© APA - Austria Presse Agentur

profil-Morgenpost
05/24/2022

Der Mensch ist müde

Von Ignoranz, Netz-Skepsis und Technopessimismus: Es gibt Auswege aus der Überforderung.

von Stefan Grissemann

Kennen Sie Joel und Ethan Coen? Das mit galligem Witz und zarter Melancholie operierende US-Brüderpaar, das eine Reihe unnachahmlicher Kino-Meisterwerke wie „Fargo“ (1996), „The Big Lebowski“ (1998) oder „Inside Llewyn Davis“ (2013) geschaffen hat? Wenn ja, dann wissen Sie vielleicht auch, dass die beiden ihre Arbeitspartnerschaft nach dem letzten gemeinsamen Film, der sarkastischen Western-Anthologie „The Ballad of Buster Scruggs“ (2018), auf Eis gelegt haben, möglicherweise für immer. Ethan Coen schließt zwar eine Rückkehr zu künftigen Kooperationen prinzipiell nicht aus, lässt aber durchblicken, dass ihm die Produktions- und Business-Routinen nach 35 Jahren unaufhörlicher Spielfilmerei immer weniger Freude gemacht habe, es daher Zeit war, getrennt und an anderen Projekten zu arbeiten.

Während Joel Coen unlängst eine hochstilisierte Kino-Adaption von Shakespeares „Macbeth“ vorgelegt hat, bastelte Ethan Coen an einem kleinen Dokumentarfilm über die Rock’n’Roll-Legende Jerry Lee Lewis („Great Balls of Fire“). Das Werk, genannt „Trouble in Mind“, hatte dieser Tage im Rahmen der Filmfestspiele in Cannes Premiere; und es ist eine sehr lebendige Archiv-Collage geworden, da der inzwischen 86-jährige Lewis, der alle seine Konkurrenten – von Elvis Presley und Chuck Berry bis Johnny Cash – überlebt hat, nach Notoperationen und Schlaganfall nur noch bedingt vernehmungsfähig ist. Also durchforstete Coen die Archive nach Material aus Lewis’ Karriere, nebenbei auch eine Fundgrube namens „Internet“, wie er in einem Interview unlängst sagte: Er glaube ja nicht ans Netz, „aber offenbar finden die Leute es ganz spannend“.  Er selbst warte nur darauf, bis die Aufregung darum sich wieder lege, fügte er lakonisch an. „Ich werde das in meiner Ignoranz einfach aussitzen und mir gar nicht erst die Mühe machen, groß in eine Sache einzusteigen, die jeden Tag wieder vorbei sein könnte.“

Man muss Coens ironischen Technopessimismus nicht teilen, um sein Misstrauen gegen die Suchteffekte des täglichen Online-Tauchgangs als erfrischend zu empfinden. Denn was tun wir da eigentlich, wenn wir, um Zeit zu sparen, unentwegt auf „Einverstanden“, „Akzeptieren“, „Zustimmen & fortfahren“ oder schlicht auf „I am happy“ klicken, um Webseiten besuchen zu können? Wenn wir unaufhörlich Cookies akzeptieren, Datenschutzerklärungen und personalisierte Werbung zulassen und die Weitergabe „personenbezogener Daten an Drittanbieter“ in Kauf nehmen? Ich kann Ihnen an dieser Stelle leider auch nicht genau erklären, was wir anrichten, wenn wir das alles ungeprüft abhaken (ich bin Kulturredakteur, kein IT-Ethiker), ich ahne aber: Schöner, besser oder produktiver macht es unser maschinenbasiertes Leben nicht.

Packen wir’s an – nur was?

Aber wie Sie an dieser Stelle so richtig anmerken: Es gibt natürlich aktuell viel Dringlicheres, als darüber nachzudenken, was die digitalisierte Welt mit unseren Privatleben anstellt. Die Zeit, die niemand mehr hat, um ansatzweise zu durchdringen, welchen elektronischen Überwachungsmechanismen wir uns freiwillig aussetzen, wird auch in dem Versuch aufgebraucht, für sich stündlich aufs Neue zu klären, ob man sich nun mit den Konsequenzen der Inflation, dem Kampf gegen die Klimakatastrophe, der geopolitischen Schadensbegrenzung oder der postpandemischen Gesellschafts-Rekonstruktion auseinandersetzen soll – oder am besten mit allem zugleich?

Die Müdigkeit des nachmodernen Menschen ist somit leicht nachvollziehbar. Die Kunst kann helfen – nicht als Anästhetikum oder Zerstreuungsangebot, sondern als Seismograf und Konzentrationshilfe. Ein Jerry-Lee-Lewis-Song aus den 1950er-Jahren kann das Gefühl der existenziellen Überforderung zwei Minuten lang lindern (und per Energiezufuhr kurzfristig neutralisieren), ein Film der Coen-Brothers Ihren Blick auf die Welt schärfen. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Print-Ausgabe dieses Magazins, Ihren Arzt oder Apotheker müssen Sie damit nicht behelligen.

Einen feinen Dienstag wünscht Ihnen

Stefan Grissemann