Gisela Kurath: Die vierfache Mutter ist selbst betroffen und gründete eine Betreuungshilfe
Morgenpost

Kontaktabbruch in Familien: Die Eltern ghosten

Funkstille zwischen Kindern und Eltern kommt weit häufiger vor, als besonders letztere zuzugeben bereit sind. Betreibende sind in der Regel die Kinder. Der Fachterminus des Phänomens heißt „Entelterung”.

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Kriege, Klima, Finanzkrise, ein Mittelstand im Sinkflug: Die Bilanz des Jahres 2023 lautet (sollte man an Astrologie glauben, was natürlich niemand zugeben würde) Jupiter im Koma, Saturn in gnadenloser Prüferlaune, Familienstand: erledigt. Doch sämtliche äußere Katastrophen und Tragödien schrumpfen in die Nichtigkeit, wenn man mit einem „privaten Weltereignis” (Alfred Polgar) wie einer Leerstelle innerhalb der Familie konfrontiert ist, was viel häufiger vorkommt, als besonders Eltern zuzugeben bereit sind. In jener Jahreszeit, wo ständig die Idyllenmaschine in Werbespots und dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen am Rotieren gehalten wird, ist das dann natürlich besonders schmerzhaft. Denn ein Kinder oder auch Kinder, die ihrer Herkunftsfamilie den Rücken zugedreht haben, werden von vielen Eltern als eigenes Versagen empfunden und ist dementsprechend mit Schamgefühl besetzt. Wenn das die Nachbarn wüssten! Der Satz, der bei allen ins Off versetzten Interviewpartner:innen für die profil-Geschichte „Familie offline” fiel: „Ich bin so froh, dass ich nicht allein mit meiner Geschichte bin und es anderen ähnlich ergeht.” Anmerkung Nummer zwei mit dem größten Häufigkeitsmerkmal: „Ich weiß wirklich nicht, warum er/sie nicht auf meine Signale reagiert.” Die Rat- und Ahnungslosigkeit ist das Produkt einer Verdrängungs- und Wegschweigens-Kultur, die vor allem die vom Zweiten Weltkrieg traumatisierten Eltern und Großeltern (oft über Generationen) in das Familienbiotop verschleppen und verschleppt haben. Der Satz, den sich abwendende oder bereits verlorene Söhne oder Töchter in profil-Gesprächen am häufigsten als Erklärung benutzten: „Es geht mir einfach besser, wenn ich meine Eltern/Mutter/meinen Vater nicht sehe.” Ständige Abwertung, emotionale Kälte, Vorwurfs-Endlosschleifen, mangelnde Empathie sind die Faktoren, die Kinder am häufigsten zum Ghosting bewogen haben.

Während in Deutschland immer mehr Selbsthilfegruppen von „verlassenen” Eltern gegründet werden, existiert in Österreich nur eine in Graz, ins Leben gerufen von der selbst betroffenen Gisela Kurath, ihres Zeichens psychosoziale Traumaberaterin. Vor mehr als einem Jahrzehnt hatte die ehemalige Gastronomin und vierfache Mutter nach einem Erschöpfungs-Zusammenbruch die Familie verlassen und muss seither mit einem Kommunikationsembargo ihrer zwei Töchter leben, während mit den Söhnen inzwischen eine so langsame, wie vorsichtige Annäherung statt findet: „Eine Funkstille ist zu respektieren, die Kinder sollen entscheiden, wann sie wieder aufgehoben werden soll. Ich habe mich entschieden zu lassen ... Das macht sehr ruhig.”

Sorgen dieser Art scheinen angesichts der Tragödien, die viele Angehörige der Hamas-Geiseln in Israel zur Zeit durch machen, von geringer Bedeutung. Ich darf an dieser Stelle noch einmal auf die herausragende journalistische Leistung von Franziska Tschinderle hinweisen, die die Familie der schwangeren Anwältin Shaked Haran, die wie durch ein Wunder an jenem schwarzen Samstag, dem 7. Oktober, nicht zu einem Familienessen ihrer Mutter in den Kibbuz gefahren war, traf, mit vielen Angehörigen und Freunden der Familie telefonierte, sprach und korrespondierte und so dem unvorstellbaren Grauen des 7. Oktobers Gesichter gab. Sieben Menschen aus drei Generationen ihres nächsten familiären Umfeld wurden verschleppt, drei getötet. Shaked Haran ist auf dem Titelblatt der aktuellen profil-Ausgabe zu sehen. Sie ist Teil einer Tragödie, deren Auswirkungen inzwischen die gesamte Welt polarisiert und – so grausam wie paradox – eine Welle von Antisemitismus los getreten hat. Inzwischen konnten vier Frauen und zwei Kinder dieser Familie wieder heimkehren. Wohl behalten ist da der falsche Begriff, es sind alle Schatten ihrer selbst. Das Glück wird getrübt durch die Tatsache, dass noch immer einer fehlt und drei mit Sicherheit nie wieder kommen werden.

Angelika   Hager

Angelika Hager

leitet das Gesellschafts-Ressort