischen Reiter der analogen Welt es mit derselben Intensität verdammten. Um 2007 konnte man den Eindruck gewinnen, Second Life sei eine Vorahnung des künftigen Lebens. Inzwischen weiß man nicht einmal mehr, ob es die Homepage noch gibt.

Als Podcasterin wird Passmann demnächst auch in der Fiktion auftreten, als Darstellerin in der Prime-Video-Serie „Damaged Goods“ nämlich (ab 11. Juli). Als Ikone der Millennials, als Influencerin ist sie längst etabliert. Ihre, wie sie selbst sagt, „nervig große Reichweite“ vor allem auf Instagram, wo 300.000 Follower ihre täglichen Ansagen, Kurzvideos und Mode-Selbstinszenierungen verfolgen, ist Teil der Passmann-Mania in Funk, Netz, Print & Fernsehen.

profil: Im Netz verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit bekanntlich ständig. Sind Ihre Selbstdarstellungen, sagen wir: auf Instagram, „authentisch“? Oder sehen Sie sich da als Schauspielerin, als Kunstfigur? 
Passmann: Ich halte den Wunsch nach Authentizität im Internet für absurd. Warum zur Hölle sollte irgendjemand mein authentisches Ich sehen wollen? Das ist nämlich, wie bei allen anderen auch, wahnsinnig uninteressant; es sitzt zu Hause, bestellt etwas zu essen, spielt PlayStation 4, hat schlechte Laune und fingert am Handy rum. Mein authentisches Ich hat kein Interesse daran, sich pointiert zur Weltlage zu äußern. Sophie Passmann auf Instagram ist natürlich eine Figur, deren charakterliche Spitzen und Tiefen überzeichnet sind. Ich bin aber auch keine Kunstfigur wie Kurt Krömer, der sich eine Brille schief aufsetzt, ein bisschen anders spricht, sich einen neuen Namen gibt. Ich bin sehr nah dran an dem Urschleim Sophie Passmann, der so im Leben rumliegt, aber es kommt noch das Handwerk dazu, die Dinge, die ich denke, so zu formulieren, dass sie im Netz funktionieren.

profil: Der Bewusstseinsstrom, der Ihr Buch „Komplett Gänsehaut“ durchdringt, ist doch auch „authentisch“ – es sind Ihre Ideen und Positionen. Es ist insofern nicht erfunden, als es nicht die Gedanken einer fiktiven anderen Figur sind.
Passmann: Stimmt, aber Gefühle hat erst mal jeder. Und auch wenn wir alle in dieser kognitiven Autoaggressionsschleife gefangen sind, in der Emotionen und Argumente gleichwertig behandelt werden: Ein Gefühl ist nicht interessant genug, Gedanken sind mehr Arbeit. Die Frage nach Authentizität stellt sich bei Menschen, die Bücher schreiben, nie. Wen interessiert denn, wie „authentisch“ mein Buch ist? 

profil: Ihre Popularität ist doch auch darauf zurückzuführen, dass die Leute annehmen, dass die Texte, die Sie produzieren, in hohem Maße Ihre persönlichen Ansichten sind.
Passmann: Ich mache da so eine spitzfindige Unterscheidung: Es ist nicht per se meine Persönlichkeit, die in meinen Texten ist; es ist nur ein Teil meiner Persönlichkeit: die Art, wie ich spreche, die Witze, die ich mache, die Themen, die mich beschäftigen, meine Leidenschaften. Man muss zwischen der rationalen und der emotionalen Ebene unterscheiden, auch wenn das im Diskurs immer mehr verwoben wird. Ich fühle mich verletzt, also ist das, was du gesagt hast, verletzend? Das stimmt nicht, auch wenn es im Netz unentwegt behauptet wird. Was ich denke, setzt sich zusammen aus dem, was ich gelesen und gelernt habe – und nur zu einem Teil daraus, was ich erlebt und gefühlt habe und wie mein Charakter angelegt ist. 

