Morgenpost

Kurz und Putin: „Russische Dienstage“

Als sich der Kreml-Chef persönlich vom österreichischen Bundeskanzler die Fortsetzung einer bestimmten Konzertreihe in Linz wünschte. Und warum das wohl nicht nur mit Liebe zur Musik zu tun hatte.

Drucken

Schriftgröße

Ein österreichischer Bundeskanzler trifft nicht alle Tage den mächtigen Kreml-Chef. Das galt auch schon vor dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022. Naturgemäß konferiert jemand wie Wladimir Putin bevorzugt mit Staaten, die eher auf der eigenen machtpolitischen Augenhöhe schweben: die USA, China und Deutschland zum Beispiel. Umso gewichtiger wirkte ein sogenannter „Arbeitsbesuch“ des damaligen Regierungschefs Sebastian Kurz (ÖVP) bei Wladimir Putin in Moskau im Februar 2018. Wer glaubt, dass dabei nur über die ganz große Weltpolitik gesprochen wurde, irrt jedoch. Wie sehr auch Putin bei bestimmten Anliegen ins Detail gehen kann, zeigen vertrauliche Unterlagen, die profil vorliegen.

Insgesamt mehr als drei Stunden lang tauschten sich Kurz und Putin damals in unterschiedlichen Settings aus: „Gespräch im kleinen Kreis, Vieraugengespräch, Arbeitsmittagessen“. So steht es in einer von der österreichischen Botschaft in Moskau erstellten internen Zusammenfassung. Naturgemäß ging es bei dem Treffen insbesondere um den Bau der Pipeline „North Stream II“, die Russland ein großes Anliegen war, und bei deren Finanzierung die österreichische OMV eine große Rolle spielte – die Wochenzeitung „Falter“ berichtete zuletzt über ein weiteres Putin-Kurz-Gespräch, bei dem es ebenfalls um dieses Thema ging. Darüber hinaus stand der Bürgerkrieg in Syrien auf der Agenda. Und man sprach über die Sanktionen, welche die EU nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 verhängt hatte. So weit, so wenig überraschend.

Doch dann brannten Putin offenbar noch vier, fünf Detailthemen unter den Nägeln. Die meisten davon hatten zumindest im weiteren Sinne einen erkennbaren diplomatischen Hintergrund. Eines davon stach jedoch heraus: „Bitte um Fortführung der ‚russ. Dienstage‘ im Brucknerhaus“, notierte die österreichische Botschaft einen Wunsch des russischen Präsidenten an Kurz in ihrem sechsseitigen Protokoll des Treffens. Die „Russischen Dienstage“ waren damals bereits jahrelang fixer Bestandteil des Konzertprogramms im Linzer Brucknerhaus. Aber was hat eine allfällige Fortführung einer Reihe klassischer Konzerte in einem Gipfelgespräch zwischen dem mächtigen Kreml-Chef und dem österreichischen Bundeskanzler verloren?

Der Mann mit dem Cello

Dabei dürfte es wohl nicht nur um die Liebe zur Musik gegangen sein. Die „Russischen Dienstage“ beruhten auf einer Kooperation zwischen dem Brucknerhaus und dem „Haus der Musik“ in Sankt Petersburg. Dieses wiederum leitet der Musiker Sergei Roldugin, der auch persönlich in Linz mehrfach gastierte. Wirklich bekannt wurde Roldugin allerdings unter der Bezeichnung „Putins Cellist“. Er gilt nicht nur als persönlicher Freund des Kreml-Chefs und als Taufpate einer der Töchter Putins, sondern bewegte auch überraschend große Geldsummen.

Bereits 2016 wurde im Rahmen der sogenannten „Panama Papers“ des „International Consortium of Investigative Journalists“ und der „Süddeutschen Zeitung“ bekannt, dass rund zwei Milliarden US-Dollar durch Briefkastenfirmen geschleust worden waren, die mit Roldugin in Verbindung standen. Vor einem Jahr wurden in der Schweiz dann vier Banker erstinstanzlich wegen der Verletzung von Sorgfaltspflichten verurteilt. Es ging um Konten mit insgesamt rund 50 Millionen Franken, die Roldugin eröffnet hatte. Für das Gericht war klar, dass der Cellist selbst nicht der echte wirtschaftliche Berechtigte der Konten war. Wem das Geld tatsächlich gehörte, sei nicht feststellbar. Die Anklage hatte jedoch nahegelegt, Roldugin hätte möglicherweise als Putins Brieftasche fungiert.

Wandelnde Geldbörsen?

Das ist über den Fall Roldugin hinaus eine der zentralen Fragen in Bezug auf die Wirtschaftssanktionen gegen Russland sowie gegen Oligarchen und andere überraschend schnell reich gewordene Putin-Vertraute: Inwieweit handelt es sich bei den mit immensem Neureichtum gesegneten Personen lediglich um wandelnde Geldbörsen für den Kreml-Chef? Dass Putin Kurz um die Fortsetzung der russischen Konzertreihe in Linz bat, deutet jedenfalls darauf hin, dass das bis dato vermutete Naheverhältnis zum Cellisten tatsächlich sehr ausgeprägt und auch langanhaltend gewesen sein dürfte. Darüber hinaus zeigt sich, dass der russische Machthaber seine Freunde nicht vergisst, auch wenn diese offiziell selbst bereits über Millionen und Milliarden verfügen. Vielleicht gerade dann nicht.

Roldugin hat einst beteuert, das Offshore-Vermögen stamme aus Zuwendungen von Mäzenen und fließe ausschließlich in die Förderung von Nachwuchsmusikern im Haus der Musik in Sankt Petersburg. Gut möglich, dass einige dieser – angeblich so üppig geförderten – Talente auch in Linz gastierten. Dort fanden die „Russischen Dienstage“ erst mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 ein Ende. Das Brucknerhaus stoppte die Zusammenarbeit – acht Jahre nach der Annexion der Krim, sechs Jahre nach den „Panama Papers“ und vier Jahre nach dem Kurz-Putin-Gipfel in Moskau. Der fand übrigens an einem Mittwoch statt.

Signa-Gläuber stimmten zu

An einem Montag – nämlich gestern – war Lostag für die Signa Prime Selection AG und die Signa Development Selection AG. Die Gläubiger dieser beiden wichtigsten Immobilien-Sparten des in sich zusammenbröselnden Imperiums von René Benko stimmten mit der erforderlichen Mehrheit einer von den jeweiligen Sanierungsverwaltern vorgeschlagenen Lösung zu. Faktisch läuft diese darauf hinaus, dass das Vermögen der Gesellschaften zu Geld gemacht und an die Gläubiger verteilt wird

Wie konnte es so weit kommen? Wo ist René Benko? Und wo ist sein Geld? Diesen und weiteren Fragen widmet sich die erste Staffel des neuen profil-Investigativpodcasts „Nicht zu fassen“.

Stefan   Melichar

Stefan Melichar

ist Chefreporter bei profil. Der Investigativ- und Wirtschaftsjournalist ist Mitglied beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ).