Morgenpost

Hauptsache Deutschland verliert

Keine Niederlage freut Österreich so sehr wie eine deutsche Niederlage. Ein Erklärungsversuch, warum wir uns mit „den Piefkes“ einfach nicht verstehen wollen.
Eva  Sager

Von Eva Sager

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Man muss sich gar nicht für Fußball interessieren, um gut zu finden, wenn Deutschland verliert. Das habe ich vorgestern im Selbstversuch recht schnell festgestellt; zuerst waren da nur „die Roten”, „die Weißen” und meine Hoffnung, schleunigst einen Senderwechsel zu erzwingen. Doch auf einmal habe ich jedem deutschen Spieler anhaltslos ein Abseits unterstellt und Dinge gesagt wie: „Ja, die kämpfen einfach nicht so wie wir.” Aus irgendeinem Grund macht es etwas mit uns, wenn wir ausnahmsweise einmal besser sein dürfen als unsere Nachbarn. Der ehemalige profil-Chefredakteur Herbert Lackner schrieb dazu treffend: „Die Österreicher können mit den Deutschen ganz gut, wenn es denen einmal nicht so prima geht.” 

Und „nicht so prima” beschreibt die Lage Deutschlands vergangenen Dienstagabend ganz gut. Im Freundschaftsspiel unterlag man Österreich mit 0:2, rote Karte inklusive. „‚So im Oarsch’: Wie das Land, so die Nationalelf” titelte Der Spiegel auf Instagram. „Österreich hat verdient gegen Deutschland gewonnen! Es ist leider die Wahrheit”, twitterte Tennis-Legende Boris Becker. Die deutschen Sport-Instanzen bestätigten, was sich im Ernst-Happel-Stadion alle dachten: Die Ösis waren besser; die Freude hierzulande dementsprechend groß, man beschwor Córdoba, sah sich schon im EM-Halbfinale. 

Nun gibt es diese schwierige Beziehung zu Deutschland nicht nur im Sport. Auch beim „Eurovision Song Contest” herrscht beinahe jährlich internationale Schadenfreude, wenn „Germany“ (wieder einmal) am letzten Platz herumlungert. Oder ganz generell, ob beim Autofahren, am Sessellift, im Urlaub, über die Deutschen schimpfen die Österreicherinnen und Österreicher einfach am liebsten. 

Dahinter liegt das Gefühl, die eigene Rolle vor allem über Deutschland definieren zu müssen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Bedürfnis, sich von Deutschland und der NS-Zeit abzugrenzen, in Österreich besonders stark. Der weitverbreitete Opfermythos, also das kollektive Verleugnen und Verdrängen der österreichischen Mittäterschaft im Nationalsozialismus - bestärkte das. In einem Interview mit der „Augsburger Allgemeine” sagte der Wissenschafter Thomas Köllen: „Es gehörte zur Staatsräson, die Verbindungslinien zu kappen.” Bei jüngeren Generationen sei das nun aber dementsprechend weniger der Fall. 

Vielleicht heißt es in naher Zukunft also bald nicht mehr: „Hauptsache Deutschland verliert!” Als Tirolerin und Fußball-Neuling wage ich das allerdings zu bezweifeln.

 

Eva  Sager

Eva Sager

schreibt über Popkultur, Gesellschaft und Gegenwart.