Als praktizierende Feministin im Netz ist Sophie Passmann regelmäßig Shitstorms und Hass-Postings ausgesetzt. Sogar auf Pasta-Rezepte, die sie online bereitstelle, reagierten manche User mit Geifer. Sie sei inzwischen regelrecht abgestumpft, was Todeswünsche und Vergewaltigungsdrohungen angehe, Angst habe sie nur vor Stalkern, vor Konsequenzen im echten Leben. Und ebenso oft, wie sie Gewaltzuschriften erhalte, werde sie in eine der einschlägigen Talkshows eingeladen, um über „Hass im Netz“ zu sprechen. Es gebe aber keinen Hass im Netz, „es gibt nur Hass“, erklärt sie. Das Dasein als Troll halte sie übrigens  für „eine Art Autoaggression“.

profil: Für den Feminismus hat das Netz, von #MeToo einmal abgesehen, eher wenig getan: Die Zahl der  Femizide steigt, und man stellt kaum Bewegung in der Geschlechterungerechtigkeit fest.
Passmann: Man kann Analoges nicht im Digitalen lösen. Schuld an den Femiziden tragen ja nicht Online-Foren, sondern die Frauenmörder. Man darf nicht den Fehler machen, dem Feminismus die Überaufgabe anzuvertrauen, ein System zu ändern, und dann jede Methode, die einem nicht gefällt, als Beweis dafür zu benutzen, dass der Feminismus gescheitert sei. Es gibt Methoden, die auch unter Feministinnen vehement diskutiert werden, das weiß ich sehr genau, da ich selbst eine Methode verfolge, die gerade unter akademisch-intersektionalen Kolleginnen heftig kritisiert wird: Ich glaube an die popkulturelle Durchdringung, an eine Niederschwelligkeit des Feminismus, nur so wird er weithin vermittelbar. In der digitalen Welt werden keine Gesetze verändert, dafür kann man den Leuten dort alternative Ideen vorstellen, indem man etwa das Mittel des Humors wählt. Die strukturellen, eigentlichen Probleme wird aber nicht der Online-Feminismus bekämpfen, das werden Frauen tun, die mühsame Arbeit mit den Akten leisten. Die verkaufen nur keine Bücher und haben selten Twitter-Accounts. Es sollte unsere Aufgabe sein, diese Frauen in ihrer Arbeit unterstützen. 

profil: Wir befinden uns in einer Phase, in der feministisches Bewusstsein geschaffen wird, neue Grenzen und Regeln gesetzt werden. Das führt zuerst einmal zu einer Intensivierung des Hasses, weil die Macht nach Jahrtausenden des Patriarchats nicht einfach so abgegeben wird. 
Passmann: Man muss sich über die Methoden Gedanken machen, mit denen man das Patriarchat abschaffen will. Das klingt so nach Fackelzug durch die Innenstadt, dabei ist es ein sehr langsamer, im Grunde langweiliger Prozess an vielen Fronten. Es gibt den Hass der wütenden Männer, die anonym feministische Posts kommentieren. Er führt dazu, dass Frauen Angst kriegen, sich überhaupt zu äußern. Ich kann das verstehen, ich habe zwischendurch auch Angst um mich und meine Familie. Wenn man ergründen will, wie man die Räume verändern kann, muss man darüber sprechen, wie Eliten miteinander verhandeln. Die Verantwortung für einen Diskurs, gerade im Feminismus, wird auf ganz wenige, sehr populäre Schultern verteilt. Statt über die Sache selbst zu sprechen, etwa mit einer Wissenschafterin oder jemandem, der ein Sachbuch zum Thema geschrieben hat, gibt es eine unstillbare massenmediale Lust daran, wieder eine „freche“ Feministin so zu interviewen, dass sie am Ende sagt, natürlich müsse gegendert werden. Dann packt man „Natürlich muss gegendert werden!“ in die Überschrift, und dann kann man vier Tage lang dabei zusehen, wie all jene, die das nicht richtig finden, sich entrüsten. Das ist langfristig nicht produktiv. Damit werden wir nicht weiterkommen.

