Sisi-Fantasie "Corsage"

© Ricardo Vaz Palma/Alamode Film

Filmfestspiele
05/21/2022

Umjubelte Weltpremiere von Marie Kreutzers „Corsage“

Marie Kreutzers gewagte Sisi-Fantasie erregte bei den Filmfestspielen in Cannes zu Recht einiges Aufsehen.

von Stefan Grissemann

Die Freiheit, die sich dieser Film im Umgang mit der Habsburger-Historie nimmt, teilt sich unmittelbar mit; in „Corsage“ wird nicht rekonstruiert, sondern fantasiert, das Leben der unglücklichen Kaiserin Elisabeth in aller Ungebundenheit nachempfunden, neu erzählt, eigentlich: geträumt. Das ausgehende 19. Jahrhundert trägt hier starke Züge des 21., das Filmmedium wird, anders als in Wirklichkeit, bereits in den 1870er-Jahren erfunden (es kann schwarzweiße Breitwandbilder liefern), und Backenbärte erweisen sich als bloß angeklebt.

Die sanften Popsongs, die den Film begleiten (zum Beispiel Camilles „She Was“ und „In Italy“ von Soap&Skin), verstärken den Eindruck des subtil Surrealen noch. Die österreichische Filmemacherin Marie Kreutzer legt mit „Corsage“ ihre bislang beeindruckendste Arbeit vor – profil berichtete. Die Loslösung von den harten historischen Fakten musste sich Kreutzer erst erkämpfen, auf manche Ratgeber verzichten: „Zwei oder drei Spezialisten in Sachen Hofzeremoniell sprangen während der Drehvorbereitung ab, als sie herausfanden, welchen Film ich machen wollte. Sie meinten, angesichts des Fantasieanteils in ,Corsage' ihre guten Namen zu riskieren.“

Es wäre nicht nötig gewesen, denn auch im Unwirklichen kann sich Wahrheit verbergen. Nachdem der Film am Freitag, am vierten Spieltag des laufenden 75. Filmfestivals in Cannes, zur Uraufführung gekommen, setzte es minutenlangen, euphorischen Applaus für Regie, Ensemble und Team. Die Trumpfkarte im Spiel ist jedoch Kreutzers Hauptdarstellerin: Die Luxemburgerin Vicky Krieps, die in den vergangenen paar Jahren eine veritable Weltkarriere hingelegt hat (und in Cannes übrigens auch in Emily Atefs „Plus que jamais“ vertreten ist, wo sie eine kämpferische Todkranke spielt) stellt Sisi unerhört vielschichtig, auch vielgesichtig und letztlich rätselhaft dar: als widerständige, aber angeschlagene Frau unter dem massiven Druck einer patriarchalen Gesellschaft; sie raucht, trickst, leidet, entzieht sich. Ihrem latenten Masochismus entkommt sie nicht. „Sie hat nur über diesen Körper noch Macht“, erklärt Marie Kreutzer im profil-Gespräch: „Sie kämpft regelrecht mit ihm.“ In vielerlei Hinsicht ist „Corsage“, auch seinem Titel gemäß, eine Studie der gewaltsamen Zurichtung weiblicher Psychen und Körper.

Die exzellente Kameraarbeit Judith Kaufmanns kommt umso besser zur Geltung, als die Regisseurin sich auch in ihren Schauplätzen und Kostümen um einen stark alternativen Look bemühte. „Den plüschigen Stil, den man in Kaiserapartments vorfindet, der ja auch nur eine Behauptung ist, wollte ich nicht, lieber alles schlichter, reduzierter gestalten. Auch die Kostüme: bitte rüschenfrei! Ich wollte das Ende der Monarchie miterzählen. Als wären alle guten Möbel schon verkauft.“ Für einen der Preise, die in der Sektion Un certain regard am kommenden Wochenende vergeben werden, hat sich „Corsage“ hier jedenfalls eindrucksvoll in Position gebracht.