profil: Statt dessen hat die Etablierung einer neuen Gegenschmähung stattgefunden: In „Alte weiße Männer – ein Schlichtungsversuch“ umkreisen Sie den leidigen Begriff differenziert. Er ist sehr unscharf; niemand würde auf die Idee kommen, etwa Alexander Kluge oder Neil Young als „alte weiße Männer“ zu bezeichnen, weil der Begriff eben nicht so sehr Alter und Gesichtsfarbe meint als vielmehr Intoleranz, Chauvinismus, Elitendenken und Privilegienreiterei. 
Passmann: Absolut. Vor allem der Begriff der Eliten ist hier entscheidend. Ich glaube, dass der „alte weiße Mann“ immer mit einer Machtdimension einhergeht. Niemand würde sagen, dass der 65-jährige Bauarbeiter, der mir hinterherpfeift, ein alter weißer Mann wäre. Denn es geht um Macht- und Kapitalanhäufung, der Arbeiter dagegen ist ein Systemverlierer. Es gibt alte weiße Männer nur in der Elite. Wenn ich mir Pressebilder von Treffen der Jungen Union anschaue, sehe ich da mehr alte weiße Männer als bei den Grünen, wo strickende Herren über 70 in der ersten Reihe sitzen. 

profil: Der junge Feminismus erscheint dem Dogmatismus etwa Alice Schwarzers inzwischen fern. Pornografie, Sexarbeit und Kopftuch muss man nicht mehr rückhaltlos ablehnen, oder?
Passmann: Der Befund, Alice Schwarzer stehe für eine ganze Generation von Feministinnen, ist nicht richtig. Sie hat schon in den 1970er- und 1980er-Jahren eine andere Spielart vertreten als weite Teile der feministischen Basis. Schwarzers Feminismus war stets eher konservativ, während die Grünen und die linken Politikerinnen der Bonner Republik überhaupt keinen Wert darauf   legten, als lieb zu gelten oder von den Männern gemocht zu werden. Natürlich üben junge Feministinnen heute oft scharfe Kritik an Schwarzer, aber es gibt große Verehrung und Solidarität mit anderen feministischen Figuren aus dem 20. Jahrhundert. Jung und alt finde ich auch hier eine eher uninteressante Kategorie. 

profil: Sie sind zwischen Entertainment, Intervention und Politik aktiv. Verstehen Sie sich als Kämpferin, als soziale Aktivistin?
Passmann: Nein. 

profil: Wieso nicht? Sie bewegen doch vieles.
Passmann: Was denn? Ich beeinflusse vielleicht, aber das ist für mich kein Aktivismus. Ich nehme dieses Wort sehr ernst, weil es wichtig ist, um Bottom-up-Bewegungen nach vorne zu bringen. Aktivistinnen wollen am Ende strukturell verändern. 

profil: Das wollen Sie doch auch.
Passmann: Ja, aber meine Arbeit läuft nicht primär darauf hin. Ich habe politische Bildung und eine Meinung, die ich gerne äußere. Weil ich es richtig finde, mich für bestimmte Ideen einzusetzen. Aber ich bin Unterhalterin, die in der Öffentlichkeit bisweilen verwirrt, weil diese von der Idee überfordert ist, dass junge Frauen politisch gebildeter und interessierter sein können, als man sich das wünscht oder erwartet. 

profil: Sie sind seit Langem Mitglied der SPD.
Passmann: Das stimmt.

profil: Wie geht es Ihnen damit? Sind Sie Scholz-Fan?
Passmann: Ha!

profil: Der ja seinerseits lange  ein großer Schröder-Fan war. Auch eine inzwischen schwierige Position.
Passmann: Ich trat in die SPD ein, weil ich das Konzept der Sozialdemokratie fantastisch finde: die Idee der Solidarität, die antifaschistische Geschichte der Partei. Darüber hinaus habe ich ein großes Problem mit den verschiedenen Lagern und Klüngeln und den übermächtigen Männern aus Niedersachsen, damit, wie in der SPD Posten vergeben werden – und wie auch diese Partei leider undurchlässig ist gegen schnelle Veränderung. Hätte ich damals, als ich das Parteibuch annahm, gewusst, dass ich irgendwann in der Öffentlichkeit stehen werde und in jedem zweiten Interview erklären müsste, warum ich in der SPD bin, ich hätte vielleicht anders entschieden. Ich stehe mit schwammigem Gefühl hinter der SPD-Spitze. Zugleich stehe ich geschlossen hinter der Idee der Sozialdemokratie in all den Dingen, die sie erkämpft hat. An dieser Stelle liebe Grüße an 12 Euro Mindestlohn in Deutschland und Österreich.